Kopie der Seite http://www.storyal.de/story2003/wiweltbild.htm von Prof. Dr.-Ing. Jürgen Albrecht


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Das wissenschaftliche Weltbild

 

 

Die Aufklärung

Die Frage nach dem wissenschaftlichen Weltbild ist kein neuzeitliches Problem. Idealistische Philosophen des Zeitalters der Aufklärung (Immanuel Kant 1724-1804, Jean-Jacques Rousseau 1712-1778, Voltair 1697-1778, u.a.) stellten die Kraft der menschlichen Ratio in das Zentrum ihres Denkens und wandten sich gegen die mystisch-spekulativen Methoden und Anschauungen des Mittelalters. Überlieferte Werte, Institutionen, Konventionen und Normen wurden bewusst in Frage gestellt, um ihre rationale Legitimation zu überprüfen. Parallel, aber als Gegenpol dazu, sahen materialistische Philosophen (Denis Diderot 1713-1784, Paul-Henri Thiry d'Holbach 1723-1789, Julien Offray de la Mettrie 1709-1751, u.a.) die Materie als den Ursprung unserer Existenz an. Beide philosophischen Richtungen berufen sich auf griechische Philosophen der Antike, die solche Gedanken als erste ins Spiel gebracht haben (Platon 428-347 v.Chr., Aristoteles 384-322 v. Chr. u.a.).

Die Sicht auf diese Welt wird nach den Grundsätzen der Aufklärung durch die Erkenntnisse der Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaften, determiniert. Das wissenschaftliche Weltbild hat sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen ständig verändert, es ist im Detail strittig und immer im Wandel. Es gilt aber der entscheidende Grundsatz: Vernunft und Wissen vor Glaube. Weil der Gottesbeweis nicht geführt werden kann, ist im wissenschaftlichen Weltbild kein Platz für Gott. Jede Art von Gott wird als das Produkt der menschlichen Vernunft angesehen. Atheismus und das wissenschaftliche Weltbild gehören notwendiger Weise zusammen und stehen konträr zu den mystisch-spekulativen Weltbildern der verschiedenen Religionen, aber auch zu idealistischen Vorstellungen.

 

Viele (Grund-) Fragen bleiben offen

Das wissenschaftliche Weltbild ist unvollständig und es kann prinzipiell nie vollständig sein, weil die menschliche Erkenntnisfähigkeit begrenzt ist. Wir wissen heute viel darüber, wie gross das Universum ist, dass es aus Materie, Energie, Zeit, Raum und Information besteht und wie es sich seit dem Urknall entwickelt hat. Aber wir wissen beispielsweise nicht, was vor dem Urknall war und ob parallele Universen existieren. Wir wissen, wie sich das Leben evolutionär entwickelt hat, wir sind dabei den Gencode zu entschlüsseln und Gene zu manipulieren. Aber wir wissen nicht, wie Leben entstanden ist und ob andere Lebensformen existieren.

Wir wissen viel, aber noch mehr Fragen sind offen. Wie und warum wurden die Naturkonstanten so gesetzt? Existieren Bereiche oder Umstände, in denen andere Naturgesetze herrschen? Was ist das Ganze und was ist ausserhalb von ihm? Läuft die Zeit immer mit gleicher Geschwindigkeit in eine Richtung? Was ist Information und wohin verschwinden Informationen? Wie entsteht Leben? Was ist die Realität? Auf viele solcher Fragen wird es nie eine Antwort geben können.

Auch die von Engels postulierte 'Grundfrage der Philosophie' muss heute relativiert werden:
'... spalten sich die Philosophen in zwei große Lager. Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupteten, also in letzter Instanz eine Weltschöpfung irgendeiner Art annahmen..., bildeten das Lager des Idealismus. Die andern, die die Natur als das Ursprüngliche ansahen, gehören zu den verschiedenen Schulen des Materialismus.' Zu dieser Grundfrage gehört für die Materialisten auch, dass die Welt erkennbar ist.

Schon diese (digitale) Fragestellung ist irreführend. Es existiert nicht nur eine Grundfrage in der Philosophie, die möglichst noch mit einer Ja-Nein-Entscheidung zu beantworten ist. Neben der Materie existieren mindestens noch Energie, Zeit, Raum und Informationen. Ist beispielsweise die Frage, ob das die vollständigen Elemente des Ganzen sind, keine Grundfrage der Philosophie? Philosophen und Naturwissenschaftler können heute nicht einmal sagen, was Information ist!

Sollte man mit dem heutigen Stand der Wissenschaft die marxistische Grundfrage der Philosophie möglichst kurz beantworten, so müsste man sagen: Weder noch! Zwar haben sich materialistische Vorstellungen durchgesetzt (Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Nicht umgekehrt). Aber die viel zu selbstsicheren Marxisten haben der Menschheit mit dem Historischen Materialismus und dem realen Sozialismus epochale Irrtümer beschert. Auf der anderen Seite spricht nichts für die Ursprünglichkeit des Geistes, aber es spricht auch nichts dagegen. Solche Produkte des menschlichen Denkens sind Fiktionen, die sich einer rationalen Analyse entziehen.

