HomeDer Unterschied zwischen Erfinder und Unternehmer

 

 

Historische Betrachtungen und Begriffsklärungen können oft mithelfen, Diskussionen fruchtbarer zu machen.

 

Joseph Alois Schumpeter hat 1912 Erfinder und Unternehmer, Invention und Innovation scharf auseinander dividiert. Ob er damit recht hatte, ist bis heute heftig umstritten. Was ein Blick in die Geschichte enthüllt, sei im folgenden kurz skizziert.

 

Ist Erfinden etwas anderes als Entdecken ?

 

«Columbus hat America erfunden», konnte man noch um das Jahr 1700 sagen. Das bedeutet, dass man damals noch nicht zwischen «Erfinden» und «Entdecken» unterschied. Erst im 18. Jahrhundert begann man, auch in Frankreich und England, zu unterscheiden.

 

·        Erfinden bedeutet: durch eigenes Nachsinnen Dinge und Vorstellungen hervorbringen, die bisher noch nicht oder nicht auf die gleiche Art existierten.

·        Entdecken heisst: nach einem zumeist planmässigen Suchen eine ausserhalb von uns liegende, bereits existierende, aber bisher verborgene Sache erkennen oder auffinden.

 

Ob sich diese sprachlich saubere Unterscheidung auch sachlich halten lässt, ist fraglich. Zwar hat der in der Französischen Revolution durch Gift gestorbene Marquis de Condorcet Erfindungen den Künstlern und Technikern zugewiesen, Entdeckungen den Wissenschaftern. Aber schon bald sah man, dass auch wissenschaftliche Theorien, solange sie unbestätigt bleiben, Erfindungen sind. Ferner zeigt sich bei genauerem Hinsehen:

 

·        Die Technik erfindet nicht Produkte, sondern Erzeugungs- und Herstellungsverfahren für materielle Produkte, die nach dem Nutzen für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse patentierbar sind.

 

·        Ein Künstler schafft nicht neue Dinge, sondern denkt sich verschiedene Möglichkeiten aus, von denen er die ästhetisch interessanteste auswählt.

 

Finden - Beurteilen - Bewerten - Verwerten

 

Im Griechischen «heuresis» und dessen lat. Übersetzung durch Cicero, «inventio», fällt noch zusammen, was die modernen europäischen Sprachen seit 1700 mit Erfindung und Entdeckung auseinanderhalten.

Der Begriff  Heuresis, resp. Invention hat seit Platon eine grosse Tradition:

 

·        Einerseits in der Rhetorik, Poetik und Ästhetik, und zwar stets in Verbindung mit «ingenium»,(Genie), und häufig auch der «Formung»; seit 1600 ergab sich eine Verbindung mit «Einbildung», seit 1700 mit dem deutschen Begriff «Genie».

 

·        Ebenso alt ist die Tradition der Invention in der Mathematik und Logik, und zwar von Anfang an in Zusammenhang mit der «Methode».

 

Aus dem Blickwinkel der Neuzeit unterscheidet man im Bereich der Erkenntnis

 

·        das Finden (inventio)

·        vom Beurteilen (iudicium), den Entdeckungs- vom Begründungszusammenhang, die Hypothese von der Verifikation.

·        Hinzu kommt als Drittes die Bewertung

·        und als Viertes die Verwertung.

 

Da die Philosophen des Altertums und des Mittelalters anders dachten und in einer andern geistigen Welt lebten als der neuzeitliche Mensch, sind diese Unterscheidungen erst im Laufe der Zeit deutlich geworden.

Ob eine Invention auf Genie (genius, ingenium) oder Zufall, Methode oder Inspiration, Imagination oder Intuition usw. beruht, ist, verglichen mit der Verwertung, von zweitrangiger Bedeutung. Das zeigt sich sowohl bei wissenschaftlichen Theorien als auch bei Kunstwerken, bei Patentverfahren ebenso wie bei Verbesserungsvorschlägen in Betrieben.

 

Der Erfinder: von der Hölle ins Labor

 

In Labors pröbelten, tüftelten und bastelten schon die Alchemisten und Mediziner des Altertums. Seit etwa dem Jahr 1000 wurde in den ersten ärztlichen Hochschulen erneut im Labor gearbeitet.

