Dr.-Ing. Eberhard Liß  -  www.liss-kompendium.de/erkenntnis+thesen/hirnanalogien.htm


Ein Anhang für » Beiträge zu Definitionen und Konzepten einer Kognitiven Logik «


Gehirnstrukturen für Lernen und Gedächtnis

"Eine der wichtigsten Funktionen von Nervensystemen ist, lebensnotwendige Information aus der Umwelt aufzunehmen, Gesetzmäßigkeiten ausfindig zu machen, daraus zutreffende Modelle abzuleiten und aufgrund dieses Wissens optimal angepasste Verhaltensstrategien zu entwerfen. All dies dient der Sicherung des Überlebens in einer gefährlichen, sich stetig wandelnden Welt." [Wolf Singer, aus Essay: Wann und warum erscheinen uns Entscheidungen als frei? - Ein Nachtrag, publ. im Internet seit 2006]


1.  Lernfähige Gedächtnisstrukturen kognitiver Systeme     

Lebende kognitive Systeme sind befähigt zum 'autonomen' Problemlösen zwecks Selbsterhaltung (Energiehaushalt, Sicherung) und Fortpflanzung (Reproduktion durch Replikation des Genoms). Damit ermöglicht wird ihre Anpassung an veränderliche Umweltbedingungen durch "intelligente" Verhaltensänderung (d. h. Selbstlernen) aufgrund von situationsbedingt erworbenen Kenntnissen für kognitive Leistungen, wofür 'lernfähige Gedächtnisstrukturen' zuständig sind.
Lernende Tiere und Menschen können - zusätzlich zu ihrem genetisch veranlagten Basis-Wissen für Grundfunktionen - umweltbedingtes individuelles Erfahrungswissen lerntypisch erwerben, überprüfen, korrigieren und verbessern.
Individuell erlernbar ist in Gehirnen ausgebildetes Erfahrungswissen, das gemäß eigenen Aspekten (vgl. Interessen und Intentionen) selbstbezüglich genutzt wird, - insbesondere für "aus Erfahrung" assoziierte Voraussagen, die einbezogen werden in subjektive Bewertungen und empirische Urteile sowie Entscheidungen für situationsangepasste Aktionen.
Lernende Organismen sind gekennzeichnet durch selbstgewonnene 'ontogenetische Erfahrungen' (vgl. erworbene Kenntnisse) und auch 'philogenetische Erfahrungen' auf der Ebene ihrer Gene (DNA-Struktur), die stammesgeschichtlich an Folgegenerationen einer Art weitergegeben worden sind (natürliche Selektion). Artspezifische Erbanlagen ermöglichen die epigenetische Strukturbildung (Wachstum und Ausbildung) zwecks Selbsterhaltung, insbesondere durch individuelle Stabilisierung (Homöostase, Heilung) gegenüber Umwelteinflüssen. -
   Die epigenetische Individualentwicklung ist verbunden mit kognitiven Leistungen von lernfähigen Gedächtnisstrukturen in Gehirnen, die unterscheidbar sind nach evolutionären Merkmalen und genetisch veranlagten Fähigkeiten (vgl. Hirnabschnitte mit strukturellen Lerndispositionen, - siehe 1.3.).


1.1.  Das Gehirn des Menschen  -  Evolutionäre Aspekte und Kurzcharakteristik

"Da die Evolution sehr konservativ mit Erfindungen umgeht, unterscheiden sich einfache und hochdifferenzierte Gehirne im Wesentlichen nur durch die Zahl der Nervenzellen und die Komplexität der Vernetzung. Daraus folgt, dass auch die komplexen kognitiven Funktionen des Menschen auf neuronalen Prozessen beruhen müssen, die nach den gleichen Prinzipien organisiert sind wie wir sie von tierischen Gehirnen kennen." [Wolf Singer, aus: 'Entscheidungsgrundlagen', FAZ v. 8. Jan. 2004]
   "Das menschliche Gehirn entspricht in seinem Grundaufbau dem Gehirn der anderen Wirbeltiere; es ist dem Gehirn anderer Landwirbeltiere (Amphibien, Reptilien, Vögel und Säuger) sehr ähnlich und stimmt in den meisten Details mit den Gehirnen anderer Säugetiere überein. Vom Gehirn unserer nächsten biologischen Verwandten, der Menschenaffen, ist unser Gehirn mit Ausnahme seiner Größe nahezu ununterscheidbar." [Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, Suhrkamp 1996, S. 34]

Die Wirbeltiergehirne werden gegliedert in fünf (hierarchische) Hirnabschnitte: das Endhirn, Zwischenhirn, Mittelhirn, Hinterhirn und Nachhirn. Das Nachhirn als Verlängertes Mark (Medulla oblongata) entspricht der direkten Fortsetzung des Rückenmarks (Medulla spinalis). Als Brücke (Pons) bezeichnet wird ein besonderer Abschnitt am Nachhirn bei Reptilien, Vögeln und Säugetieren. Über die Brücke ist der "motorische Extra-Komplex" des Kleinhirns (Cerebellum) mit dem Hirnstamm verbunden (vgl. Bilder und 2.5.).
   Das Gehirn (Encephalon) und das Rückenmark bilden zusammen das 'zentrale Nervensystem' (ZNS), das mit dem 'peripheren Nervensystem' (für Rezeptoren und Effektoren) verbunden ist.

In folgendem Bild sind einige Beispiele für Gehirnstrukturen von Wirbeltieren dargestellt. Ihre anatomische Analogie betrifft evolutionäre Hirnabschnitte (farblich zugeordnet), die formal ähnlich aber unterschiedlich entwickelt sind. -
   Mit den Analogiebeispielen für Wirbeltiergehirne wird eine relative Vergrößerung des Gehirns im Verlauf der Evolution veranschaulicht. Auffallend ist die phylogenetische Zunahme der Oberflächenausdehnung durch verstärkte Faltung vor allem der Großhirnrinde (Isocortex, auch Neocortex genannt) und des tief gefurchten Kleinhirns im Hinterhirn.

Großhirn (Cortex)
Endhirn
Telencephalon

Zwischenhirn
Diencephalon

Mittelhirn
Mesencephalon

Brücke+ Kleinhirn
Hinterhirn
Metencephalon

Verlängertes Mark
Nachhirn
Myelencephalon


Vorderhirn (Prosencephalon) = Endhirn + Zwischenhirn   |   Hirnstamm = Mittelhirn + Brücke + verl. Mark


Die Evolution des Großhirns (Kortikalisation) erreichte beim Menschen das relativ größte Stirnhirn-Volumen für den sog. Assoziationscortex und fast die stärkste Faltung der Großhirnrinde im Tierreich (ist bei Walen und Delphinen am größten). Das heutige Gehirn des Menschen enthält noch evolutionäre 'primitive Systeme', die aus alter Zeit vor dem Auftreten erster Säugetiere stammen, und die viel später ergänzt worden sind mit neuen leistungsfähigeren Gehirnstrukturen.

Die evolutionäre Erweiterung der Gehirnstrukturen erfolgte durch genetische Ausbildung von vielen zusätzlichen Nervenzellen (neue Neuronen) und ihren neuartigen Verknüpfungen über Synapsen (neue Organisationsprinzipien). Die dadurch hoch entwickelten Gehirne sind gekennzeichnet durch sehr komplexe Hirnfunktionen für kognitive Leistungen, die "intelligentes" Verhalten und arterhaltende Anpassungen an veränderte Umweltbedingungen ermöglichen.
   Einen evolutionären Selektionsvorteil bedeutet die verbesserte Lernfähigkeit kognitiver Systeme durch 'kognitives Erfassen von Beziehungen' (Begreifen) bei der Ausbildung von Erfahrungswissen (Kenntniserwerb), das erforderlich ist zur empirisch optimierten Entscheidungsfindung für intelligentes Verhalten. Dabei sind erworbene Kenntnisse als bedingte Relationen "strukturell" erlernbar durch situationsabhängige Modifikation lernfähiger Gedächtnisstrukturen (gemäß strukturellen Lerndispositionen, vgl. 1.3.).

Die relativ junge Wirbeltierart "Homo sapiens (sapiens)" mit 'hoch entwickelter' Erkenntnisfähigkeit (sapientia - Verstand, Einsicht, Weisheit) existiert erst seit ca. 150 000 Jahren auf der Erde. Dieser Art "Mensch" gelang das Überleben entgegen allen ausgestorbenen 'menschenähnlichen' Arten. Der Mensch überlebte auch den intelligenten, vermutlich sprachbegabten Neandertaler (Homo neanderthalensis), der vor ca. 30 000 Jahren ausgestorben war.

Bei hoch entwickelten Säugetieren wie den Primaten (Herrentieren) führten evolutionäre Variationen und Selektionen zu stammesgeschichtlichen Aufzweigungen der Arten. Vor ca. 5 Millionen Jahren trennten sich die Abstammungslinien von "Menschenaffen" (Pongiden) und "Menschenartigen" (Hominiden), den Vorläufern für weitere Aufzweigungen bis zum heutigen Menschen (siehe » Daten-Übersicht).
Vor etwa 2 Millionen Jahren lebte der Homo habilis (der Geschickte), der gekennzeichnet war durch ein relativ großes Gehirnvolumen und der schon selbst hergestellte Steinwerkzeuge nutzte (Feuersteinbearbeitung).
   Eine weitere Gehirnvergrößerung (etwa vor 1 Million Jahren) ist mit Fossilien des Homo erectus (dem Aufgerichteten) nachgewiesen worden. Ihm wird der erste Feuergebrauch (vor 0,7 - 0,5 Mill. Jahren) und schon die Jagd von Großwild zugeschrieben.
   Der frühe Homo sapiens lebte vor der letzten Eiszeit (vor etwa 120 000 Jahren) als Jäger und Sammler, nachweislich im Orient und in Asien. Seine entwickelte Intelligenz befähigte ihn zu höheren Lernformen und zum "intelligenten" Problemlösen. Ob er Anfänge von sprachlicher Kommunikation mit Partnern zeigte, ist nicht bekannt. Nachgewiesen ist seine Bestattung von Toten in der Erde seit ca. 100 000 Jahren.
   Die evolutionäre Vergrößerung des Großhirns mit gefalteter Rinde (Neocortex) fand ihr Ende vor ca. 100 000 Jahren, was neuere Forschungsergebnisse zu Skelettfunden aufzeigen. - Ein durchschnittliches Gehirn heutiger Menschen hat gleiche Ausmaße und anatomische Merkmale wie ein menschliches "Steinzeitgehirn", das etwa die dreifache Größe eines heutigen Schimpansengehirns erreichte.

Der intelligente Steinzeitmensch lebte in der jüngeren Altsteinzeit vor ca. 50 000 bis 10 000 Jahren. Er war (wie der heutige Mensch) genetisch befähigt zu kognitiven Leistungen und auch Sprache, Bewusstsein und Kreativität. Gefunden wurden uralte Elfenbeinschnitzereien, Kleinplastiken, Felsreliefs und Höhlenmalereien, die als Kunstwerke gemäß dem damaligen naturverbundenem Wissen und Glauben geschätzt werden.

Verglichen mit anatomisch ähnlichen Hirnabschnitten bei Wirbeltieren hat der Mensch eine evolutionär stark vergrößerte Großhirnrinde (Isocortex) mit assoziativen Bereichen (Assoziationscortex) für deklaratives Wissen, über das explizite Aussagen wissentlich formulierbar und kommunikativ mitteilbar sind. - Das Frontalhirn (= Stirnhirn) des Menschen hat im Vergleich zu allen Primaten die größten Frontallappen (= Stirnlappen), der zweiteiligen Großhirnrinde (vgl. Bilder).


Cortex-Areale und Assoziationsfelder des Großhirns

Hierarchische Hirnabschnitte (s. o.)


(MouseOver für Bildwechsel)



Das menschliche Frontalhirn (präfrontaler und orbitofrontaler Cortex, verbunden mit Sprachzentren) ist befähigt zum "verständigen" und "vernünftigen" Denken für 'situationsangepasste' empirische Urteile, logische Schlüsse und erwogene Entscheidungen (vgl. konzeptionelle Denkmodelle des sprachlichen Bewusstseins). Diese Denkfähigkeit entspricht einer 'hoch entwickelten' Intelligenz, d. h. der Fähigkeit zum "wissentlichen" selbstreflexiven Problemlösen (möglichst durch intuitives Auffinden kreativer Lösungen), - basierend auf kognitiven Gedächtnisleistungen für Selbstlernen.