Unhaltbar ist heute auch die wie ein Glaubenssatz vertretene Überzeugung der Marxisten, dass die Welt erkennbar sei. Dagegen stehen entscheidende Fakten: Die eingeschränkte Wahrnehmbarkeit des Menschen, seine Unfähigkeit, objektiv wahre Aussagen zu treffen und die im Vergleich zur Natur extrem begrenzte Zeit, die dem Menschen nur zur Verfügung steht. Erkennbarkeit der Welt bedeutet aus meiner Sicht mindestens, die Struktur der existenten Informationen zu kennen. Definiert man so die Erkennbarkeit der Welt wird klar, dass Menschen diese Welt nicht erkennen können. Das wissenschaftliche Weltbild muss deshalb immer unvollständig bleiben.

Bereits Kant hat unser entscheidendes Handicap beschrieben: 'Da der Mensch nur Eindrücke von den Dingen hat, kann er nicht erkennen, wie sie an sich sind, d. h. unabhängig von seiner eigenen Sinneswahrnehmung und seiner Auffassung von Raum und Zeit. Damit erkennt er nur Erscheinungen des Dinges und nicht das Ding an sich.' In diesem Satz ist all unsere Beschränktheit zusammengefasst. Sie gilt aber nicht nur für die Dinge, sondern auch für die Produkte der menschlichen Vernunft, also auch für alle Vorstellungen von Gott oder von 'Geist'. Es wird Menschen immer verwehrt bleiben, darüber Aussagen zu treffen, die wahr im Sinne der objektiven Realität sind.

 

Grundsätze und Gebote

Trotzdem ist es möglich, aus dem heute mit den Wissenschaften erkennbarem Weltbild Grundsätze einer wissenschaftlichen Sicht auf die uns umgebende Welt abzuleiten (Beispiele, ohne Klassifikation und Vollständigkeit):

  1. Die Natur ist objektiv existent.
  2. Es existiert ein dynamisches Universum.
  3. Die unbelebte Natur, die belebte Natur und die menschliche Gesellschaft befinden sich in Entwicklung, aber nach unterschiedlichen Gesetzmässigkeiten.
  4. Die unbelebte Natur strebt nach maximaler Entropie.
  5. Das Leben entwickelt sich evolutionär in Richtung höherer Komplexität und minimaler Entropie.
  6. Die menschlichen Zivilisationen sind labil und kurzlebig.
  7. Nur Menschen können denken (Probehandeln) und besitzen deshalb Vernunft.
  8. Trotz Vernunft ist die Welt und der Sinn ihres Daseins für Menschen nicht erkennbar.
  9. Jeder individuelle Mensch ist so bedeutend wie jede individuelle Ameise.
  10. Ein personifizierter Gott existiert nicht.
  11. Und so weiter.

Diese Grundsätze sind keine absoluten Wahrheiten, weil es die für Menschen nicht gibt. Insofern handelt es sich bei solchen Grundsätzen auch um 'Glaubenssätze', deren Qualität nicht besser ist als der Satz: 'Ich glaube an die Auferstehung Christi.' Durch wissenschaftliche Erkenntnisse wird nur die Wahrscheinlichkeit ihres Wahrheitsgehaltes grösser.

Mit dieser rationalen Sicht auf die Welt kann man ohne Schwierigkeiten vernünftige Gebote für den Umgang der Menschen miteinander setzen (Beispiele, ohne Klassifikation und Vollständigkeit):

  1. Du sollst Deinen Verstand gebrauchen. *)
  2. Du sollst für die Bildung Deiner Kinder sorgen.
  3. Du sollst keine Gewalt anwenden.
  4. Du sollst tolerant sein.
  5. Du sollst nicht missionieren.
  6. Du sollst Deine Wünsche reduzieren.
  7. Du sollst nicht mehr verbrauchen, als Du hast.
  8. Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. (Kant)
  9. Und so weiter.

*) Der Wahlspruch der Aufklärung: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstands zu bedienen!" (Kant)

 

Der 'aufgeklärte Staat'

Wäre man in der Lage, einen 'aufgeklärten Staat' zu gründen, könnte man nach diesen Grundsätzen leben und solche vernünftigen Gebote auch umsetzen. Das ist die auf Wissenschaft und Vernunft basierende Gesellschaftsutopie. Schon die Philosophen im antiken Griechenland haben sich mit Grundsätzen und Regeln friedfertiger Staaten befasst. Auch in der Philosophie der Aufklärung spielten die Rechts- und Staatslehre sowie die allgemeinen Menschenrechte eine besondere Bedeutung. Diese Ideen haben die politische Wirklichkeit der letzten zweihundert Jahre entscheidend verändert.