Von 1200 bis 1300 entstand eine eigenständige "europäische" Alchemie, die auch an den eben neu gegründeten Universitäten z. B. als Grundlage der Medizinerausbildung gelehrt wurde. Doch dann wurde die Alchemie von den Hochschulen ausgeschlossen und in die Praxis gedrängt. An weltlichen Höfen waren nun Goldmacher erwünscht. Labors schossen überall aus dem Boden.

Der legendäre Mönch Berthold Schwarz soll um 1354 oder 1380 bei Gelegenheit alchemistischer Experimente das Schiesspulver erfunden haben (allerdings war es schon längst bekannt). Um 1477 behauptete der Alchemist Thomas Norton aus Bristol, er habe einen Vielzweck-Ofen erfunden, in dem nicht weniger als 60 Operationen zur gleichen Zeit - jede bei einer anderen Feuertemperatur - vorgenommen werden konnten.

 

Das Experiment als Forschungsmethode forderten und praktizierten schon im 13. Jahrhundert Roger Bacon, Albertus Magnus und Arnoldus von Villanova. Doch erst in der Hochblüte der Renaissance gab es eine erste experimentelle Welle. Berühmte Namen sind:

·        Paracelsus, Fracastoro und Vesalius, Fernel und Paré

·        Tartaglias "Ballistik", Biringuccios "Pirotechnia", Agricolas "De re metallica"

·        Cardano, Benedetti, Palissy und della Porta.

 

Noch 1521 verwünschte Ludovico Ariosto in seinem Werk "Orlando Furioso" den Erfinder (der Feuerwaffe) in die tiefste Hölle. Aber schon ein halbes Jahrhundert später fing der Fortschrittsglaube an (z. B. mit Jean Bodin), sich seine zunehmend breiter werdende Bahn zu brechen.

 

Seit etwa 1580 hatten mit den mechanischen Werk- und Forschungsstätten - z. B. bei Galilei und Gilbert - auch die chemischen und medizinischen Laboratorien einen Aufschwung genommen: Andreas Libavius und Angelus Sala, Santoro, J. B. van Helmont und Harvey.

Den deutschen Jesuiten Athanasius Kircher verschlugen die Wirren des Dreißigjährigen Kriegs schliesslich nach Rom (1633), wo er von seinem Orden bald mehrere Gehilfen und Mitarbeiter für das von ihm errichtete naturkundliche Museum sowie für chemische und physikalische Forschungs- und Experimentierlaboratorien - die ersten größeren ihrer Art - zugebilligt erhielt.

Um 1660 konnte Frans de la Boë Sylvius die Verwaltung der Universität Leyden dazu bewegen, ihm ein chemisches Laboratorium für seine Untersuchungen einzurichten. Wenige Jahre später wird darüber berichtet, wie Isaak Newton in Cambridge sich jeweils im Frühling und Herbst wochenlang mit Versuchen in sein Labor eingeschlossen habe, über die er aber zu niemandem sprach.

Ums Jahr 1683 wurde Ambrose Godfrey Assistent des grossen Chemikers Robert Boyle. Sein eigenes Labor richtete er 1706 ein. Die Ausrüstung mit Geräten und Apparaten war so hervorragend, dass jeder Besucher von London, der an Wissenschaft interessiert war, die Southampton Street aufsuchte, an der sich Godfrey als Apotheker niedergelassen hatte.

 

Empirismus und Rationalismus

 

Man kann den Beginn der modernen Naturforschung um das Jahr 1581 sehen, als Galilei im Dom zu Pisa beim Beobachten eines schwingenden Kronleuchters die Pendelgesetze entdeckte. Nunmehr riss der Faden der Forschung nicht mehr ab. War bisher die Theorie der Praxis vorausgeeilt, so drehte sich dies nun um: Erst 1620 begründete Francis Bacon den methodischen Empirismus, erst 1637 René Descartes den methodischen Rationalismus. Beide trugen fortan unter der Fahne des "richtigen Verstandesgebrauches" Forschung und wissenschaftliches Denken weiter. Denn "Rationalismus und Empirismus sind verschiedene Antworten auf die gleichen Fragen" (G. Gawlick).