In der assoziativen Großhirnrinde (Neocortex) nachweisbar ist 'deklaratives' (bewusstes) Wissen für sprachliche Darstellungsformen, die als Aussagen geäußert werden können, wobei teilbare Datenmengen kommunikativ übertragbar und zwecks Verständigung mitteilbar sind. -
   Das Sprachvermögen des Menschen ist veranlagt für höhere Bewusstseinsformen als bei intelligenten Tieren mit "primärem Bewusstsein". [Edelman]
   Hoch entwickeltes "Selbstbewusstsein" ist erlebbar durch mentale Selbstreflexion, d. h. selbstbezügliches Nachdenken, besonders hinsichtlich Statusreports über "Ich"-Zustände, die sprachlich formulierbar sind.
   Selbstbewusst denkende Menschen sind befähigt zu "rationaler" Kritik (logischer Reflexion) und auch zu "intentionaler" Selbstkontrolle (Selbstbestimmung), die sie im Rahmen ihrer Handlungsfreiheit 'selbstkritisch' planen können (vgl. 2.1. und 2.7.).

Neurowissenschaftlich als Sprachzentren lokalisierte Bereiche des assoziativen Cortex (vgl. Broca- und Wernicke-Bereich) ermöglichen dem Menschen postnatales Erlernen von unterschiedlichen Sprachen (Sprach- und Denkentwicklung, - vgl. 1.4. und 1.5). -
   Die sprachliche Ausdrucksfähigkeit ist besonders vorteilhaft bei der interaktiven Kommunikation mit Partnern. Verständlich formulierte Aussagen sind nützlich für 'informierende' Mitteilungen und dienen zur Beschreibung oder Erklärung von untersuchten Sachverhalten.
   Die postnatale Entwicklung von Sprache und höherem Bewusstsein (vgl. mentale Selbst-reflexion, intentionalen Modellgebrauch und Selbstkontrolle) basiert auf genetisch vorge-gebenen Lerndispositionen und Veranlagungen zur Persönlichkeitsentwicklung (vgl. 1.3. und 2.7.).

Der "einsichtig" denkende Mensch besitzt rationales Erkenntnisvermögen (Verstand und Vernunft), das seinem Intellekt entspricht und ihn befähigt zu selbstbezüglicher Erkennung und Deutung von ausschnittsweise wahrnehmbaren Außenwelterscheinungen (seiner Anschauungswelt). Aufgrund eigener Untersuchungen verbunden mit Kenntniserwerb (vgl. Forschungsresultate) erlangt und verbessert er die wissenschaftlich-technische Kompetenz zum Lösen seiner Probleme. Er ist in der Lage, mit seinen vervielfältigbaren Werkzeugen künstliche Produkte herzustellen, die als Menschenwerk seine Kultur kennzeichnen und zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse beitragen können. -
   Der mögliche Gewinn 'rationaler' Einsicht durch theoretische Erkenntnis beim systematischen Erforschen untersuchbarer Sachverhalte (vgl. Wissenschaft) erzielt ein 'konstruktives Verstehen' der analysierbaren Zusammenhänge von Objektformen (Gegenstände und Ereignisse).

Kognitive Leistungen des Gehirns kann der 'selbstreflexiv' denkende Mensch erforschen und darüber deklarative Aussagen formulieren, beispielsweise als Thesen zu prinzipiellen Erkenntnissen der möglichen Deutung seiner mentalen Reflexionen.

Wegen der Komplexität von zu analysierenden Gehirnfunktionen gelingt nur ansatzweise die wissenschaftliche Bestimmung von kognitiven Gedächtnisleistungen für intelligentes Verhalten. Erzielt werden fundamentale Modellvorstellungen für systematische Beschreibungen und Erklärungen von Prinzipien lernfähiger Gedächtnisstrukturen, wozu eine hinreichende Selbsterkenntnis des Menschen notwendig ist (vgl. 1.4. und 1.5.). -
   Ein Beitrag hierzu sind meine folgenden kenntnistheoretischen Begriffsdeutungen und neuartige Konzepte für relationale Modelle, insbesondere dynamische 'kognitiv-logische' Wissensdarstellungen, zur Simulation kognitiver Leistungen von "denkenden" lernfähigen Gedächtnissystemen (vgl. meine Simulationsmodelle und Publikationen seit 1978, - siehe Hinweis 2). [Liß].

Das Gehirn ist modellmäßig beschreibbar als ein lernfähiges "offenes" System mit kognitiven Gedächtnisleistungen, das verbunden mit dem Körper "selbtorganisierend" wirkt und befähigt ist zu lebensnotwendigen Funktionen der (vor- oder unbewussten) 'Lebenssteuerung' im Sinne von Homöostase (dynamische Stabilität) zwecks Selbsterhaltung und Fortpflanzung. Es kann selbst lernen aufgrund seiner strukturellen Lerndisposition, wobei 'kognitiv' erfasste (begriffene) Beziehungen als erworbene Kenntnisse "im Gedächtnis" strukturell gespeichert werden, - entsprechend einer Ausbildung oder Feinstrukturierung des individuellen Erfahrungswissens (vgl. 1.3.).
Prinzipiell unterscheidbar sind die (hierarchisch geschachtelt) klassifizierten Lernformen: 'bedingte Reaktion', 'bedingte Aktion', 'bedingtes Erwägen optimaler Entscheidungen' und 'Lernen durch Einsicht in prinzipielle Sinn-Zusammenhänge' (vgl. 2.6.). -
Das 'hoch entwickelte' Lernen durch (praktische oder theoretische) Einsicht in prinzipielle Sinn-Zusammenhänge ist erklärbar durch gewonnene Erkenntnisse für konstruktive Konzepte entsprechend dem 'Verstehen lernen' (vgl. 1.4.). [Liß]

Das neurowissenschaftlich zu erforschende Gehirn wird systemtheoretisch modelliert als ein lernfähiges Gedächtnissystem, das aus multihierarchisch organisierten und flexibel vernetzten Funktionskomplexen aufgebaut ist (vgl. 1.5. und 2.). Seine neuronalen Strukturen sind veränderlich durch Erlernen und (lang- oder kurzzeitiges) Behalten von 'funktionellen' Beziehungen (gebahnte synaptische Verbindungen), die seinen erworbenen Kenntnissen von 'kognitiv erfassten' begrifflichen Beziehungen entsprechen.

Die 'plastischen' Neuronenverknüpfungen im Gehirn repräsentieren veränderliches Wissen (Basis- und Erfahrungswissen), insbesondere für funktionelle (kognitiv-logische) Begriffsstrukturen, die durch situationsbedingten Kenntniserwerb erfahrungsgemäß (empirisch) oder intuitiv (rational) ausgebildet werden können (vgl. induktiv erlernte Begriffsrelationen bzw. kreativ entworfene Konzepte).
   Mit kognitiv-logischen Konzeptformen modellierbar sind variabel verknüpfte, synaptische Verbindungen zur Repräsentation von situationsbedingt erworbenen Kenntnissen, die jeweils 'kognitiv erfassten' begrifflichen Beziehungen entsprechen. Diese werden bestimmt als 'erlernte' bedingte Relationen einer lernfähigen Gedächtnisstruktur zur Simulation von Erinnerungen durch Assoziieren "aus Erfahrung". (vgl. 1.3. bis 1.5.) [Liß]

Die erworbenen Kenntnisse einer lernenden Gedächtnisstruktur (vgl. strukturelles Lernen) ermöglichen erfahrungsgemäß erinnerbare Vorstellungen (vgl. Erwartungen, Voraussagen), die 'assoziativ' nutzbar sind zur Beeinflussung von empirischen Urteilen und individuellen Entscheidungen (vgl. 1.3.).
   Modellmäßige Vorstellungen (Modellvorstellungen) basieren auf empirisch zu überprüfenden (Er-)Kenntnissen des deklarativen Wissens und werden erinnerungsgemäß genutzt für kognitive Interpretationen (vgl. 1.2.).

Im lernfähigen Gedächtnissystem funktionell nutzbar sind gewonnene Erkenntnisse (aufgefasst als bewährte Kenntnisse) von "erfahrbaren" Zusammenhängen sinnlich wahrnehmbarer Sachverhalte (vgl. Beobachtungen der objektiven Realität) oder von "erdachten" begrifflichen Beziehungen für theoretische oder fiktive Vorstellungen (vgl. reflektierte Erinnerungen oder Antizipationen). [Liß]

»Kognition« (von lat. cognoscere = erkennen, wissen) bezeichnet Denkvorgänge aufgrund von Vorstellungen und Erinnerungen, insbesondere zur Ermöglichung der interpretativen Informationsverarbeitung des Verstehens im "denkenden" Gedächtnissystem (vgl. kognitive Gedächtnisleistungen, siehe 1.2. und 1.5.).


1.2.  Gedächtnisleistungen für kognitive Interpretationen  -  Erkennung und Deutung

Der selbstlernende Mensch kann individuell denken, fühlen und handeln aufgrund von kognitiven Gedächtnisleistungen seines Gehirns, das als Zentralnervensystem mit impliziten und expliziten Funktionen wissenschaftlich untersucht werden kann (vgl. Unbewusstes bzw. Bewusstsein, siehe 2.). Das menschliche Gehirn ermöglicht hoch entwickelte Lernformen und ist beschreibbar als ein 'kognitives System' mit lernfähiger Gedächtnisstruktur. Dieses 'lernfähige Gedächtnissystem' (er-)kennt die analytisch bestimmbaren Eigenschaften und Beziehungen von wahrgenommenen Gegenständen und Erscheinungen, die begrifflich unterschieden werden aufgrund von veranlagten und erworbenen Kenntnissen (vgl. Basis- und Erfahrungswissen).
Das Gehirn interpretiert Situationen hinsichtlich ausgewählter Objekte oder abstrahierter Phänomene, die es begrifflich vergleicht mit bekannten Merkmalen und Begriffsrelationen (vgl. kognitive Schemata). Dadurch kann es selektierte Einzelheiten erfahrungsgemäß identifizieren/klassifizieren, (wieder-)erkennen, beurteilen und bewerten, - insbesondere mit empirischen Urteilen unter dem Einfluss von individuellen Vorstellungen, Antrieben, Emotionen und Motivationen (vgl. 2.2.).

Individuelle Denkprozesse der 'interpretativen' Kognition (Erkennung und Deutung) oder der 'wissentlichen' (Selbst-)Reflexion (Nachdenken, Erdenken) basieren auf erinnerbaren Vorstellungen von Begriffen (Konzepten) und ihren Beziehungen (Relationen), die sprachlich ausdrückbar sind in Form expliziter Aussagen mit (logisch) verknüpften Begriffssymbolen (vgl. Urteile und Schlüsse). -
Assoziative Gedankengänge für 'mentale Überlegungen' entsprechen begrifflichen Verknüpfungen gemäß erinnerten Vorstellungen oder Erwartungen des Erfahrungswissens unter dem Einfluss von (meist unbewussten) subjektiven Bewertungen, insbesondere beim 'antizipatorischen' Abwägen der erwarteten Konsequenzen von selektierbaren Handlungsoptionen zum Auffinden optimaler Entscheidungen (Problemlösen, vgl. 2.4.).
Die rationale Autonomie des Menschen erlaubt ihm (im Rahmen seiner Handlungsfreiheit), über vorteilhafte (Re-)Aktionen selbst zu entscheiden, - gemäß zweckorientierten Absichten und individuellen Deutungen für Problemlösungen seines "intelligenten" Verhaltens. Dabei haben seine erinnerten Vorstellungen als bewertbare Erwartungen (def. assoziierte Voraussagen "aus Erfahrung") kenntnisspezifischen Einfluss auf abwägbare Absichten und selbstbestimmte Entscheidungen in Abhängigkeit von empirischen Urteilen hinsichtlich der alternativ wählbaren Handlungsoptionen (vgl. 2.3. und 2.6.).

Objektivierbare Erkennungs- und Deutungsergebnisse (interpretative Gedanken) des Gehirns sind ausdrückbar und kommunikativ mitteilbar in Form von verständlichen Darstellungen, insbesondere als sprachliche Aussagen. Durch Objektivierung und Übertragung vermittelt werden (semantische) Informationen als entnehmbare Bedeutungsinhalte (Nachrichten) der deutbaren (syntaktischen) Darstellungsformen (vgl. Wörter, Sätze, Texte oder Formeln für Modellbeschreibungen). [Liß]
Mit expliziten Aussagen "wissentlich" (sprachlich bewusst) darstellbar sind Urteile und Schlüsse (vgl. Auffassungen, Meinungen oder Entscheidungen) als 'rationale' Ergebnisse von selbstbezüglichem Nachdenken (Selbstreflexion) oder handlungsorientiertem Überlegen (Abwägen, Erwägen) gemäß dem deklarativen Erfahrungswissen und subjektiven Bewertungen. - Auch explizit äußerbar sind Erinnerungen von 'Erkenntnissen', die begrifflichen Beziehungen entsprechen und darstellbar sind in Form von prägnanten Aussagen (Sätzen, Logos-Relationen) mit wenigen vereinbarten Begriffssymbolen (z. B. Zeichen, Wörtern, Bildern oder Mustern). [Liß]

Eine Kenntnis wird bestimmt als ein 'relationales Wissenselement' und entspricht »Wissen« - einem Modus des Führwahrhaltens (bei Kant), wobei ein Wahrheitsanspruch mehr oder weniger begründet ist (vgl. Wissen, Meinung oder Glaube). [Liß]
   Elementare begriffliche Beziehungen (im Gedächtnis) entsprechen Kenntnissen, die nutzbar sind für situationsabhängige Urteile oder aspektorientierte Schlussfolgerungen.
   Von etwas Kenntnis haben« bedeutet darüber informiert sein und heißt: davon 'wissen' oder es 'erfahren' haben.
   Erworbene (Er-)Kenntnisse, die dem bewusst (wissentlich) zugänglichen deklarativen Wissen entsprechen, können explizit geäußert werden in Form von relationalen Aussagen, die vorteilhaft nutzbar sind als sprachliche Beschreibungen und Erklärungen von Sachverhalten.
   Objektivierbare Kenntnisse sind formal ausdrückbar und interaktiv vermittelbar, um damit zu informieren und weitere rationale Einsicht in prinzipielle Zusammenhänge gewinnen zu können (vgl. 1.4.).

