Der Triumph der Digitalisierung - Von der Geburt des Informationszeitalters

Vortrag von Heinz Zemanek, Technische Universität Wien,
für die Sommerakademie Pro Scientia, Matrei, 28.08.2002


Ein bearbeiteter Auszug aus www.univie.ac.at/proscientia/SoAk2002/Zemanek.doc
(Hervorhebungen und eingefügte Links von Eberhard Liß - www.liss-kompendium.de)


Informationstechnik auf dem Weg zur Geisteswissenschaft


Triumph und Überforderung

Information (siehe » Begriffsbestimmung von Heinz Zemanek) ist nur ausnahmsweise von der Objektivität der naturwissenschaftlichen Wahrheit. Dann ist sie künstlich objektiv gemacht, meist formalisiert, von reichlich Logik und Mathematik getragen und nur innerhalb gewisser Grenzen so gültig (über diese Grenzen pflegen sich die Fachleute zu wenig Gedanken zu machen). Die meiste Information hat subjektive Züge (auch die naturwissenschaftliche Information wird von jeder Generation neu formuliert oder sie ist veraltet) und man dürfte behaupten, dass alle Information vom Menschen ausgeht und grundsätzlich beim Menschen endet - sie ist nur in Büchern und Computern zwischengespeichert und bekommt ihren Wert erst, wenn sie ein Mensch aufnimmt und benutzt. Außerdem ist die meiste Information kontextabhängig - ändert sich das Netz, die Nutzumgebung, in welchem sie gewonnen wurde oder für das sie bestimmt ist, muss auch sie geändert werden oder sie verliert ihre ursprüngliche Natur.

Im Computer gespeicherte und aus dem Computer kommende Information entbehrt des Kontexts, sie ist unvollständig, wenn Empfänger und Benutzer nicht schon vorher im Besitz dieses Kontexts sind. Das ist der Grund, warum die Fülle der Computerinformation Fragen so selten beantwortet und so häufig weit mehr weitere Fragen aufwirft.

Hans Hass, der berühmte Taucher und Tiefseeforscher hat in seinem philosophischen Buch "Ergonon" die völlig richtige Behauptung aufgestellt, dass man eine Spinne erst dann voll zu verstehen vermag, wenn man sie zusammen mit ihrem Netz studiert. Genau so ist die Informationstechnik erst mit ihrem Sinn zu begreifen, wenn man das Netz mitbetrachtet, für das sie arbeitet (und wenn die Ingenieure der technischen Lösung dieses Netz beim Entwurf mitberücksichtigt haben). Mit andern Worten: Information ist nicht nur subjektiv, sondern auch sozial, und diese Einsicht eröffnet weit mehr Perspektiven als sich in einem Vortrag beschreiben lassen.

Daher bezeichne ich die Informationstechnik als Geisteswissenschaft. Hier ist "Technik" nicht als Apparatur verstanden, sondern als Wissensgebiet, als Können. Natürlich gehört sie auch zur Naturwissenschaft. Sie ist daher nicht nur Brücke, sie ist eine Vereinigung der beiden, und ich hoffe, dass sie zum Zuschütten der Kluft zwischen "den beiden Kulturen" (Snowdon) führen wird. Dafür ist allerdings noch viel Arbeit zu leisten, dafür sind eine Reihe von Ansichten zu ändern. Es dürfen die Geisteswissenschaften die Informationstechnik nicht weiter im Stich lassen, und dazu haben sie eine Reihe von Hausaufgaben zu erledigen, die sie bisher versäumt haben. Und die Informationstechnik darf sich nicht länger auf ihre Formalstrukturen beschränken oder gar nur auf die Computerherstellung.

Informationstechnik bedeutet ja Eingriff in Information und damit Eingriff in Texte, die Geist mit sich führen. Solche Technik kann man nicht betreiben wie die klassische Fertigungs- und Energietechnik, die den Sinn des Geschaffenen auf die rechte Funktion beschränken durften.

Dem 21. Jahrhundert ist eine gewaltige Aufgabe gestellt - und damit ist dem akademischen Nachwuchs eine gewaltige und verantwortungsvolle Aufgabe gestellt. Zuerst einmal ist die Flut der positiven und der negativen Information, der untereinander so undurchschaubar verknüpften Informationsflüsse unter Beherrschung zu bringen und dann (noch besser: zugleich) ist der Sinn von all dem, was wir mit Hilfe der Informationstechnik hervorzubringen vermögen, ebenso in Griff zu nehmen wie die technischen Strukturen, mit deren Hilfe die Sinnverarbeitung möglich geworden ist. Die geistige Einstellung zur Welt ist in Wirklichkeit niemals Privatangelegenheit gewesen. Im 21. Jahrhundert wird sie zur Arbeitsgrundlage der Informationstechnik werden. Das Ende der Informationstechnik ist daher nicht abschätzbar, eine Generation wird gar nicht reichen, um eine Vorstellung von den Gesamtmöglichkeiten zu entwickeln. Sie alle, liebe Kollegen - aus allen Berufen - werden mit dieser Technik ein Leben lang Mühe haben, werden neue Aspekte erleben und sich damit auseinandersetzen müssen.


Zusammenfassung

Die Informationstechnik ist ein Kind des 20. Jh. Heute erhalten wir herrlich viel Information und heute erleiden wir schrecklich viel Information. Es wird eine Hauptaufgabe des 21. Jh. - der jetzt studierenden Generation - sein, die Fülle beherrschbar zu machen.