 

Das methodische und anwendungsorientierte Denken wurde fortan in zwei Richtungen ausgebaut: "Der ideale Rationalist glaubt an die Stärke des natürlichen Lichtes der Vernunft, das ihm weit über die Leistung der Sinne hinaus...Gewissheit garantierende Evidenz vermittelt.... Der ideale Empirist neigt demgegenüber dazu, ...allein die nach verbindlichen Regeln überprüfte Erkenntnis von Einzeltatsachen für gewiss zu halten und zu unterstellen, dass die menschliche Vernunft nicht in der Lage ist, irgendwelche darüber hinausgehenden nichttrivialen Gewissheiten zu vermitteln" (R. Specht, vgl. auch G. Gawlick).

 

Die meisten Rationalisten wie Empiristen waren Denker und Forscher, welche einen weiten Horizont überschauten. Descartes schrieb nicht nur über analytische Geometrie, Physik, Philosophie und Kosmologie, sondern auch über Physiologie und die "Leidenschaften der Seele".

Hobbes' Erkenntnis- und Motivationstheorie waren ebenso umstritten wie seine Rechts- und Staatsphilosophie. Blaise Pascal, der Bedeutendes für Mathematik, Physik und Religionsphilosophie leistete, konstruierte auch Rechenmaschinen. Er war sich auch nicht zu gut, auf Anfragen eines Glücksspielers einzugehen und daraus die Wahrscheinlichkeitstheorie zu entwickeln. Angeregt durch einen Briefwechsel mit Pascal und Pierre Fermat entwarf der Mathematiker, Physiker und Astronom Christian Huygens eine vollständige Theorie des Würfelspiels (1657).

 

1668 begründete der Geistliche Glanvill in seiner Rechtfertigungsschrift für die eben gegründete Royal Society den Vorrang technischer Fragen für die Entwicklung der Wissenschaft durch «Plus ultra».

 

Industrieeigene Forschung und unzählige anonyme Verbesserungen

 

Im chemischen und metallurgischen Sektor taucht die erste «industrieeigene» Forschung auf. Eine der ersten Fabriken war die 1679 in der Münchner Vorstadt Au errichtete «Churfürstliche Fabrica Wollwerck». Schon 1690 beschäftigte diese Tuchmanufaktur 2000 Personen. In solchen Grossbetrieben musste man sich gewiss schon mit Fragen der Spinn- und Webetechnik sowie des Färbens und Veredelns abgeben. Jedenfalls ist einige Zeit später von der Porzellanfabrik in Sèvres (seit 1756) bekannt, dass sie eine «Forschungsabteilung» aufwies, «in der an Glasuren, Emaillen und Farben gearbeitet wurde» (Peter Mathias).

Mag die Bezeichnung Forschungsabteilung auch hoch gegriffen sein, naheliegend ist jedenfalls, dass seit alters in Werkstätten oder Privathäusern, an Hochschulen oder am Arbeitsplatz gepröbelt und gebastelt wurde. Wenn wir nämlich gebannt auf einzelne Erfinder-Genies oder Institutionen schauen, übersehen wir etwas Wichtiges:

 

·        «Der tatsächliche Fortschritt einer jeden grösseren Erfindung hing nicht nur von grundlegenden Fortschritten berühmter Personen ab, sondern auch von unzähligen kleineren Verbesserungen seitens Unbekannter» (Peter Mathias). Oder:

 

·        Technische Veränderungen, die zu erhöhter Eiffizienz führten, wurden nicht nur durch grössere Innovationen, sondern durch kleinere, vom technischen Hilfspersonal am Arbeitsplatz eingeführte Verbesserung bewirkt (nach Samuel Hollander).

 

Solches gilt für den Bergbau und das Hüttenwesen so gut wie für die Textil- und Maschinenindustrie.

 

Research and Development

 

Als James Watt 1763/65 im Museum der Universität Glasgow ein Modell der Newcomen-Dampfmaschine reparieren sollte, bastelte er einige Zeit daran herum. Als er auf die Idee kam, den Dampf ausserhalb des Zylinders zum Kondensieren zu bringen, ging es schnell. In drei Tagen hatte er  ein funktionsfähiges Modell einer Apparatur hergestellt, bei welcher der Arbeitszylinder vom Kondensator getrennt war.("In three days, I had a model at work nearly as perfect.") Aber bis die erste richtige Dampfmaschine installiert werden konnte, brauchte es noch elf Jahre hartnäckiger Entwicklungsarbeit mit insgesamt 60 Mannjahren Aufwand.