Der "forschende" Mensch strebt nach Erkenntnis, vor allem zwecks Selbsterhaltung durch Lösung seiner Probleme des (Über-)Lebens. Er erwirbt Kenntnisse von seiner Umwelt und versucht, entdeckte Zusammenhänge mit erfassten Beziehungen zu erklären. Seine theoretischen Erkenntnisse beim Lernen durch Einsicht in prinzipielle Sinn-Zusammenhänge sind hypothetisch und ungewiss. Erst nach ihrer kritischen Überprüfung und praktischen Bewährung (Erprobung an der Realität) kann mit 'bewährten' empirischen Erkenntnissen das Erfahrungswissen erweitert oder vervollkommnet werden (kognitive Wissensverbesserung, vgl. 1.3. und 1.4.).
   Der "kennen lernende" Mensch entdeckt und untersucht (erforscht) das für ihn Neue, erfasst neue Beziehungen und bildet Begriffe für konstruktive Modelle gemäß seinem ausbildbaren Wissen (vgl. 1.4.).

»Von etwas Kenntnis erlangen« heißt auch "kennen lernen" (des beobachteten oder untersuchten Objekts) gleichbedeutend mit "Kenntniserwerb", einem Erkenntnisprozess durch "kognitives" Erfassen (Begreifen) mindestens einer begrifflichen Beziehung (Begriffs- oder Merkmalsbeziehung), die als situationsbedingt erworbene Kenntnis "strukturell" erlernt und gespeichert wird (als bedingte Relation) in einer 'lernfähigen Gedächtnisstruktur' für ausbildbares Wissen (vgl. 1.3.).

Erworbene Kenntnisse werden als 'bedingte Relationen' im Gedächtnis behalten (strukturell gespeichert) und sind nutzbar als erinnerbare Erfahrungen bei der 'kognitiven' Informationsverarbeitung, besonders für situationsspezifische Erwartungen (Prädiktionen).
   Die Kenntnisnutzung ermöglicht assoziierte Voraussagen "aus Erfahrung" bei Wahrnehmungen und für 'intelligente' Entscheidungen durch "bedingtes Erwägen", d. h. bewertendes Abschätzen der erwarteten Konsequenzen von wählbaren Alternativen (für Aktionen oder Problemlösungen, vgl. 1.3. und 2.6.). [Liß]
   Nutzbare Kenntnisse des Erfahrungswissens entsprechen abstrakten Begriffsstrukturen für kognitive Schemata, mit denen handlungsorientierte Interpretationen ermöglicht werden. Erinnerbare Vorstellungen sind begrifflich zugeordnet zu Konjunktionen von Merkmalen der (wieder-)erkennbaren Objekte oder Situationen.

Beim Erkennen und Deuten (Identifikation und Interpretation) von Objekten oder Situationen resultieren Sinneswahrnehmungen (für subjektive Deutungen) aus der begrifflichen Klassifizierung (Kategorisierung) durch Vergleiche mit kognitiven Schemata, die darstellbar sind mit disjunkten 'Merkmalskonjunktionen' für einzelne Begriffe als analytisch abstrahierte Vorstellungen (vgl. Bild für zwei Deutungsvarianten der optischen Illusion 'Necker-Würfel').

   Jeder Begriff wird aufgefasst als 'Abstraktes im Allgemeinen' und entspricht einer abstrakten Vorstellung von (konkreten oder fiktiven) Gegenständen, Sachverhalten oder Geschehnissen. Ein semantischer Begriff des 'abstrahierten Wesentlichen' ist benennbar mit mindestens einem Begriffssymbol (z. B. Zeichen, Wort oder Muster) und kann dargestellt werden in einer syntaktischen Ausdrucksform einer Aussage für ein Urteil, das begrifflich bestimmt wird mit logisch verknüpften Begriffs- oder Merkmalsbeziehungen. [Liß]


Interpretative Deutungsergebnisse (vgl. Information oder Bedeutung) werden erfahrungsgemäß beurteilt (empirische Urteile) und subjektiv bewertet (vgl. Affekte, Emotionen und Motivationen). Das geschieht zunächst unbewusst (unwissentlich) und kann nach einem Bewusstwerden zu deklarativen Aussagen führen (vgl. 2.2. und 2.3.).

Gemäß dem varioablen Erfahrungswissen gebildete Urteile und assoziierte Vorstellungen können sprachlich ausgedrückt werden, - entweder als "unüberlegte" Äußerungen (unbewusst) oder als "gewählt formulierte" explizite Aussagen (bewusst), insbesondere als verständliche Mitteilungen beim Argumentieren und Kommunizieren (vgl. 1.5. und 2.1.).

Der "erkennende und deutende" Mensch interpretiert Sinneswahrnehmungen (von der objektiven Realität) als seine 'subjektiven' Erkennungsergebnisse und Deutungen mit empirischen Urteilen aufgrund von individuellen Vorstellungen (Erinnerungen) und Erwartungen (Voraussagen) seines modellhaft ausgebildeten Erfahrungswissens. Seine mentalen Vermutungen (Hypothesen, Theorien) basieren auf kenntnisspezifischen Begriffsrelationen und sind (zunächst) unbewiesene Behauptungen.
   Verallgemeinerte Annahmen von 'induktiv' festgestellten Regel- oder Gesetzmäßigkeiten beobachteter Zusammenhänge müssen empirisch geprüft werden, ob sie sich praktisch bewähren.
   Eine rationale Erkennung und Deutung natürlicher Sachverhalte ist möglich durch begriffliche Bestimmung von 'kognitiven Schemata', die als symbolisch-abstrakte Modellvorstellungen für empirisch prüfbare (Vor-)Aussagen fungieren und erst nach praktischer Bewährung als "relativ wahr" gelten können.

Vom Menschen untersuchbare Sachverhalte sind kritisch zu analysieren und wissenschaftlich zu erforschen, um 'kognitiv' erfasste Beziehungen (möglichst mathematisch) zu beschreiben und verständlich zu erklären. Mit systematisch definierten Naturgesetzen können erfahrungsgemäße Voraussagen gemacht werden, die experimentell zu überprüfen sind.

Der "rational" (nach-)denkende Mensch reflektiert (begrifflich zugeordnete) Gedanken und (logische und unlogische) Sinn-Deutungen gemäß seinen individuellen Vorstellungen analog erfahrungsgemäßen Erinnerungen oder Erwartungen. Ihre 'subjektiven' Bewertungen (Antrieb, Emotion, Motivation) haben 'primär unbewussten' (schwer kontrollierbaren) Einfluss auf seine empirischen Urteile (vgl. 2.2.).
   Eine besondere 'rationale' Form des symbolisch-abstrakten Denkens ist die 'intrinsische' Selbstreflexion des Menschen, die als selbstbezügliches 'wissentliches' Nachdenken relativ unabhängig von aktuellen äußeren Reizen möglich ist und zu 'kognitiv-rationalen' Entscheidungen führen kann, die nicht sofort in Handlungen umgesetzt werden. -
   Selbstreflexive Deutungen werden beeinflusst von sinnlichen Erfahrungen für erinnerte Vorstellungen und assoziierte Voraussagen (Erwartungen), die subjektiv bewertet werden .
   Bewusstes (Nach-)Denken ist durch "inneres Sprechen" (auch mit sich selbst) erlebbar, besonders beim 'Ersinnen' von Problemlösungen oder deklarativen Antworten auf erkenntnisfördernde Fragen (Kritik, Zweifel, Dialektik).
Zur "rationalen" Erkennung und Deutung einer komplexen Problemsituation erforderlich sind nutzbare Kenntnisse, die als zutreffende Vorkenntnisse (realistisches Vorwissen) eine situationsspezifische Analyse ermöglichen, damit einzelne Lösungsschritte und ihre erwarteten Konsequenzen ermittelt bzw. abgeschätzt werden können (vgl. antizipatorisches Abwägen). Dafür notwendig ist nützliches Wissen über vorhandene und mögliche Zusammenhänge innerhalb des betrachteten Realitätsausschnitts (vgl. kognitive Schemata).

Die verbundenen Denkformen der 'analytischen Erkennung' und 'synthetischen Deutung' werden deklarativ bestimmt durch gedankliche Selektion bzw. Integration.
   Bei einer 'kognitiven' Analyse erkennbarer Problemsituationen können neue Erkenntnisse (def. begriffliche Beziehungen) gewonnen werden. Ihre "integrative" Nutzung ermöglicht eine 'kombinierende' Synthese von Gedanken entsprechend konstruktiven Konzepten, die nutzbar sind für Problemlösungen und neue Denkprodukte (vgl. 2.1. und 2.4.).
   Erfinderisch erdacht werden 'konstruktive Konzepte' als neue Entwürfe (vgl. Konzeptionen) aufgrund gewonnener Erkenntnisse, die explizit beschreibbar sind mit "innovativen" Symbolverknüpfungen für Aussagen entsprechend den 'konzeptuellen' Darstellungen von neu gebildeten Begriffsstrukturen (vgl. 1.4.).

Bisher unerforschte Phänomene als unerklärliche Erscheinungen können vom Menschen mit seinen schematischen Vorstellungen nur vage oder modellhaft erkannt und nur subjektiv gedeutet werden.
   Der "glaubende" Mensch deutet das für ihn Unerklärliche mit angenommenen "irrationalen" Behauptungen aus anthropozentrischer Sicht. Geglaubt werden unbeweisbare Postulate als 'göttliche Offenbarungen', z. B. übernommene Glaubenssätze traditioneller Religionen. Zur Beantwortung von Lebensfragen der Sinnsuche dienen auch transzendente Axiome neuerer Ideologien, die als "verführerische" Theorien machtpolitische Bedeutung mit gefährlichen Auswirkungen erlangen können.


1.3.  Lerndisposition für Erfahrungswissen  -  Kenntniserwerb und Kenntnisnutzung

Allgemein werden lernfähige Organismen als kognitive Systeme aufgefasst, die befähigt sind zur adaptiven Selbsterhaltung (Homöostase) und "rationalen" Autonomie. Solche selbstbezüglichen "offenen" Systeme können selbstständig (ohne Belehrung) lernen und nutzen ihre erworbenen Kenntnisse als eigene Erfahrungen (Erinnerungen) für situationsbedingte Erwartungen und empirische Urteile bei der Auseinandersetzung mit ihrer veränderlichen Umwelt. Ihr ausbildbares Wissen wird durch eigenen Kenntniserwerb verändert oder erweitert (Wissenszuwachs), - abhängig von "subjektiv erlebten" externen und internen Situationen.

Kognitive Systeme mit lernfähigen Gedächtnisstrukturen können ihr individuelles Erfahrungswissen strukturell speichern, d. h. kurz- oder langzeitig verfügbar "behalten" (vgl. 2.5.). Damit können sie sich an "erlebte" oder "erfahrene" Umweltbedingungen anpassen. Die Adaptionsfähigkeit kognitiver Systeme ermöglicht hierarchische Lernformen im Rahmen des "individuellen" Lernvermögens (vgl. 2.6.).
   Gelernt werden 'verhaltensändernde' Funktionen eines kognitiven Systems, die erklärbar sind durch systeminterne 'selbstorganisierende Strukturierungen', gestützt auf neuro- und kognitionswissenschaftliche sowie verhaltensphysiologische Forschungsergebnisse.
   Kognitive Gedächtnisleistungen werden (epigenetisch und postnatal) ausgebildet in lernenden Gehirnstrukturen durch den situationsbedingten Erwerb neuer Kenntnisse.