Über den aufgeklärten Absolutismus, die Französische Revolution und den Dialektischen Materialismus (Karl Marx 1818-1883, u.a.) hat die geistesgeschichtliche Epoche der Aufklärung zur rechtsstaatlichen Demokratie, aber auch zu diktatorischen, sozialistischen Staaten geführt. Der Pluralismus scheint das Optimum einer (unter günstigen Bedingungen) realisierbaren Staatsform zu sein. Der Sozialismus (mit seiner 'Wissenschaftlichen Weltanschauung') und die Demokratie haben sich als labile Utopien erwiesen (Zusammenbruch des Sozialistischen Lagers, Pervertierung der Demokratie in den USA: Gewalttätiges 'Nation-Building' auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak). Die auf Gewalt basierende Diktatur (in vielfältig abgewandelter Ausführung) scheint die einzig stabile Staatsform zu sein, in der Menschen zusammen leben können.

 

Religionen sind effektiver

Sehr interessant ist die Frage, warum das wissenschaftliche Weltbild trotz des in den letzten zwei Jahrhunderten deutlich gewachsenen Bildungsniveaus den Religionen nie wirklich Konkurrenz machen konnte.

Religion gehört zu den frühesten Kulturleistungen der Menschen. Damit hat sich der Mensch die Problemlösung für existentielle Fragen geschaffen. Religionen befriedigen elementare Bedürfnisse der Menschen: Sie geben auf schwierigste Fragen einfache Antworten: Fragen nach einem Weltbild und dem Jenseits, nach Wertmassstäben, Trost, Geborgenheit und nach dem Sinn des Lebens. Besonders effektiv sind dabei Religionen, die sich auf personifizierte Götter berufen.

Die Religionen eignen sich aus zwei Gründen hervorragen dazu, solche existentiellen Fragen zu beantworten: Erstens wird keine Bildung vorausgesetzt. Auch Analphabeten können glauben. Zweitens kann man jede Verantwortung für das eigene Handeln einschliesslich der Konsequenzen daraus diesem personifizierten Gott zuschieben. Unmündigkeit und Hörigkeit scheinen elementarem menschlichen Verhalten wesentlich mehr entgegen zu kommen, als selbständiges, vorausschauendes Handeln und die Übernahme von Verantwortung. Das Sündenbock-Prinzip ist ein exemplarisches Beispiel dafür: Ich war es nicht. Es sind immer die anderen gewesen.

Der Atheismus und die wissenschaftliche Sicht auf die Welt bedeutet im Endeffekt genau die Umkehrung der religiösen Vorstellungen: ICH anstelle von GOTT. 'Ich Dich ehren? Wofür ...?!' (Goethe). Ich bin für mein gesamten Leben verantwortlich. Es existiert keiner, auf den ich diese Verantwortung abladen kann. Nur ich bin verantwortlich für alles, was ich beeinflussen kann. Niemand tut etwas für mich, wenn ich es nicht alleine mache. Niemand behütet mich, wenn ich mich nicht selber schütze. Alles hat keinen Sinn, wenn ich meinem Tun keinen Sinn gebe. Niemand hält mich auf, wenn ich mein Ziel nicht aus dem Auge lasse. Niemand treibt mich an, wenn mein eigener Antrieb erlahmt. Der Extremfall: Ich bin das Universum. Wenn ich das Universum nicht mehr denke, existiert es nicht mehr.

Neben so viel Eigenverantwortung und der grenzenlosen Freiheit der Vernunft ist auch noch die Tatsache zu verkraften, dass das ICH genau so ein Konstrukt des menschlichen Wahrnehmungssystems ist, wie jede Vorstellung von Gott es ist.

Es ist wesentlich schwerer, mit diesem rationalen Weltbild zu leben, als mit einer Religion. Auf einen personifizierten Gott kann man alles abwälzen, hier muss man alles alleine tun. Man muss mindestens 25 Jahre seinen Verstand qualifizieren, um endlich die Grundzüge des wissenschaftlichen Bildes von dieser Welt zu sehen. Auf der anderen Seite braucht man nur zu glauben und je weniger man weiss, desto einfacher ist der Glaube an einen guten Gott.

Entscheidende Gründe dafür, warum das wissenschaftliches Weltbild mit den Religionen nicht konkurrieren kann sind: Der Mensch ist viel mehr Herdentier, als Individuum und den meisten Menschen dieser Welt fehlt Bildung.

 

Aktualisiert: Tawala, 08.04.03, 12.04.03, 23.04.03

Jürgen Albrecht, Tawala, 30. März 2003


Hinweis: Siehe auch Thesen in  Das Grundmuster der globalen Konflikte