 

Inzwischen hatte Watt mit dem Eisenindustriellen Dr. John Roebuck (Carron) einen Teilhaber gefunden, der ihn 1768 mit dem Konstrukteur und Unternehmer Matthew Boulton bekannt machte. Dieser hatte sechs Jahre zuvor seine Metallwarenfabrik von Birmingham nach dem benachbarten Soho verlegt. Es kam zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit, und Watt siedelte 1774 nach Soho über. F. M. Scherer meint, die Firma Boulton & Watt habe zu dieser Zeit bereits «the equivalent of a research and development laboratory» gehabt.

 

Michael Faraday wurde 1825 schon Direktor des Laboratoriums der Royal Institution. Justus von Liebig richtete, bald nachdem er mit 21 Jahren Professor in Giessen geworden war (1824), dort eines der ersten Universitäts-Laboratorien für den Unterricht ein.

 

Aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts wuchsen aus Werkstätten und Bastelstuben so etwas wie Industrielabors heraus. Um 1850 liess Alfred Krupp in einer streng vom übrigen Betrieb abgeteilten Werkstatt - sinnigerweise von den Mitarbeitern «Sibirien» genannt - Versuche zur Entwicklung einer nahtlosen Radbandage für Eisenbahnräder herstellen. Ferner lässt sich verfolgen, wie aus dem in den 1850er Jahren bei Siemens & Halske eingerichteten «Experimentierzimmer» um 1868 ein erstes Laboratorium entstand. Das war im selben Jahr, als auch die Farbwerke Hoechst und BASF systematisch Chemiker mit Universitätsausbildung einzustellen begannen und für sie Laboratorien einrichteten.

Bald folgte die Schweiz mit Geigy und CIBA. Die Franzosen und Briten unterliessen dies jedoch, weshalb ihre organische und feinchemische Industrie bis zum Ersten Weltkrieg zur Unbedeutsamkeit schrumpfte.

 

Die Amerikaner setzen die erste Einrichtung eines Research-and-Developments-Laboratoriums auf das Jahr 1876 an, als Thomas Alva Edison sein berühmtes Labor in Menlo Park und Alexander Graham Bell ein analoges in Boston einrichtete.

 

Neuerungen führen zu Aufruhr

 

Schon im «Fegefeuer» (von Dante) ist von «innovare» die Rede. Machiavelli - wen wundert’s? - erfand den «innovatore», Shakespeare den «innovator» - und übrigens auch den «manager» und die nicht-göttliche, also menschliche «creation». (Auf Shakespeare wurde umgekehrt 1875 zum ersten Mal der Begriff «poetic creativity» angewandt.)

 

Bereits vor Shakespeare wurde Innovation mit politischer Revolution gleichgesetzt. Er selber hat sie im «Henry IV.» mit «tumultösem Aufruhr» (‘hurly burly innovation’) in Beziehung gesetzt.

 

Zur selben Zeit machte sich Francis Bacon Gedanken «über Aufstände und öffentliche Unruhen» und meinte: «Die Ursachen und Beweggründe zu Aufständen sind Neuerungen in der Religion, Steuern, Änderungen an Gesetzen und Herkommen, Entziehung von Gerechtsamen, allgemeine Unterdrückung, Beförderung unwürdiger Personen und Fremder, Hungersnot, entlassene Heere, zur Verzweiflung getriebener Parteien und was sonst noch das aufgebrachte Volk zu gemeinschaftlicher Sache vereinigt und zusammenknüpft...

Die vornehmste Verhütungsmassnahme besteht darin, dass man auf jede erdenkliche Art und Weise die tatsächliche Ursache zu Unruhen, wovon wir sprachen, aus dem Wege räumt, nämlich Not und Armut im Reiche.»

 

Wandel durch Wechsel

 

Aber auch die «Wandelbarkeit der Dinge» fand Bacons Beachtung. «Die grösste Wandelbarkeit alles Menschlichen» beispielsweise zeigt sich seiner Ansicht nach «im Wechsel der Sekten und Religionen». Wechsel und Unbeständigkeit kommen ferner im Krieg häufig vor, «besonders aber in drei Fällen: Wechsel des Kriegsschauplatzes, der Waffen und der Art der Kriegsführung».