Gewonnene (Er-)Kenntnisse entsprechen begrifflichen Beziehungen analog 'kognitiv erfassten' Zusammenhängen untersuchter Sachverhalte, Strukturen oder Objekte, für die objektive Regeln oder reale Gesetzmäßigkeiten 'induktiv' angenommen wurden (hypothetische Verallgemeinerung).
   Gewonnene Erkenntnisse sind 'bisher bewährte' Kenntnisse und ermöglichen symbolische Konstruktionen für objektivierbare Theorien oder Denkmodelle, die formalen Wissensdarstellungen entsprechen (vgl. kognitiv-logische Modellbildung, siehe 1.4. und Hinweis 2). [Liß]

Der situationsbedingte Kenntniserwerb ist erklärbar als kognitive Erfassung (Begreifen, Verstehen) von wirklichen Zusammenhängen, - gemäß einem induktiven Lernmechanismus mit erfüllbarer Koinzidenzbedingung der Konnexanalyse nach dem Prinzip der Vereinbarkeit. Die dabei erworbenen Kenntnisse von erfassten Beziehungen werden begrifflich aufgefasst als 'bedingte Relationen', die darstellbar sind in Form konditionierter Assoziationen einer lerntypisch veränderten Gedächtnisstruktur, wobei diese einbezogen sind in modifizierte "kognitiv-logische" Funktionen gemäß dem ausgebildeten Erfahrungswissen (vgl. 1.2).

Der 'funktionsverändernde' Kenntniserwerb im lernenden Gedächtnissystem wird bestimmt als kognitver Grundprozess des »strukturellen Lernens«, d. h. der funktionellen Veränderung seiner 'lernfähigen' Gedächtnisstruktur aufgrund einer (erfahrungs-)bedingten Strukturänderung für Erfahrungswissen (Wissensausbildung mit bedingten Relationen). [Liß]
   Strukturelles Lernen in neuronalen Funktionskomplexen basiert auf 'plastischen' synaptischen Verbindungen zwischen Nervenzellen. Damit können beim Lernen 'konditionierte Assoziationen' vernetzter Neuronen situationsbedingt aufgebaut (erlernt), bekräftigt (konsolidiert) oder abgebaut (vergessen) werden.

Individuell erlernbare Hirnfunktionen (verteilt, nicht nur in Cortex und Kleinhirn) können situationsbedingt nur dann ausgebildet werden, wenn dafür mögliche synaptische Wirkverbindungen (def. als konditionierbare Assoziationen einer Lerndisposition) in 'plastischen' Gehirnstrukturen (genetisch oder epigenetisch) prädisponiert worden sind. "Hierdurch wird festgelegt, zwischen welchen Merkmalsklassen überhaupt Assoziationen möglich sind." [Singer, S. 139, 167]
   Die veranlagte Lerndisposition bestimmt Art und Umfang des individuellen Ausbildungsvermögens für erlernbares Erfahrungswissen durch (ontogenetische oder epigenetische) Erweiterung oder Umbildung von (philogenetisch oder genetisch) vorbestimmtem Basis-Wissen bzw. Vorwissen des lernenden Gedächtnissystems.

Das Lernvermögen eines kognitives Systems, d. h. seine funktionelle (und strukturelle) Modifizierbarkeit durch eigenen situationsbedingten Kenntniserwerb, entspricht seiner »strukturellen Lerndisposition«.
   Eine strukturelle Lerndisposition als vorgegebene Veranlagung (Anlage) spezifiziert den konzeptionellen Rahmen für die strukturelle Modifizierbarkeit und Vernetzbarkeit der elementaren Verknüpfungseinheiten (Neuronen) von 'lernfähigen' Funktionskomplexen des kognitiven Systems, das hierarchisch klassifizierbare Lernformen aufweist (vgl. Gehirnmodell unter 2.6.). [Liß]
   Die strukturelle Lerndisposition wird bestimmt als eine konzeptionelle Vorgabe (Anlage) von situationsabhängig konditionierbaren Assoziationen für 'erlernbare' bedingte Relationen in Form von variabel ausbildbaren Verknüpfungen einer lernfähigen Gedächtnisstruktur. [Liß]
   Die strukturelle Lerndisposition eines Gedächtnissystems ermöglicht den situationsbedingten Kenntniserwerb durch die kognitive Zusammenhangserfassung von untersuchten Sachverhalten, insbesondere entsprechend beobachtbaren Situationen oder Geschehnissen. Dabei erfolgt eine kenntnisspezifische Ausbildung des Erfahrungswissens durch 'begrifflich-strukturelle' Einordnung der erworbenen Kenntnisse von erfassten Beziehungen (d. h. erlernte Einbeziehung bedingter Relationen in 'symbolisch-abstrakte' Begriffsstrukturen).

Als eine 'strukturelle Lerndisposition des Gehirns' bestimmbar ist das veranlagte Potenzial 'konditionierbarer Assoziationen' im Sinne von funktionell ausbildbaren Wirkverbindungen zwischen Verknüpfungseinheiten, d. h. die Vorgabemenge von plastisch effektivierbaren oder epigenetisch ausbildbaren synaptischen Verbindungen zwischen Neuronen, die modellierbar sind als Verknüpfungseinheiten (mit variablen Inputs und einem Output). Demzufolge entsprechen die beim Lernen im Gehirn kenntnisspezifisch "gebahnten" Synapsen (Kontaktstellen) zwischen Neuronen den 'konditionierten Assoziationen', die "erlernte" bedingte Relationen repräsentieren, - analog den erworbenen Kenntnissen von erfassten Zusammenhängen.


"Alles Wissen, über das ein Gehirn verfügt, residiert in seiner funktionellen Architektur, in der spezifischen Verschaltung der vielen Milliarden Nervenzellen. Zu diesem Wissen zählt nicht nur, was über die Bedingungen der Welt gewusst wird sondern auch das Regelwerk, nach dem dieses Wissen zur Strukturierung unserer Wahrnehmungen, Denkvorgänge, Entscheidungen und Handlungen verwertet wird. Dabei unterscheiden wir angeborenes und durch Erfahrung erworbenes Wissen. Ersteres wurde während der Evolution durch Versuch und Irrtum erworben, liegt in den Genen gespeichert und drückt sich jeweils erneut in der genetisch determinierten Grundverschaltung der Gehirne aus. Das zu Lebzeiten hinzukommende Wissen führt dann zu Modifikationen dieser angeborenen Verschaltungsoptionen." [Wolf Singer, aus: 'Entscheidungsgrundlagen', FAZ v. 8. Jan. 2004]
Bei der ontogenetischen Gehirnentwicklung entstehen bereits vor der Geburt (pränatal) nachweisbare 'neuronale Grundstrukturen' als fundamentale Neuronen-Verknüpfungen. Diese bestimmen die Grundfunktionen des jungen Gehirns im Sinne von "evolutionärem Wissen" über die Umwelt. Darauf aufbauend erfolgen in postnatalen Entwicklungsprozessen mögliche Erweiterungen und Änderungen der 'plastischen' Neuronen-Verknüpfungen, abhängig von kulturellen und Umwelteinflüssen. [Singer, S. 191f.]
   Vorgegebenes Basis-Wissen (A-priori-Wissen als evolutionäres Erbe der Art) entspricht den veranlagten Grundfunktionen einer lernfähigen Gedächtnisstruktur (neuronale Grundverknüpfungen), womit instinktive Operationen und situationsabhängige Reiz-Reaktionen ermöglicht werden. Solche Grundfunktionen sind Ausgangsbasis der Persönlichkeitsentwicklung und spezifizieren die Ausrichtung des individuellen Lernens im Rahmen einer vorbestimmten Lerndisposition (bestätigte These von Konrad Lorenz).
   Angeborene Hirnfunktionen eines Organismus sind die 'veranlagten Grundfunktionen' seines genetisch "vorbestimmten" Neuronen-Netzwerks. Diese entsprechen seinem Basis-Wissen vor individuellen Lernvorgängen für artspezifische Grundfunktionen zur Gewährleistung des Selbsterhalts, z. B. durch vorgegebene Steuerung von lebensnotwendigen Bewegungsweisen (Erbkoordinationen) und arterhaltenden Reaktionen auf Umweltreize (Erkennen und Verstehen ohne vorheriges Lernen). Angeborene subcortikale Bewertungsfunktionen bestimmen Emotionen (im Unbewussten), die hinsichtlich ihrer Auslöser und ihres Ausdrucks durch individuelles Lernen und kulturelle Einflüsse verändert werden können.
   "Das Gehirn beginnt nicht als Tabula rasa. Schon zu Beginn seiner Existenz verfügt es über das Wissen, wie der Organismus "betrieben" werden muss, das heißt, wie der Lebensprozess zu steuern ist und wie eine Vielzahl von Ereignissen in der Außenwelt bewältigt werden muss. Zahlreiche neuronale Karten und Nervenverbindungen sind schon bei der Geburt angelegt." [Damasio, S. 239]
   "Wie die Instinkte, von denen wir ja nicht annehmen, jedes neugeborene Tier müsse sie sich individuell wieder erwerben, so gibt es auch kollektive Vorstellungsmuster, die dem menschlichen Geist angeboren und vererbt sind. Auch die emotionalen Erscheinungen, zu denen solche Vorstellungsmuster gehören, sind überall auf der Erde die gleichen. Wir können sie sogar bei Tieren feststellen, und die Tiere selbst verstehen einander in dieser Hinsicht, auch wenn sie zu verschiedenen Gattungen gehören." [Jung, S. 75]

Elementare Konzeptformen für prädisponierte Begriffsstrukturen des Basis-Wissens repräsentieren einzelne begriffliche Grundverknüpfungen, die als Konzept-Module objektivierbar sind. Diesen entsprechen veranlagte (logische) Grundfunktionen für 'symbolische Vorstellungen' (vgl. Anschauungen und Kategorien a priori bei I. Kant) in Zuordnung zu verallgemeinerbaren Grundbegriffen mit 'kognitiv ausbildbaren' Begriffsstrukturen.
   Die begrifflichen Grundverknüpfungen (für Konzeptformen) sind implementierbar als elementare Funktionseinheiten (def. 'Konzept-Module' lernfähiger Zuordnungseinheiten) und ermöglichen die kognitiv-logische Simulation der 'analytischen Abstraktion' und 'synthetischen Verallgemeinerung' von Begriffssymbolen für explizite Aussagen. [Liß]

Die Ausbildung von Erfahrungswissen durch Kenntniserwerb erfolgt unterstützt von verfügbarem Basis-Wissen im lernenden Gedächtnissystem. Basis- und Erfahrungswissen bilden das Vorwissen für weitere Stufen des individuellen Lernens eines kognitiven Systems (vgl. Persönlichkeitsentwicklung). - Schon Aristoteles stellte fest, dass jedes Lehren und Lernen von einem vorher vorhandenen Wissen (Vorwissen) ausgeht. - Für alle im Gehirn 'ausgebildeten' Wissensstrukturen gibt es jeweils eine Vorgeschichte, welche die Individualentwicklung (Ontogenese) mit entscheidet. [Singer, S. 91, 139, 161, 192]
   Zusätzlich und als Erweiterung von veranlagtem Basis-Wissen ausbildbar ist Erfahrungswissen durch situationsbedingt erworbene Kenntnisse, die 'kognitiv erfassten' begrifflichen Beziehungen entsprechen und für kognitiv-logische Modellvorstellungen oder erfahrungsgemäße Voraussagen 'assoziativ' nutzbar sind.

Situationsbedingter Kenntniserwerb führt zu einer "strukturellen" Erweiterung oder Modifikation des vorhandenen (Vor-)Wissens um ausgebildetes Erfahrungswissen entsprechend der funktionellen Einbeziehung mindestens einer bedingten Relation als erworbenen Kenntnis (vgl. Gewinn von empirischer oder theoretischer Erkenntnis).
   Einfluss auf den individuellen Kenntniserwerb haben Aufmerksamkeit und subjektive Bewertungen (z. B. Signal-Bedeutung, Interesse und Emotion).

Individuelle Lernprozesse führen zu veränderten Neuronen-Verknüpfungen (funktionellen Verschaltungen) in 'plastischen' Funktionskomplexen des Gehirns. Ergebnisse der Lern- und Hirnforschung belegen, dass neurale Gedächtnisstrukturen situationsbedingt 'konditioniert' und kenntnisspezifisch 'ausgebildet' werden können.