Es geht nicht nur um Beschleunigung und Vervielfachung des immer schon laufenden Informationsaustausches: wirklich und grundsätzlich Neues hat die Welt mittels dieser Technik erfasst und dieses Neue wandelt sie noch stärker. Es ist nicht leicht, das Wesen dieses Wandels zu erkennen; und die Beherrschung verlangt über solides Handwerkerkönnen hinaus geistige Leistung: die Informationstechnik ist auf dem Weg, eine Geisteswissenschaft zu werden.

Das Informationszeitalter ist ein Triumph der Digitalisierung. Das Körnige ist mächtiger als die glatte Vorstellung. Der Grund ist die Klarheit, Verläßlichkeit und Störsicherheit der Ja-Nein-Entscheidung samt der auf ihr aufbauenden Aussagenlogik. Haben Speicherung und Transport von Energie (es begann mit der Nahrung) die bisherige Geschichte der Technik dominiert, so beherrschen seit dem 20. Jh. Speicherung und Transport von Information die Entwicklung. Aber es geschieht noch mehr. Der Buchdruck machte gespeicherte Information in neuer Breite zugänglich und revolutionierte damit das gesamte Denken. Die Informationstechnik übertrifft den Buchdruck nicht nur in Geschwindigkeit, Menge und Billigkeit, sondern sie arbeitet überdies an der Information selbst. was bisher dem Menschen vorbehalten war. Die daraus entstehende Revolution muss daher jene des Buchdrucks um Größenordnungen übertreffen. Sie hat erst begonnen. - Ihre Generation wird mit der Hauptarbeit konfrontiert sein und mit der drängenden Aufgabe, das Negative daran zu reduzieren.


Curriculum Vitae Prof. Dr. Heinz Zemanek

Heinz ZEMANEK, geboren am 1 JAN 1920 in Wien; von der Volksschule bis zur Technischen Universität alle Studien in Wien (Dipl.-Ing. 1944, Dr. techn. 1950, Dozent 1958). Nach dem Militärdienst - in einer Telephoneinheit und als Lehrer an der Armee-Nachrichtenschule Saloniki, und dann in der Radar-Forschung der Deutschen Luftwaffe - versuchte er, eine elektrotechnische Firma zu gründen, kehrte aber bald als Assistent an die Technische Hochschule Wien zurück, wo er von 1947 bis 1961 blieb.

Für das Studienjahr 1948/49 erhielt er ein Stipendium der Französischen Regierung in Paris (Sorbonne, École Supérieure de Télécommunications, École Normale Supérieure, Forschungslaboratorium der PTT). Während seiner 14-jährigen Assistentenzeit arbeitete er in der Digitalen Übertragungstechnik, an Kybernetischen Modellen, Informationstheorie und Schaltalgebra. Damit und mit einem Relaisrechner bereitete er sich auf eine Computerentwicklung vor. Im Jahre 1954 sammelte er eine Gruppe von Studenten um sich, die mit ihren Diplomarbeiten den Bau eines der ersten vollständig transistorisierten Computers auf dem europäischen Festland vorbereiteten. Dieser Computer, der den Namen MAILÜFTERL erhielt, war eine Art persönlicher Unternehmung ohne offiziellen Universitätshintergrund (aber gebilligt), unterstützt durch die inländische und ausländische Industrie und durch den Verband der Banken und Bankiers; 1959 und1960 durch die Amerikanische Armee). Parallel dazu wurde in ähnlicher Technik ein Vocoder entwickelt.

1961 übersiedelten beide Gruppen von der TU zur IBM. Die IBM hatte angeboten, um die MAILÜFTERL- und Vocoder-Gruppe ein IBM-Laboratorium Wien aufzubauen. Das Telephon-Antwortgerät für Tabellenabfrage auf der Basis des Vocoders IBM 7772 in der Familie IBM/360 war das erste Produkt, das auf der Arbeit des Labors beruhte. Die Hauptleistung des Wiener Laboratoriums war dann die Formale Definition der Programmiersprache PL/I. Eine IFIP-Arbeitstagung über "Formal Language Description Languages" (die erste, die zum Modell für alle späteren IFIP-Arbeitstagungen wurde) half auf den Weg zur Entwicklung der Definitionsmethode VDL, später VDM, die dann auch international weiterentwickelt wurde.

Die genannte IFIP-Arbeitstagung war ein Nebenprodukt einer andern Tätigkeit, die Heinz Zemanek 1961 begann, nämlich der Vorsitz des IFIP-Technischen Komitees No. 2 über Programmierungssprachen. Von 1967 an war er dann der Reihe nach Trustee, Vizepräsident und (1971 - 1974) Präsident der IFIP. 1977 wurde er zu ihrem Ehrenmitglied gewählt.

Im Jahre 1976 wurde Heinz Zemanek zum IBM-Fellow ernannt. Er wählte als Arbeitsgebiet die Theorie des Systementwurfs und nannte sie Abstrakte Architektur. Im Jahre 1985 trat er in den Ruhestand der IBM; an der TU Wien lehrt Heinz Zemanek bis heute (ohne Unterbrechung seit 1947 zwei Vorlesungen pro Studienjahr). Während des Studienjahres 1985/86 hatte er einen Lehrstuhl für Geschichte der Informatik an der TU München und während des Studienjahres 1988/89 gab er eine Vorlesungsreihe über "Das geistige Umfeld der Informationstechnik" im Rahmen der SEL-Stiftung an der Universität Stuttgart (die als Buch erschien).

Neben dem Aufarbeiten seiner bisherigen Haupttätigkeitsfelder beschäftigt sich Heinz Zemanek im Ruhestand vorwiegend mit der Geschichte und mit der Philosophie der Informationstechnik. Außerdem hat er an mehreren Museumsprojekten mitgearbeitet.

Heinz Zemanek hat über 520 Publikationen geschrieben, darunter 12 Bücher.


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