Damit ist schon ums Jahr 1600 vorgezeichnet, was dann seit Comte, Tocqueville und Marx geschichtsphilosophisch und soziologisch untersucht wurde. Das Augenmerk richtet sich dabei vor allem auf «Konflikte», die soziale Randstellung der Neuerer und das Aufbrechen von Traditionen, sozialer Kontrolle und Institutionen. Auch die Ausbreitung von Neuerungen durch Diffusion und Kulturkontakt, Akzeptanz und Akkulturation findet seit bald hundert Jahren zunehmend Beachtung, seit dem Zweiten Weltkrieg auch in Entwicklungsländern.

 

Der Mensch hinkt der Technik hintennach

 

Bekannt geworden ist William F. Ogburns These vom «cultural lag» von 1922: «Changes in material culture precede changes in adaptive culture.» Die meisten seiner Beobachtungen beziehen sich auf das Auseinanderklaffen zwischen technischen Möglichkeiten und Entwicklungen einerseits und den ihnen nicht mehr angemessenen menschlichen Verhaltensweisen andererseits.

Diese Auffassung wurde später ausgeweitet: Jede kulturelle Gegenwart weist gleichzeitig Einstellungen, Moralvorstellungen und Praktiken auf, die zu verschiedenen Zeiten einmal Geltung hatten. Das zeigt sich etwa in unterschiedlichen Lebensstilen, in Gesetzgebung und Rechtsprechung und in der Meinung, Krieg sei auch heute noch ein legitimes oder sinnvolles Instrument der Konfliktlösung.

Ein «cultural lag» kann sogar in ein und demselben Menschen vorkommen, der bezüglich verschiedener Werte und Erkenntnisse progressive wie traditionelle Haltungen einnimmt, z. B. ein Physiker, welcher der christlichen oder östlichen Mystik anhängt, oder ein Manager, der sich auf Astrologie oder magische Praktiken stützt.

 

Verpasste Anpassung bewirkt Störungen im ganzen System

 

Ogburn hat bereits eine Systemtheorie für den sozialen Wandel aufgestellt. Er ging davon aus, dass jeder Teil und Vorgang einer Kultur mit jedem anderen zusammenhängt. Wenn also in einem Teil der Kultur, der sich einer neuen technisch oder wirtschaftlich bedingten Lage anzupassen sucht, «lags» oder Reibungen auftreten, oder wenn die Anpassung nicht glückt, weil sie zu spät kommt, obwohl sie angemessen oder zweckentsprechend gewesen wäre, dann pflanzen sich diese Störungen auch in andere Gebiete einer Kultur fort, die zunächst von dem Problem nicht berührt wurden.

 

So kann sich die Einführung eines neuen Mediums (Telephon, Schallplatte, Film, Radio, Tonband, Fernsehen) oder Werkzeugs (Auto, Flugzeug, Automat, Computer) über die Veränderung von Lebensgewohnheiten, sozialen Beziehungen und Arbeitsformen bis in die Veränderung von Denkstrukturen, Weltanschauungen und Glaubensinhalten auswirken. 1933 konnten Ogburn und S. C. Gilfillan 150 verschiedene Einflüsse der Erfindung des Radios nachweisen, und 1946 zählte Ogburn über hundert «Impulse», die vom Flugzeug ausgegangen sind.

 

Was tut der dynamische Unternehmer?

 

Ebenso umstritten wie Ogburns These blieb die vom österreichischen Nationalökonomen Joseph Alois Schumpeter entwickelte «Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung» (1912). Er setzt 1905 beim Krisenproblem an und hat nach seiner Überzeugung als erster eine Theorie der «dynamischen» (statt statischen) Wirtschaft aufgestellt. Die Entwicklung beruht auf «schöpferischem Neugestalten», und dieses erfolgt durch den «dynamischen Typus des Handelns». Verkörpert wird er durch den Unternehmer. Solche Persönlichkeiten haben, u.a., Energie des Handelns, Freude an sozialer Machtstellung und Freude am schöpferischen Gestalten.