Struktur- und Funktionsänderungen durch 'strukturelles Lernen' (im Rahmen einer strukturellen Lerndispostion) beruhen auf einer neurowissenschaftlich nachgewiesenen Plastizität (strukturellen Modifizierbarkeit) interneuronaler Verknüpfungen, wobei synaptische Verbindungen epigenetisch und ontogenetisch ausgebildet werden können (funktionelle Variabilität).
   Beim strukturellen Lernen mit Kenntniserwerb werden synaptische Verbindungen zwischen jeweils zwei Neuronen effektiviert, die aufgefasst werden als 'konditionierte Assoziationen' der 'plastischen' Verknüpfungseinheiten (Neuronen). Damit darstellbar sind erlernte bedingte Relationen analog 'neu erfassten' begrifflichen Beziehungen, die 'strukturell gespeichert' werden und funktionell nutzbar sind für kognitive Gedächtnisleistungen. [Liß]

Als notwendige Bedingung für die Konditionierung einer 'erlernbaren' Assoziation (im Rahmen der strukturellen Lerndisposition) gilt die Detektion der räumlichen und zeitlichen Kontiguität (Nachbarschaft) von prä- und postsynaptischen Signalereignissen, d. h. das situationssbedingte Zusammentreffen von 'kohärenten' Neuronenaktivitäten als eine Erfüllung der vorbestimmten Koinzidenzbedingung eines induktiven Lernmechanismus.
Ein simulierbarer situationsbedingter Kenntniserwerb basiert auf der 'induktiven' (verallgemeinernden) Zusammenhangserfassung, die vollziehbar ist gemäß einer definierten Konnexanalyse nach dem 'Prinzip der Vereinbarkeit' von begrifflich verbindbaren Signalereignissen unter einer ausreichend zu erfüllenden Koinzidenzbedingung [Liß]
Gemäß einer bestimmten 'Konnexanalyse für strukturelles Lernen' werden zwei neurale Aktivitäten nur dann miteinander in eine begriffliche Beziehung gesetzt, wenn für sie ein (induktiv) annehmbarer Zusammenhang unter der Bedingung mindestens einer prä- und postsynaptischen Signal-Koinzidenz 'kognitiv erfasst' werden kann. - "Als »zusammengehörig« wird interpretiert, was zu korrelierter neuronaler Aktivität führt." [Singer, S. 139]
Durch situationsbedingte Signal-Koinzidenz "erlernte" synaptische Verknüpfungen in plastischen Neuronen-Netzwerken konnten in vielen Lernexperimenten (besonders an Tieren) neurowissenschaftlich untersucht und funktionell nachgewiesen werden.

Induktiv (verallgemeinernd) erworbene Kenntnisse von 'kognitiv erfassten' (begriffenen) Beziehungen besonderer Zusammenhänge der untersuchten Sachverhalte entsprechen 'erlernten' bedingten Relationen der lernfähigen Gedächtnisstruktur, die vorteilhaft nutzbar sind beim Erinnern von 'assoziierten Voraussagen' zur erfahrungsgemäßen Beeinflussung von Urteilen und Entscheidungen, auch gemäß kognitiv-logischen Modellen (vgl. 1.4.).
Durch empirische (assoziative) Kenntnisnutzung werden situationsgemäß assoziierte Voraussagen "aus Erfahrung" ermöglicht, die subjektiv bewertet werden und funktionellen Einfluss haben auf die 'synthetische Deutung' von Wahrnehmungen (vgl. objektbezogene Erwartung) oder auf das 'bedingte Erwägen' von optimalen Entscheidungen (als höhere Lernform) durch 'vorwegnehmendes' Abwägen der erwarteten Konsequenzen (vgl. effektorientierte Erwartungen) von antizipatorisch wählbaren Handlungsalternativen für mögliche Problemlösungen (vgl. 2.4.).
   Die mit aktuellen Situationsmerkmalen erfahrungsgemäß assoziierten Voraussagen (empirische Prädiktionen) werden entsprechend erinnerten 'objektbezogenen' oder 'effektorientierten' Erwartungen definiert als assoziierte Voraussagen erster bzw. zweiter Art (vgl. 2.6.).
   Die assoziierten Voraussagen erster Art bestimmen 'ergänzend synthetisierte' Erkennungsergebnisse und können "aus Erfahrung vorgestellte" Wahrnehmungen vortäuschen (vgl. induktive oder deduktive Afferenzsynthese bzw. assoziative Rekognition), die empirische Urteile oder Vorurteile beeinflussen. -
   Dagegen entsprechen die assoziierten Voraussagen zweiter Art den erinnerten Erwartungen von "aus Erfahrung vorgestellten" Konsequenzen von Entscheidungsvorschlägen als vermutliche Tat-Folgen (pro Efferenzentwurf oder Efferenzkopie). Ihre abschätzende Bewertung für wählbare Alternativen ermöglicht das 'bedingte Erwägen' von optimalen Entscheidungen aufgrund von Erfahrungen (vgl. antizipatorisches Probehandeln nach dem Reafferenzprinzip).

Erfahrungsbedingte und hypothetische Voraussagen werden (subjektiv) bewertet und funktionell genutzt für Erkennungs-, Beurteilungs- und Entscheidungsprozesse, insbesondere für "intelligente" Problemlösungen und höhere Lernformen (def. 'Bedingte Aktion', 'Bedingtes Erwägen optimaler Entscheidungen' und 'Lernen durch Einsicht in prinzipielle Sinn-Zusammenhänge'). [Liß]

Nutzbare empirische Kenntnisse ermöglichen als »erworbene Vorkenntnisse« eine assoziative Unterstützung von neuem Kenntniserwerb (vgl. assoziative Konditionierung) beim Lernen eines kognitiven Systems durch 'vorwissentlich geförderte' situationsbedingte Ausbildung seiner modifizierbaren Gedächtnisstruktur mit resultierendem Erfahrungsgewinn entsprechend der funktionellen Erweiterung oder Änderung des bisherigen Erfahrungswissens (vgl. ausgebildete Begriffsstrukturen für empirische Einsicht).

Erworbene Kenntnisse müssen sich bei ihrer Nutzung bewähren (Konsolidierung), damit sie "im Gedächtnis behalten" bleiben. Anderenfalls werden sie durch erfahrungsgemäße Kritik korrigiert oder vergessen (Falsifizierung).
   Beim Umlernen durch Kennenlernen eines neuen Zusammenhangs (antivalente Relationen) wird mit der neu erworbenen Kenntnis (als neue Alternative) eine bisher genutzte Kenntnis falsifiziert und durch die neue Kenntnis ersetzt (d. h. antivalente Nutzung der 'neu erlernten' bedingten Relation). [vgl. Simulationsmodell, Liß]
   Zur Nutzung erworbener Kenntnisse schrieb Karl R. Popper in seinem Aufsatz »Bemerkungen über das Ich« (1976): "Der Wert erworbener Information beruht fast restlos auf unserer angeborenen Fähigkeit, sie in Verbindung mit unserem unbewussten, ererbten Wissen und vielleicht auch zu dessen Korrektur zu nutzen."

Kognitiver Sachverstand basiert auf bewährten Kenntnissen (definiert als 'Erkenntnisse') des Erfahrungswissens, die "kognitiv erfassten" begrifflichen Beziehungen entsprechen und in "erlernte" logische Verknüpfungen erfahrungsgemäß einbezogen werden (vgl. 1.2.).
Aus "intelligentem" Lernen am Effekt von Test-Versuchen (Experimenten) resultieren empirische Implikationen (Wenn-dann-Regeln) für logisch begründbare Urteile, die vorteilhaft nutzbar sind als (Verhaltens-)Regeln zur erfahrungsgemäßen Bestimmung von optimalen Entscheidungen.


1.4.  Kognitiv-logische Modellbildung  -  Verstehen und Einsicht durch Erkenntnis

Das dynamische Zentralnervensystems (ZNS) ist ein neurales Netzwerk mit 'variabel wechselwirkenden' Verknüpfungseinheiten (Neuronenverbänden) und entspricht einem multihierarchisch strukturierten, offenen System mit kognitiven Fähigkeiten (vgl. kognitiv-logisches Modell eines lernfähigen Zuordnungskomplexes [Liß]). - Aufgrund seiner strukturellen Lerndisposition wird ihm ermöglicht, bedingte Relationen als 'kognitiv-erfasste' begriffliche Beziehungen zu repräsentieren und diese als erworbene Kenntnisse miteinander zu verknüpfen.

Intelligente Verhaltensänderungen (def. als höhere Lernformen, vgl. 2.6.) basieren auf kognitiven Gedächtnisleistungen für vorteilhafte Entscheidungen beim Problemlösen.
   Bestimmbare kognitive Grundprozesse von lernfähigen Gedächtnissystemen sind: der situationsbedingte Kenntniserwerb, die strukturelle Kenntnisspeicherung und die assoziative Kenntnisnutzung (Assoziieren "aus Erfahrung"), insbesondere für situationsabhängige Deutungen mit erinnerten Vorstellungen oder erfahrungsgemäßen Erwartungen, die assoziierten Voraussagen entsprechen.
   Die empirischen Voraussagen (Prädiktionen) werden (subjektiv) bewertet in Beurteilungs- und Entscheidungsprozesse einbezogen, z. B. beim 'bedingten Erwägen' einer optimalen Entscheidung gemäß dem antizipatorischen Awägen der erwarteten (hypothetischen) Konsequenzen von alternativen Handlungsoptionen.

Konstruktive (Denk-)Modelle eines kognitiven Systems entsprechen seinen individuellen Vorstellungen als 'systeminternen Repräsentationen' von verknüpften begrifflichen Beziehungen gemäß vorgegebenen und ausgebildeten Begriffsstrukturen seines Erfahrungswissens. Die begrifflichen Darstellungen für erinnerte Modellvorstellungen (Ansichten, Voraussagen oder Theorien) haben situationsabhängigen Einfluss auf äußerbare Urteile (Aussagen, Schlüsse) und auf die erfahrungsgemäße Steuerung des Verhaltens mittels hypothetischen Voraussagen (Erwartungen) für entscheidbare Aktionen (vgl. Lernmethode: 'Versuch und Irrtum').

Antonio R. Damasio ist "der Ansicht, dass ein Organismus dann Geist besitzt, wenn er neuronale Repräsentationen bildet, die zu Vorstellungsbildern werden, sich in einem Prozess, den wir Denken nennen, manipulieren lassen und schließlich das Verhalten beeinflussen, denn man kann mit ihrer Hilfe die Zukunft vorhersagen, entsprechend planen und die nächste Handlung bestimmen." [aus Buch: Descartes' Irrtum]
   "Auch die komplexen, hochintegrierten Vorstellungen des geistigen Prozesses sind biologisch und materiell zu verstehen." [Damasio, S. 242]
   "Der Geist ist nicht nur, wie die Kognitionswissenschaften uns einst glauben machen wollten, ein Denkapparat. Er ist ein integriertes System synaptischer Netzwerke, die kognitive, emotionale und motivationale Funktionen erfüllen. Und er umfasst, was noch wichtiger ist, auch Interaktionen zwischen den Netzwerken, die für die verschiedenen Aspekte unseres Innenlebens zuständig sind." [LeDoux, S. 341]

Ein "intelligenter" Organismus kann beobachtete Regelmäßigkeiten seiner Umwelt als gesetzmäßig annehmen und damit hypothetische, mehr oder weniger adäquate Modelle bilden (vgl. wissenschaftliche Theorien), mit deren Hilfe er Außenweltbedingungen erklären und voraussagen kann. Die damit verbundene Möglichkeit sich an Umweltverhältnisse anzupassen ist ein Selektionsvorteil bei der Evolution (vgl. » Intelligenz und Modellgebrauch bei höheren Tieren).
Mit formalen Repräsentationen für begriffliche Beziehungen können prädiktive Modelle über die Umwelt, über den Organismus selbst und über die dynamischen Interaktionen des Organismus mit der Umwelt gebildet werden (vgl. 2.7.).
"Das reflexiv organisierte Gehirn hat grundsätzlich die Möglichkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Durch Herstellen neuer Bezüge zwischen gespeicherten Repräsentationen der über die Sinnessysteme vermittelten Informationen können Entdeckungen über die Struktur der Umwelt gemacht werden, und daraus lassen sich prädiktive Verhaltensstrategien ableiten, die das Überleben entscheidend begünstigen." [Singer, S. 224]

Gewonnene Einsicht ermöglicht 'intelligentes' situationsangepasstes Verhalten durch 'kognitiv-logische' Nutzung des deklarativen Erfahrungswissens für konstruktive Konzepte analog innovativen Modellvorstellungen (als kreative Denkprodukte) und für möglichst effektive Problemlösungen (nach intentionalen Plänen). Damit assoziiert sind empirische Voraussagen (Erwartungen), die subjektiv bewertet einbezogen werden beim erfahrungsbedingten Erwägen von optimalen Entscheidungen.

Eine besondere Intelligenzleistung entspricht der kognitiv-logischen Modellbildung durch aspektorientierte Einsicht aufgrund von gewonnenen Erkenntnissen, womit analytische Problemlösungen ermöglicht werden (vgl. logisch-funktionelle Konzepte und Algorithmierung).
Die 'kognitiv-logische' Modellbildung eines lernfähigen Gedächtnissystems wird bestimmt durch "kreativ" entworfene symbolische Konstruktionen (z. B. Konzepte für Theorien und Modelle). Diese formal beschreibbaren Abstraktionen (als begriffliche Konstrukte) basieren auf 'empirischen' Beobachtungen oder 'rationaler' Einsicht in Sinnzusammenhänge (d. h. Erfassung von Beziehungen) der objektiven Realität (vgl. 1.5. und Hinweis 2).

Objektivierbare Kenntnisse des deklarativen Wissens können in Form relationaler Aussagen von kognitiv-logischen Begriffsstrukturen sprachlich geäußert und interaktiv vermittelt werden. [Liß]
   Symbolisch-abstrakte Darstellungen von ausgebildeten Begriffsstrukturen sind beschreibbar mit objektivierbaren Relationen zwischen 'kognitiv' in Beziehung gesetzten Begriffssymbolen (def. Invarianten, vgl. dynamische Wissensdarstellung mit kognitiv-logischen Gedächtnisstrukturen [Liß]).
   Eine durch situationsbedingten Kenntniserwerb "erlernte" Begriffsstruktur ist verallgemeinert darstellbar als 'konstruktives Konzept' mit neuartig verknüpften symbolischen Daten (neue Konzeptform).