Ihre Betätigungen «bestehen in der Durchsetzung neuer Kombinationen der vorhandenen wirtschaftlichen Möglichkeiten». D.h., es muss «Neues», also «Neuartiges» geschaffen werden. Das ist etwa

 

·                    «die Produktion eines bisher noch nicht bekannten Gutes», z.B. «das vorhandene und schon bisher befriedigte Bedürfnisse besser befriedigt»

·                    «die Einführung einer neuen Qualität eines Gutes»

·                    eine «neue Verwendung eines bereits bekannten» Gutes

·                    die «Ersetzung sei es eines Produktionsgutes oder eines Genussgutes durch ein anderes..., das dasselbe oder annähernd dasselbe leistet, aber billiger ist»

·                    «eine neue Produktionsmethode», samt der «Einführung von Maschinen»

·                    die «Erschliessung eines neuen Marktes», also das «Aufsuchen neuer Absatzorte» usw.

·                    die «Änderung der wirtschaftlichen Organisation», samt «Neuerungen in den kommerziellen Kombinationen», z.B. «die Wahl einer neuen billigeren Bezugsquelle für Produktionsmittel, etwa einen Rohstoff»

·                    «die Gründung einer neuen Unternehmung».

 

Aufgreifen und Realisieren von «neuen Kombinationen»

 

Und nun Schumpeters Credo: «Die neuen Kombinationen kann man immer haben, aber das Unentbehrliche und Entscheidende ist die Tat und die Kraft zur Tat.» Die neuen Kombinationen bestehen zunächst nur «im Bewusstsein einiger Leute» und sind vorerst «so bedeutungslos wie die Kanäle im Mars». Das ändert sich erst, wenn sie von jemandem, der «nicht ängstlich auf das Risiko blickt», aufgegriffen und realisiert werden.

 

«Der Unternehmer ist unser Mann der Tat auf wirtschaftlichem Gebiete. Er ist der wirtschaftliche Führer, ein wirklicher, nicht bloss scheinbarer Leiter wie der statische Wirt

 

Auf diesem Hintergrund wird Schumpeters legendär gewordene Trennung von Unternehmer und Erfinder (Abb. 1) verständlich. In der zweiten Auflage der «Theorie der wissenschaftlichen Entwicklung», 1926, hat er erneut betont: «Die Funktion des Erfinders oder überhaupt Technikers und die des Unternehmers fallen nicht zusammen. Der Unternehmer kann auch Erfinder sein und umgekehrt, aber grundsätzlich nur zufälligerweise.»

 

Diese Thesen hat er dann unter dem Eindruck der Untersuchungen von Ogburn, Gilfillan und dem jungen Robert King Merton 1939 in seinem Buch «Konjunkturzyklen» (dt. 1961) als «Theorie der Innovation» ausgebaut. Hier sieht er Entdeckung und Erfindung als «äussere Faktoren», Innovation dagegen als «inneren Faktor», der eine «reine Sache des unternehmerischen Verhaltens» ist. Daher der sonst befremdlich klingende Satz: «Innovation ist möglich ohne irgendeine Tätigkeit, die sich als Erfindung bezeichnen lässt, und Erfindung löst nicht notwendig Innovation aus.»

 

Ähnlich wie Schumpeter 1912 unterschied zwei Jahre später Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld in seiner Abhandlung "Wirtschaft und Technik" die Erfindung von ihrer "wirtschaftlichen Rezeption", welch letztere er als "technischen Ausbau der Produktion" fasste. Und er meinte: "So mühevoll das eigene Werden der Erfindung ist, vom Standpunkt der Wirtschaft aus ist die Erfindung doch bloss der leichte Gedanke, ihr gegenüber erst der Ausbau die schwere Tat."

 

Seit wann gibt es kommerziell erfolgreiche Erfinder?

 

Was zeigt ein Blick in die Geschichte (Abb. 2)?

 

Die meisten "Erfinder" des 15. Jahrhunderts waren noch nicht kommerziell erfolgreich. Johannes Gutenberg beispielsweise verlor nach dem Druck seiner Bibel Hab und Gut, starb als gebrochener Mann und war bald vergessen.