Bei der Bildung 'konstruktiver Konzepte' werden begriffliche Beziehungen miteinander logisch verknüpft, so dass assoziative Darstellungsformen für in Beziehung gebrachte Begriffe entstehen (vgl. empirische oder theoretische Erkenntnisse). [Liß]
   "Wenn ein Gedanke ein Aktivitätsmuster in einem neuronalen Netz ist, kann er ein anderes Netz nicht nur zur Aktivität, sondern auch zur Veränderung oder Plastizität anregen." [LeDoux, S. 419]

Assoziativ nutzbare Kenntnisse ermöglichen im empirischen Kontext erinnerbare Voraussagen und auch hypothetische Vorstellungen als 'konstruktive Konzepte' für "thesenhafte" Theorien oder "einsichtige" Problemlösungen (2.4.).
Beim Lernen durch Einsicht in Sinnzusammenhänge unterstützt eine gewonnene Erkenntnis die zielorientierte Lösungsfindung oder Aktionsnachahmung aufgrund von (Modell-)Vorstellungen oder Erwartungen (Erinnerungen).
Für neue Problemlösungen 'einsichtig' einzuschätzen ist die perspektivische Bedeutung einer konzeptionellen Entdeckung, - beispielsweise das "einsichtige" Auffinden einer innovativen Mittel-Zweck-Relation (als Erfindung) oder einer prinzipiellen Antwort auf eine "Warum?"- oder "Wie?"-Frage zur Erklärung von wirklichen Geschehnissen bzw. natürlichen Sachverhalten aufgrund von kognitiv erfassbaren Zusammenhängen (vgl. 2.6.).

Bewusst erinnerbare Modellvorstellungen aufgrund von (Er-)Kenntnissen können "symbolisch-abstrakt" beschrieben werden in Form von expliziten Aussagen (sprachlich gemäß Grammatik und Vokabular), womit besondere Urteile, Deutungen und Voraussagen ausdrückbar sind (vgl. Theorien und prädiktive Modelle der Wissenschaft).
   Beispiele mitteilbarer Darstellungsformen für einzelne oder verknüpfte (Er-)Kenntnisse sind verständlich formulierte Aussagesätze (Aussagen, Logos-Relationen) oder Funktionsausdrücke (Regeln, Formeln). Diese ermöglichen analytische Beschreibungen von konstruktiven Modell-Vorstellungen, die gebraucht werden zur Erklärung von erfassten Zusammenhängen untersuchter Sachverhalte (vgl. 1.5. und 2.7.).
   Sprachlich ausgedrückte begriffliche Beziehungen des deklarativen Wissens entsprechen formalen Aussagen von (Er-)Kenntnissen, die verständlich dargestellt und dadurch interaktiv mitgeteilt werden können (vgl. Objektivierung).

Notwendige Bedingungen für gutes Verstehen einer Darstellung sind passendes (Vor-)Wissen, Interesse und Lernbereitschaft. - Fehldeutungen entsprechen Missverständnissen aufgrund subjektiver Vorstellungen gemäß unzureichendem Kontextwissen.
   Ein richtiges Verstehen formal dargestellter semantischer Informationen wird ermöglicht mit 'generellen' Erinnerungen als Vorstellungen aufgrund assoziativ nutzbarer Kenntnisse von 'erfassten' Beziehungen (Kontext- oder episodisches Wissen) der Zusammenhänge untersuchter Sachverhalte. Diese können nützlicher sein als außerdem mögliche 'singuläre' Erinnerungen von Merkmalsbeziehungen als Kenntnisse "gemerkter" Eigenschaften (Merkmal- oder Faktenwissen) einzelner Objekte oder Situationen.
   Das Verstehen natürlicher Zusammenhänge wird ermöglicht durch die "richtige" Erkennung (Identifikation, Klassifikation) und "adäquate" Deutung (Interpretation) von wirklichen Wahrnehmungen. Eine kognitive Verbesserung des Verstehens gelingt mit der lerntypischen Ausbildung eines besser zutreffenden Erfahrungswissens durch situationsbedingten Kenntniserwerb. Dabei vorausgesetzt wird ein zur situationsspezifischen Erkennung nützliches 'einschlägiges' Wissen, das bezeichnet wird als 'erkenntnisförderndes Vorwissen'.

Bei der Wahrnehmung von Unbekanntem wird versucht, dieses mit ähnlichem Bekannten zu vergleichen, d. h. Analogien zu finden, um das unbekannte Neue mit eigenen Kenntnissen "aus Erfahrung" zu beurteilen. Wenn zum Verstehen neuer Situationen keine passenden Begriffe oder Vorstellungen nutzbar sind, fällt es Menschen sehr schwer, über den sinnlich erfahrbaren Tat-Folge-Zusammenhang hinauszudenken.
   Die Erforschung von Neuem (Untersuchung von Unbekanntem) gelingt als ein "vertiefendes" Kennenlernen durch sukzessiven Kenntniserwerb einer lernfähigen Gedächtnisstruktur mit vorausgesetztem Wissen (Vorwissen), dessen kognitive Erweiterung (Ausbildung) ein "einsichtiges" Verstehen im passenden Begriffszusammenhang (Kontext) ermöglicht (vgl. 1.3.).

Einsicht ist eine Begriffsform für das Verstehen eines Sachverhalts aufgrund der Erkenntnis von erfassten Zusammenhängen, beispielsweise einer kausalen Relation zur Bestimmung von Ursache und Wirkung eines Geschehens oder einer Handlung.
   »Verstehen lernen« heißt kognitive Gewinnung von Einsicht in prinzipielle Sinn-Zusammenhänge von Sachverhalten der "wirklichen" Erfahrungswelt gemäß dem individuellen Erkenntnisprozess.
   Albert Einstein schrieb: "Durch bloßes logisches Denken vermögen wir keinerlei Wissen über die Erfahrungswelt zu erlangen; alles Wissen über die Wirklichkeit geht von der Erfahrung aus und mündet in ihr. Rein logisch gewonnene Sätze sind mit Rücksicht auf das Reale völlig leer." [Mein Weltbild, Zur Methodik der theoretischen Physik, 1930]

Praktische oder theoretische Einsicht (vgl. Klugheit bzw. Weisheit) basiert auf situationsbedingt erworbenen Kenntnissen (Erkenntnissen für Wissen), die modellhaft erfassten 'begrifflichen' Beziehungen entsprechen.
   Wer theoretische Einsicht in reale Zusammenhänge gewinnt und nach praktischer Überprüfung vorteilhaft nutzt, hat hochintelligent gelernt.
   Lernen durch Einsicht führt zur Theorie. - Erst Lernen aus eigener Erfahrung wird zur Praxis einer Verhaltensänderung.
Weisheit als höchste Einsichtsfähigkeit ermöglicht theoretisches Wissen um Prinzipien der Seinserfahrung, das begründbar ist durch fundamentale Lebenserfahrung und rationale Einsicht in allgemeine Zusammenhänge.

Der "wissentlich forschende" Mensch strebt nach logisch begründbarer Erkenntnis und wissenschaftlicher Wahrheitsfindung (Wissensdrang), in dem er kritisch nachdenkt über erfahrene Wirkbeziehungen und kausale Sinn-Zusammenhänge, wobei er sich "Warum?"- und "Was wäre wenn?"-Fragen stellen kann. Sein selbstreflexives Denken (Nachdenken), funktionell getrennt von aktuellen Wahrnehmungen, betrifft nicht nur pragmatische Gedankengänge, sondern auch theoretische Überlegungen aufgrund von begrifflichen Modellvorstellungen (vgl. Theorien oder Fiktionen).
Eine wissenschaftliche Wahrheitsfindung ist möglich durch systematische Erforschung wirklicher Sachverhalte hinsichtlich erkennbarer Grundprinzipien (Ursprünge, Regeln).

Das Gewinnen einer Erkenntnis entspricht dem "mentalen" Begreifen, d. h. der kognitiven Erfassung mindestens einer begrifflichen Beziehung, die als erworbene Kenntnis gemäß ihrer praktischen Bewährung genutzt werden kann.
   Eine gewonnene Erkenntnis wird deklarativ bestimmt als eine 'bisher bewährte' Kenntnis, die empirisch überprüfbar und logisch begründbar ist.
   Individuell gewonnene empirische oder theoretische Erkenntnisse entsprechen 'bisher bewährten' erworbenen Kenntnissen, die für kognitive Leistungen erfahrungsgemäß genutzt werden können (vgl. Voraussagen für empirische Urteile), trotz der Ungewissheit ihrer angenommenen Adäquatheit gegenüber natürlichen Beziehungen (der objektiven Realität). Ihr Wahrheitsanspruch (vermutete Validität) muss ständig bezweifelt und empirisch überprüft werden, beispielsweise durch logische Kritik und wissenschaftliche Experimente mit beobachtbaren Fakten (vgl. praktische Bewährung von Theorien oder Modellen ohne Gewissheit).

Theoretische Erkenntnisse resultieren aus der kognitiven Zusammenhangserfassung beim situationsbedingten Kenntniserwerb von untersuchten Sachverhalten, wobei deren 'wissensbasierte' Beobachtung und Reflexion instruktiv förderbar ist mit didaktischen Beispielen bzw. Lehrsätzen.
   Durch perzeptive oder reflexive Beobachtung bzw. Entdeckung kann mindestens eine Beziehung der realen bzw. vorgestellten Zusammenhänge von Gegenständen oder Ereignissen kognitiv erfasst werden (vgl. empirische oder theoretische Erkenntnisse).
   Mit konstruktiven Reflexionen 'abduktiv' auffindbar sind vorteilhafte Problemlösungen zwecks Selbsterhaltung und möglicherweise zur Verbesserung der 'subjektiven Lage' im jeweiligen Handlungsspielraum.
 - Konstruktiv erdacht werden Konzepte als neue Entwürfe (z. B. Erfindungen, Konstrukte oder Fiktionen) durch logisch-funktionelle Nutzung neuer Erkenntnisse entsprechend den erworbenen Kenntnissen von kognitiv erfassten Beziehungen (vgl. Lernen durch Einsicht in prinzipielle Sinn-Zusammenhänge, siehe 2.4. und 2.6.).

Die "rationale" Einsicht durch theoretische Erkenntnis ermöglicht analytische Urteile und selbstbestimmte Entscheidungen gemäß dem assoziativ nutzbaren Erfahrungswissen, insbesondere zwecks "intelligenter" Klärung eines problematischen Sachverhalts. -
   Aufklärende Erkenntnisse der theoretischen Einsicht widersprechen oft kritikwürdigen Denkgewohnheiten für Vorurteile und Aberglaube.

Induktiv (verallgemeinert) angenommene Regelmäßigkeiten der objektiven Realität können für gebildete Denkmodelle ohne Gewissheit gelten, wobei theoretisch definierte 'Naturgesetze' experimentell überprüft werden müssen.
   Gemäß den bisher bestätigten Gesetzmäßigkeiten für praktisch erprobte Modelle oder Theorien sind empirische Voraussagen situationsspezifisch ermittelbar.

Nach dem 'Unschärfeprinzip der relativen Wahrheit' gelten logische (Vor-)Urteile, die in Form von Aussagesätzen mitteilbar und kritisch überprüfbar sind, als 'relativ wahr' aufgrund von bisher bewährten Regeln und bestimmten Ausnahmen für Sonderfälle, aber nur so lange diese Regeln nicht verändert werden. -
   Neue Erkenntnisse (bedingte Relationen für neuerfasste Zusammenhänge) aufgrund neuer oder geänderter Bedingungen können ein 'intelligentes Umlernen' durch "adaptive" kognitiv-logische Modellbildung erforderlich machen (vgl. konstruktive Kritik, Falsifizierung oder Korrektur). [Liß].


1.5.  Informationsverabeitung im 'denkenden' lernfähigen Gedächtnissystem

Zentrales und peripheres Nervensystem eines Organismus bilden mit dem Körper eine funktionelle Einheit, die gekennzeichnet ist durch unterschiedliche Wechselwirkungen neuraler Funktionskomplexe über ihre elektrischen und biochemischen Verbindungen. Sensorische und motorische Nerven des peripheren Systems übertragen (afferente bzw. efferente) Signale zum bzw. vom zentralen Nervensystem im Gehirn.
Unterschiedliche neurale Funktionskomplexe existieren in den Hirnabschnitten, die für Säugetiergehirne definiert worden sind. Für viele neurale Komplexe, insbesondere der Großhirnrinde, konnten spezifische Funktionen experimentell nachgewiesen werden.
   Funktionell unterscheidbare Cortex-Areale sind zuständig für die Sinneswahrnehmungen, die Motorik und das Sprach- und Denkvermögen (vgl. Bilder unter 1.1. und 2.).