 

Auch der geniale Leonardo da Vinci ( seit 1480) und seine Nachfolger am französischen Hof, Jacques Besson und Agostino Ramelli, beides Verfasser berühmter "Maschinenbücher" (um 1565, ersch. 1578;  und 1588), der Ingenieur und Automatenbauer Juanelo Turriano am spanischen Hof (um 1560), sowie Jacopo de Strada an den Höfen von Wwien und Prag oder der vielseitige Napolitaner Giambattista della Porta wurden nicht als Krösusse berühmt. Selbst von den genialen Feinmechanikern in Augsburg und Nürnberg, welche wunderbare kleine Kunstwerke, Apparate und Automaten bauten, ist nichts von übermässigem Reichtum bekannt.

 

Erst im Barock scheint es einigen kleveren Köpfen gelungen sein, Profit aus Ihren Entdeckungen oder Erfindungen zu schlagen. Etwa zur gleichen Zeit wie die moderne Naturwissenschaft entstand um 1580 als praktisches Gegengewicht der Beruf des "Projektemachers" (Abb. 3), auch "undertaker" genannt. Ben Johnson schrieb ein Theaterstück zum Thema "What is a Projector?", Thomas Brugis beschrieb 1641 "The discovery of a Proiector".

 

Frühe Projektemacher waren etwa die Niederländer Simon Stevin und Cornelius Drebbel. Der vielseitige Mathematiker, Physiker und Ingenieur Stevin baute das erste mit einem Windsegel versehene Landfahrzeug(1599). Der Tausendsassa Drebbel baute auch den ersten alchemistischen Ofen mit automatischer Temperaturregelung (1610). Sein Unterseeboot soll bei einer Probefahrt in der Themse funktioniert haben (1624). Das Geschäft machte er jedoch durch die Einführung einer scharlachroten Farbe.

 

Der Chemiker Johann Rudolf Glauber war Erfinder und Produzent in einer Person. Um 1650 stellte er in seinem Labor eine ganze Reihe Mineralsäuren und organische Verbindungen wie Azeton, Benzol und Phenol dar, und verkaufte sie auch mit Erfolg. Ähnliches Geschick, wissenschaftliche Eifer und kaufmännisches Talent zu verbinden zeigte um 1700 der Arzt Friedrich Hoffmann. Neben seinen "Tropfen" erfand er eine ganze Reihe neuer Arzneien.

 

Die Pendeluhr des grossen Wissenschafters Christian Huygens wurde 1657 von den Generalstaaten patentiert. Seine Erfindung des Torsionspendels (1675) erlaubte erstmals die Herstellung von Schiffschronometern. Schon ein paar Tage nachdem er es der französischen Akademie der Wissenschaften vorgeführt hatte, erhielt er die alleinigen Herstellungsrechte. Sie machten ihn bald zum reichen Mann. (Sigvar Strandh)

 

Der Arzt William Petty war ein Multitalent und unermüdlicher Projektemacher. Er gehörte 1662 zu den Gründern der Royal Society und bereicherte die von König Charles II. ins Leben gerufenen Segelregatten mit der Konstruktion der ersten Katamarane (1662). Weniger Glück hatte zur gleichen Zeit der Alchemist, Pädagoge, Arzt und unermüdliche Erfinder Johann Joachim Becher. Er beriet um 1670 Kaiser Leopold I.

 

Immerhin lässt sich sagen, dass seit dieser Zeit die Verbindung Erfinder-Unternehmer immer häufiger anzutreffen ist. Der Bogen spannt sich dabei von Sir Ambrose Crowley (1682/90), Sir T. Lombe (1709), Abraham Darby (1709), Thomas Newcomen (1712), John Roebuck (1746), Richard Arkwright (1769), John Wilkinson, James Watt (1774) und Eli Whitney über Henry Maudslay, Georg Stephenson (1832), Samuel Colt (1836), Isaak Singer, Georg Armstrong, Henry Bessemer (1856) und Werner Siemens bis Alfred Nobel, Graham Bell, T.A. Edison und G. Marconi (1897).

 

Auf ganz anderen Gebieten waren wirtschaftlich erfolgreiche Pioniere z. B.: Johann Jakob Astor (Gastronomie), Maximilian Berlitz (Sprache), F. A. Brockhaus (Lexikon), Buffalo Bill (Zirkus), Thomas Cook (Reisen), Julius Maggi (Suppen) und G. M. Pullmann (Eisenbahn).

 

Zu den eher seltenen Fällen, in denen Wissenschafter als Unternehmer tätig waren, gehören Joseph von Fraunhofer (gest. 1826) - der als Glasschleifer sowohl zu wissenschaftlichen Ehren kam wie auch seine optische Werkstätte gänzlich strengen wissenschaftlichen Theorien unterstellte - und Charles Parsons, der Erfinder der Dampfturbine (1884).

Noch seltener kommt es vor, dass ein Erfinder keine Patente anmeldet und seine Produkte uneigennützig der Allgemeinheit zur Auswertung überlässt. Wilhelm Conrad Röntgen tat dies. Er starb an den Folgen einer langjährigen Unterernährung.

 

 

Literatur

 

Bernal, John Desmond: Wissenschaft. Reinbek: Rowohlt Bd 2. 1970 (engl.: Science in History, zuerst 1954).

Brentjes, Burchard/ Richter, Siegfried/ Sonnemann, Rolf: Geschichte der Technik. Leipzig: Aulis Verlag; Köln: Deubner 1978.

Day, Lance/ McNeil, Ian (Ed.): Biographical Dictionary of the History of Technology. London: Routledge 1996.

Gawlick, Günter (Hrsg): Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung. Bd. 4: Empirismus. Stuttgart: Reclam 1980, 10-11.

Giedion, Siegfried: Die Herrschaft der Mechanisierung. Europäische Verlagsanstalt. 1982; Zürich: Ex Libris 1985 (engl. 1948).

Gilfillan, S. Column: The Sociology of Invention. Chicago: Follett 1935.

Gimpel, Jean: La révolution industrielle du moyen age. Editions du Seuil 1975; engl: The Medieval Machine. The Industrial Revolution of the Middle Ages. New York 1976; dt.: Die industrielle Revolution des Mittelalters. Zürich: Artemis 1980.

Giscard d'Estaing, Valérie-Anne/Young, Mark: Inventions and Discoveries. New York: Facts On File 1993.

von Gottl-Ottlilienfeld, Friedrich: Wirtschaft und Technik. In: Grundriss der Sozialökonomik. II. Abt. I. Buch B V, 204-381, 1914; 2. Aufl. 1923.

Hausen, Karin/ Rürup, Reinhard (Ed.): Moderne Technikgeschichte. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1975; darin: Peter Mathias: Wer entfesselte Prometheus? Naturwissenschaft und technischer Wandel von 1600 bis 1800, 73-95; Milton Kerker: Die Naturwissenschaften und die Dampfmaschine, 96-105; John J. Beer: Die Teerfarbenindustrie und die Anfänge des industriellen Forschungslaboratoriums, 106-118.

Hollander, Samuel: The Sources of Increased Efficiency. A Study of Dupont Rayon Plants. Cambridge, Mass. 1965.

Klinckowstroem, Carl Graf von: Knaurs Geschichte der Technik. München: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf 1959; ergänzte Aufl. 1972.

Merton, Robert King: Fluctuations in the Rate of Industrial Inventions. Quarterly Journal of Economics, Mai 1935, 454-474.

Ogburn, William Fielding: Social Change with Respect to Culture and Original Nature. New York: B.W. Huebsch 1922, Neuausg. 1950.

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Schumpeter, Joseph Alois: Business Cycles. New York; London: MacGraw-Hill 1939; dt,: Konjunkturzyklen. 2 Bde, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1961.

Specht, Rainer (Ed.): Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung. Bd. 5: Rationalismus. Stuttgart: Reclam 1979, 15f.

Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Wissenschaft. Stuttgart: Kohlhammer 1954 und öfters; auch als Fischer Taschenbuch.

Strandh, Sigvard: Die Maschine. Freiburg: Herder 1980 (schwed. 1979), 51f.

Timm, Albrecht: Kleine Geschichte der Technologie. Stuttgart: Kohlhammer, Urban Bücher Bd. 78, 1964.

Troitzsch, Ulrich/ Gabriele Wohlauf (Ed.): Technik-Geschichte. Historische Beiträge und neuere Ansätze. Frankfurt: suhrkamp taschenbuch wissenschaft 319, 1980.

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((Unter dem Titel: „Sind innovative Unternehmer tatsächlich Aufrührer? - Über Erfinder und Unternehmer im Laufe der Geschichte“, erschienen: io Management Zeitschrift 56 (1987), Nr. 9, 436-440))

 




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