Auf neuralen Organisationsprinzipien basieren symbolisch-abstrakte Verknüpfungsoperationen der "mentalen" Informationsverarbeitung im Gehirn unter dem Einfluss von vielfältigen (externen und internen) Signalereignissen, - entsprechend aktuellen Situationen oder Reizen, auf die der Organismus reagieren kann.
   Besondere 'chemische Signale' (Hormone, Neurotransmitter und -modulatoren) befördert der Blutkreislauf. Diese können das Gehirn beeinflussen oder aber, wenn sie vom Gehirn verursacht worden sind, auf den Körper einwirken (vgl. Stimulanz, Lust, Stress, Furcht und Rausch).
Neurowissenschaftlich untersucht werden hierarchisch vernetzte Funktionskomplexe, die für unterschiedliche Wechselwirkungen und Hirnfunktionen zuständig sind. Diese können mit modernen (bildgebenden) Verfahren der Hirnforschung immer genauer detektiert und analysiert werden. Solche relativ autonome Funktionskomplexe operieren in "arbeitsteiliger" Interaktion, wofür mehrere Hierarchiestufen klassifizierbarer Lernformen definierbar sind (vgl. 2.6.). [Liß]

In ausbildbaren Gehirnstrukturen prädisponierte Hirnfunktionen entsprechen den genetisch determinierten 'Grundverschaltungen' der Neuronen im Sinne von "evolutionär erlernten" neuronalen Verknüpfungen. Den strukturellen Veranlagungen (Grundverschaltungen) in neuronalen Funktionskomplexen zuordenbar ist ein genetisch vorgegebenes "A-priori-Wissen" als Basis-Wissen für lebensnotwendige Grundfunktionen (vgl. 1.3.).
Beim Lernen werden im Gehirn neue oder modifizierte Funktionen zwecks "verbesserter" Anpassung an Umweltbedingungen kenntnisspezifisch ausgebildet. Dabei entsprechen lerntypische Struktur- und Funktionsänderungen des Gehirns dem neu gewonnenen Erfahrungswissen durch situationsbedingten Kenntniserwerb, womit kognitive Leistungen für klassifizierbare höhere Lernformen ermöglicht werden (vgl. 2.6.).
Durch 'strukturelles Lernen' im Gehirn erreichbar sind situationsangepasste Interpretationen (Erkennung und Deutung), insbesondere empirische Urteile (gemäß Voraussagen "aus Erfahrung") und optimale Entscheidungen (antzipatorisches Erwägen), sowie auch zielorientiert angelernte Aktionssteuerungen (vgl. Routinen durch Training).
Wissentliche Entscheidungen für lerntypische Verhaltensänderungen werden 'unbewusst' vorbereitet und (mit-)bestimmt von subcortikalen Funktionskomplexen gemäß ihrer 'subjektiven' Bewertungen von internen und externen Situationen. Beispiele für diese unbewusste Beeinflussung sind 'ungewollte' Affekte (vgl. interner Antrieb), auch individuelle Emotionen und Motivationen, die erst später bewusst werden können (vgl. 2.1. - 2.3.).
"Da die meisten Hirnsysteme plastisch sind und außerhalb des Bewusstseins arbeiten, können wir sie als implizite Gedächtnissysteme betrachten oder besser als Systeme, die bestimmte Arten von Informationen implizit zu speichern vermögen. … Die expliziten Aspekte des Selbst sind diejenigen, die in expliziten [bewusstseinszugänglichen] Systemen gelernt und gespeichert werden." (LeDoux, S. 45)

Die "anschauliche" Speicher-Metapher für die Erklärung des Begriffs "Gedächtnis" bezieht sich auf eine postulierte Informationsspeicherung im physio-psychologisch definierten 'Arbeits-, Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis' des Zentralen Nervensystems (ZNS), aus dem situationsbedingt "eingespeicherte" Informationen als empirische Erinnerungen für Vorstellungen (auch Erwartungen für Voraussagen) assoziativ "abgerufen" werden können (vgl. 2.5.). - Diese vereinfachende Auffassung von "Gedächtnis" als Informationsspeicher führte zur bisher erfolglosen Suche nach einer 'Gedächtniszentrale' im Sinne eines zentralen Informations- oder Wissensspeichers im Gehirn.
Durch neurowissenschaftliche Untersuchungen von Gedächtnisleistungen wurde festgestellt, dass für die 'assoziative' (strukturelle) Speicherung von 'redundant' verteilten Gedächtnisinhalten (vgl. relationale Kenntnisse) und für die 'mentale' Verarbeitung von Informationen beim symbolisch-abstrakten Denken dieselben Gehirnbereiche (Areale) zuständig sind.
   Eric Kandel schrieb: "Es wird sogar in derselben Region gespeichert, in der die Informationen ursprünglich verarbeitet wurden - das heißt, Erinnerungen an visuelle Ereignisse werden in verschiedenen Arealen des visuellen Cortex gespeichert und Erinnerungen an taktile Ereignisse im somatosensorischen Cortex." (Kandel, S. 148)
Gefunden und untersucht wurden lernfähige Gedächtnisstrukturen in vielen Teilkomplexen des Gehirns, die gekennzeichnet sind durch situationsbedingte Funktions- und Strukturänderungen. - Diese fungieren in lokalisierbaren Bereichen von unterschiedlichen Hirnabschnitten (nicht nur im 'Assoziationscortex') als wechselwirkend vernetzte, "selbstlernende" Funktionskomplexe, die zuständig sind für ausgebildete 'kognitive' Gedächtnisleistungen.

Der Begriff "Kognition" (von lat. cognoscere = erkennen, wissen) bedeutet die individuelle Erkennung und Deutung von Situationsmerkmalen durch erfahrungsgemäße Kenntnisnutzung für assoziierte Vorstellungen und Erinnerungen bei der interpretativen Informationsverarbeitung (vgl. Denkvorgänge für empirische Urteile), insbesondere beim mentalen Prozess des Verstehens aufgrund von kognitiven Gedächtnisleistungen.
   Ein "sich erinnerndes" Gedächtnissystem kann gemäß seinem (impliziten oder expliziten) Wissen "aufmerksam wahrgenommene" Situationen unter aktuellen Aspekten bedenken (analysieren, deuten und beurteilen) und gemäß seiner Einstellung subjektiv bewerten, um (kognitiv-logisch) schlussfolgernd darauf reagieren zu können. Dabei merkt es sich besondere Situationsmerkmale für "Merkwürdiges" und "Gedachtes" mittels erworbenen Kenntnissen, womit eine spätere Wiedererkennung des 'Kennengelernten' und auch 'assoziierte Erinnerungen' (Vorstellungen oder Erwartungen) ermöglicht werden.

Der Begriff "Denken" (lat. cogitare - zusammenbringen, verknüpfen) wird philosophisch aufgefasst als 'geistige Tätigkeit' der Begriffsbildung, des Urteilens und Schließens. - Ich bestimme Denken als die 'informationsverarbeitende' Aktivität eines lernfähigen Gedächtnissystems (Gehirn oder Artefakt), das gekennzeichnet ist durch 'veranlagte' und 'ausbildbare' Speicher- und Verarbeitungsfunktionen entsprechend seinem Basis- und Erfahrungswissen für "mentale" Operationen (vgl. Erkennung, Beurteilung, Bewertung und Entscheidung).
   Mentale Operationen des aspektorientierten Denkens basieren auf funktionellen Verknüpfungen von Begriffssymbolen (vgl. konstruktive Konzepte oder kognitive Schemata) und erzielen 'rationale' Deutungen von sinnlichen Wahrnehmungen oder erinnerten Vorstellungen, - auch erfahrungsgemäß einzubeziehenden Erwartungen (vgl. assoziierte Voraussagen), - für resultierende Urteile, Schlüsse oder Erwägungen (vgl. antizipatorisches Abwägen von Konsequenzen für optimale Entscheidungen), insbesondere für situationsangepasste Problemlösungen durch 'einsichtiges' Verstehen.

Ein "denkendes" lernfähiges Gedächtnissystem ist beschreibbar als kognitives System, das individuelles Erfahrungswissen gewinnen und für 'intelligente' Verhaltenssteuerungen operativ nutzen kann (aufgrund seiner 'strukturellen Lerndisposition' für Kognition und Verstehen). [Hinweis 1]
   Das Phänomen »denkendes Gedächtnis(system)« (gemäß meiner Begriffsdefinition, publiziert seit 1982) ist erklärbar durch die funktionelle Einheit von assoziativer Informationsspeicherung und interpretativer Informationsverarbeitung im Gehirn (ZNS), das als 'lernfähiges Gedächtnissystem' modellierbar ist wie ein dynamisches "offenes" System mit funktionell variabler Struktur (def. als lernfähige Gedächtnisstruktur), - mit der Befähigung zu kognitiven Gedächtnisleistungen und interpretativen Denkoperationen (in Funktionseinheit) für empirische Urteile und logische Schlüsse zwecks situationsangepasstem (intelligentem) Verhalten durch Problemlösen und Lernen aus Erfahrung.(vgl. 1.2., 2.1. und 2.6.). -
   Meine deklarative Begriffsbestimmung für 'denkende' Gedächtnissysteme entspricht einem neuen Paradigma (der Kognitiven Logik) für 'kognitiv-logische' Gedächtnissysteme mit künstlicher Intelligenz zwecks möglicher Erklärung und Simulation von Lernen, Verstehen und Problemlösen.

Durch kenntnisspezifische Ausbildung und Präzisierung von nutzbarem (Erfahrungs-)Wissen erklärbar sind Veränderungen des umweltangepassten Verhaltens kognitiver Systeme (Organismen oder lernender Automaten). Ihre wissenschaftliche Erforschung auf Basis einer innovativen (Er-)Kenntnistheorie ist orientiert auf prinzipielle Simulationen des natürlichen Kenntniserwerbs lernender Gedächtnissysteme, wobei technische Lösungen mit großen gesellschaftlichen Auswirkungen erwartet werden.

Ein »lernfähiges Gedächtnissystem« - als kognitives System analog dem Gehirn - wird bestimmt mit strukturveränderlichen, nicht linear fungierenden Systemkomponenten in Form von plastisch verknüpften (variabel vernetzten) Funktionskomplexen, die in multihierarchischer Organisation relativ autonom interagieren können (vgl. mein schematisches Gehirnmodell für 'hierarchisch gekapselt' klassifizierte Lernformen, siehe 2.6.).
   Das lernfähige Gedächtnissystem erkennt und deutet die aktuellen (externen und internen) Situationen gemäß seinen individuellen 'kognitiven' Interpretationen für empirische Urteile, wobei seine (kognitiv-logischen) Operationen der Informationsverarbeitung bestimmt werden von 'veranlagten' Grundfunktionen und auch von 'erlernten' Funktionen (vgl. bedingte Logik-Funktionen).

Im 'kognitiven' Interpretationsprozess eines lernfähigen Gedächtnissystems kann mindestens eine neue Kenntnis situationsbedingt gewonnen werden, - im Rahmen einer 'strukturellen Lerndisposition' und unter der Voraussetzung von geeignetem Vorwissen (Kontext- oder Hintergrundwissen) im Sinne einer potenziellen Ausgangsbasis für möglichen Kenntniserwerb (vgl. wissensbasierte Lernkompetenz, siehe 1.3.).
   Der Kenntniserwerb, aufgefasst als kognitiver Grundprozess des strukturellen Lernens, wird unterstützt von konstruktivem Vorwissen gemäß bisherigen Erfahrungen (Kenntnissen, Modellen, Metawissen) und veranlagtem Basis-Wissen für Grundfunktionen (Anlagen a priori).
   Das verhaltensändernde Selbstlernen des kognitiven Systems basiert auf der Ausbildung von nutzbarem Erfahrungswissen durch situationsbedingten Kenntniserwerb (vgl. Erkenntnisfähigkeit) und struktureller Kenntnisspeicherung, wodurch erfahrungsgemäße Vorstellungen (Voraussagen, Erwartungen) durch assoziative Kenntnisnutzung ermöglicht werden (vgl. situationsabhängig abrufbare Erinnerungen).

Kognitive Systeme verfügen über lerntypische Gedächtnisleistungen aufgrund von selbst erworbenen Kenntnissen, die darstellbar sind als 'erlernte Begriffsrelationen' des situationsbedingt ausgebildeten Erfahrungswissens.
Erworbene Kenntnisse werden bestimmt als 'bedingte Relationen', die einbezogen sind in funktionelle Verknüpfungen (bedingte Logik-Funktionen oder Zuordnungen), insbesondere für empirische Urteile oder Voraussagen zwecks optimalen Entscheidungen für "intelligente" Aktionen.
   Situationsbedingt erworbene Kenntnisse des Gedächtnissystems sind objektiviert darstellbar als "strukturell erlernte" bedingte Relationen, - einbezogen in 'plastische' Verknüpfungen für (erfahrungs-)bedingte Logik-Funktionen auf hierarchischen Darstellungsniveaus. Ihre technische Implementierung ist möglich mit mindestens einer kognitiv-logischen Gedächtnisstruktur für bedingte Relationsverknüpfungen und Symbolzuordnungen entsprechend empirischen Urteilen gemäß dem definierten Realisierungskonzept eines 'lernfähigen Zuordnungskomplexes'. [Liß]

Ein lernfähiges Gedächtnissystem ist systemtheoretisch beschreibbar als mindestens eine 'strukturell lernende' Funktionseinheit mit kognitiv-logischer Gedächtnisstruktur, die geeignet ist für die erfahrungsbedingte Informationsverarbeitung durch operative Nutzung von individuell erworbenen Kenntnissen für bedingte Zuordnungen von funktionellen Begriffssymbolen (vgl. lernfähiger Zuordnungskomplex). [Hinweis 2]

Die impliziten und expliziten Hirnfunktionen basieren auf kognitiven Gedächtnisleistungen und führen zu empirischen (Vor-)Urteilen und Entscheidungen gemäß der subjektiven Bewertung von individuellen Erkennungs- und Deutungsergebnissen, die beeinflusst werden von unbewusst oder bewusst einbezogenen (Modell-)Vorstellungen oder Erwartungen (vgl. Erinnerungen für assoziierte Voraussagen "aus Erfahrung", analog prädiktiven Modellen oder Theorien).
   Erfahrungsgemäße Vorstellungen sind erinnerbar in deklarativen Gedächtnisstrukturen entsprechend relationalen Kenntnissen analog begrifflichen Beziehungen. Diese können 'wissentlich' (bewusst) geäußert und kommunikativ mitgeteilt werden in Form von expliziten Aussagen (vgl. Aussagesätze, Relationen, Formeln und Kunstwerke). Verständliche Formulierungen mentaler Erinnerungen und Deutungen dienen zur Kommunikation mit anderen Individuen, beispielsweise als Berichte, Statusreports, Lehrsätze, Beschreibungen, Erklärungen, Behauptungen oder Begründungen (vgl. Objektivierung und Tradierung von Aussagen).
   Das Erlernen und die Nutzung individueller Sprachkenntnisse für 'wissentlich' äußerbare Gedanken als Aussagen geschieht in lokalisierbaren Funktionskomplexen der Großhirnrinde (Neocortex mit Broca- und Wernicke-Areal), die zuständig sind für kommunikative Sprachäußerungen und erlerntes Sprachverständnis für die semantische Deutung der erkennbaren syntaktischen Aussageformen.

Im Sinne von sprachlichem Bewusstsein wird das bei Menschen 'hoch entwickelte' (Selbst-)Bewusstsein bestimmt als ein sprachliches Ausdrucksvermögen für 'explizite' Aussagen über selbstbezügliche Vorstellungen und individuelle Erfahrungen. Die Sprachfähigkeit ermöglicht eine formale Objektivierung von (Er-)Kenntnissen des darstellbaren Wissens für verständliche Beschreibungen und Erklärungen von begrifflichen Zusammenhängen.
   Der funktionell deutbare Begriff des (Selbst-)Bewusstseins bezieht sich auf deklaratives 'Wissen vom Sein' des Selbst (Ich-Begriff)), dem ein ontogenetisch gebildetes Selbstmodell entspricht, das für 'selbstkontrollierende' Überwachungs- und Steuerfunktionen genutzt werden kann (vgl. Persönlichkeitsentwicklung hinsichtlich Selbstkontrolle und Intention, siehe 2.7.).

Wissentliche Gedankengänge beim 'bewussten' Nachdenken (rationale Reflexion), insbesondere für "intelligentes" Problemlösen, betreffen situationsgemäß (neuronal) aktivierte begriffliche Verknüpfungen unter funktioneller Einbeziehung von individuell erinnerten Vorstellungen (vgl. Erwartungen oder Voraussagen 'aus Erfahrung').
   Selbstreflexive Deutungen (subjektive Auslegungen, eigene Erklärungen) von wirklichen oder fiktiven Zusammenhängen aufeinander beziehbarer Gegenstände oder Phänomene gehen aus von individuellem 'deklarativem' Wissen, das entsprechend kognitiv-logischen Begriffsstrukturen darstellbar ist. [Liß]
   Mit 'wissentlich-rationaler' Einsicht in symbolisch-abstrakte Begriffszusammenhänge erklärbar sind 'höhere' kognitive Leistungen (vgl. Antizipation, Intention und Selbstreflexion, siehe 2.6. und 2.7.). Diese ermöglichen konstruktive Konzepte, prädiktive Modelle und zielorientierte Pläne, die beeinflusst werden von 'subjektiven' Bewertungen gemäß 'unbewussten' internen Situationen (vgl. emotionale Signale des limbischen Systems, siehe 2.1. und 2.2.).

Zur modellhaften Erklärung wissentlicher (bewusster) Denkprozesse dient ein 'explizites' Arbeitsgedächtnis (auch definiert als Kurzzeitgedächtnis, vgl. 2.5.). Dieses entspricht 'steuerungsmäßig übergeordneten' Gedächtnisstrukturen des präfrontalen Cortex im Stirnhirn, das wechselwirkend verbunden ist mit weit vernetzten 'deklarativen' Gedächtnisstrukturen des 'assoziativen Cortex' (Areale der Großhirnrinde) und außerdem mit 'impliziten' Gedächtnisstrukturen der philogenetisch alten Systeme in subcortikalen Hirnabschnitten (vgl. Limbisches System). Diesen entspringen schwer kontrollierbare Antriebe, Emotionen und Motivationen des sog. Unterbewusstseins als Unbewusstes (vgl. 2.1. - 2.4.).

Implzite Funktionen des Unbewussten erzielen 'instinktive' Reaktionen und auch 'intuitive' Aktionen, die erst nach ihrem Bewusstwerden möglicherweise korrigiert werden können.
   "Das Unbewusste ist also offensichtlich in der Lage, genau wie das Bewusstsein, Tatsachen zu untersuchen und Schlüsse daraus zu ziehen. Es kann gewisse Fakten benutzen und deren mögliche Resultate vorwegnehmen, gerade weil wir ihrer nicht bewusst sind." [Jung, S.78]

"Das Bewusstsein - zumindest die Art von Bewusstsein, die wir meinen, wenn wir von inneren Vorgängen beim Menschen sprechen - hat sich höchstwahrscheinlich erst in der jüngsten Evolutionsgeschichte als eine Schicht herausgebildet, die sich über sämtliche anderen bereits vorhandenen Hirnprozesse legte. Das unbewusste Arbeiten des Gehirns ist also in der gesamten Evolutionsgeschichte des Tierreichs die Regel und nicht etwa die Ausnahme." [LeDoux, S. 22]
   "Unser Gehirn ist noch nicht so weit entwickelt, dass die neuen Systeme, die komplexes Denken ermöglichen, ohne weiteres die alten Systeme, denen unsere elementaren Bedürfnisse, Motive und Emotionen entspringen, kontrollieren können." [Ledoux, S. 423]
   "Unsere Persönlichkeit wird ganz entscheidend von implizit funktionierenden Systemen geprägt." [Ledoux, S. 161]


2. Besondere Hirnfunktionen und lokalisierbare Funktionskomplexe

Von großem neurowissenschaftlichen Interesse sind funktionsspezifisch lokalisierbare Cortex-Areale (Bereiche), insbesondere spezielle 'Assoziationsfelder' und frontale Bereiche der Großhirnrinde (Stirnhirn).
Die Großhirnrinde (Iso- oder Neocortex) des Menschen hat sechs Schichten, ist aber nur 2 bis 5 mm dick und enthält 20 bis 50 Milliarden Nervenzellen (Neuronen, geschätzte Anzahl), die mit jeweils 4000 (bis ca. 20 000) anderen Neuronen funktionell verknüpft sein können (über Synapsen). -
In einem Kubikmilimeter des Cortex befinden sich ca. 10 000 (bis ca. 40 000) Neuronen, deren verzweigende Nervenfasern (Axone bzw. Dendriten) mit anderen Neuronen synaptisch verbunden sind (vgl. 'plastische' assoziative Vernetzung).
Die 'hierarchisch vernetzten' Neuronen im modular aufgebauten Cortex fungieren als elementare Funktionseinheiten abhängig von vielen Einflüssen der mit ihnen verbundenen Cortex-Neuronen (meist in Kolumnen verschaltet) und außerdem Neuronen in mehreren "subcorticalen" Hirnabschnitten.
Im Cortex sind viele Funktionskomplexe unterscheidbar, die "selbstorganisierend" fungieren in Wechselwirkung mit dem (vom Gehirn gesteuerten) Körper und mit der (jeweils interaktiv verbundenen) Umwelt, - aufgrund ihrer neuralen Verbindungen mit den Sinnesorganen und dem Bewegungsapparat.
Nicht nur im Cortex verteilte lernfähige Gedächtnisstrukturen des Zentralnervensystems sind zuständig für "kognitive" Leistungen der Informationsverarbeitung für viele unterschiedliche Inputs und funktionell zugeordnete Outputs (vgl. Afferenzen bzw. Efferenzen, siehe 2.6.).
Superponierte Funktionskomplexe des Cortex wirken zusammen mit mehreren 'Kern-Systemkomponenten' des Gehirns (vgl. Limbisches System) und auch mit dem Stammhirn und Kleinhirn, die relativ autonom fungieren und "unbewusst" wirken (sog. Unterbewusstsein).




Hierarchische Hirnabschnitte (vgl. 1.1.)



2.1.  Rationale Funktionen im Isocortex in Verbindung mit dem limbischen System

Ein "hoch entwickeltes" Tiergehirn ist befähigt zum 'rationalen' Denken, 'emotionalen' Fühlen und 'gestalterischen' Handeln. Seine individuellen Denkprodukte ermöglichen aspektorientierte Konzeptionen (begrifflich Erdachtes) und damit auch absichtliche Handlungsresultate (konstruktiv Selbstgemachtes), - insbesondere Problemlösungen beim Lernen durch Einsicht in Sinn-Zusammenhänge.
Neuere Ergebnisse der Hirnforschung zeigen, dass "sprachlich bewusste" Gedanken nur in der Großhirnrinde nachweisbar sind. Assoziative cortikale Bereiche, vor allem im Stirn- und Schläfenlappen, sind zuständig für "bewusst gewordene" Wahrnehmung, Kognition, Gefühle und sprachliche Ausdrücke (vgl. höhere und niedere » Bewusstseinsformen bei Tieren).
Das Bewusstwerden von Wahrnehmungsinhalten (Bedeutungen) und von Denkvorgängen, Vorstellungen sowie Erinnerungen hängt zusammen mit der Aktivität von assoziativen Arealen der Großhirnrinde, lokalisiert als vorderer Anteil des Hinterhauptslappens (okzipitaler Cortex) sowie als Teile des Scheitellappens (parietaler Cortex), des Schläfenlappens (temporaler Cortex) und des Frontallappens, besonders des präfrontalen Cortex des Stirnhirns (vgl. 2.4).
"Weil präfrontale Regionen konvergente Inputs aus sensorischen, emotionalen, motivationalen und Erinnerungsschaltkreisen empfangen, geht man davon aus, dass sie die komplexe Integration von Informationen (Bindung) zu leisten vermögen, die im Gehirn im Zuge einer bewussten Erfahrung geschehen muss." [LeDoux, S. 258]
"Alle Wahrnehmungen werden grundsätzlich für 250 bis 500 Millisekunden unbewusst verarbeitet, ehe sie gegebenenfalls bewusst werden. Viele unbewusst aufgenommenen Reize sind aber generell zu kurz oder zu schwach, als dass sie unsere Großhirnrinde in einer für das bewusste Erleben notwendigen Weise aktivieren, oder sie werden durch subcortikale 'Filterprozesse' vom Bewusstwerden ausgeschlossen." [Roth, Die Macht des Unbewussten, 2006]
Ein "bewusstlos" funktionierendes Gehirn (z. B. niederentwickelt, embryonal, narkotisiert, im Koma oder Tiefschlaf) kann nur lebensnotwendige "vegetative" Operationen unbewusst beeinflussen, d. h. ohne individuell erlebbare Empfindungen und ohne wissentliche Reaktionen (keine Statusreports, vgl. primitive Tiergehirne).

"Sich etwas bewusst sein" entspricht einer 'wissentlichen' Seinserfahrung und bedeutet: "davon eine äußerbare Vorstellung haben". - Das sprachliche Ausdrucksvermögen für mitteilbare 'explizite' Aussagen über deklaratives 'Wissen vom Sein' des Selbst (vgl. Selbstmodell) wird definitiv aufgefasst als "sprachliches Bewusstsein" (siehe 1.5. und 2.7.).
"Das Selbst gründet sowohl in explizit arbeitenden als auch in implizit arbeitenden Systemen. Mit den expliziten Systemen versuchen wir, gezielt zu steuern, wer wir sind und wie wir uns verhalten. Das gelingt uns allerdings nur teilweise, weil wir auf emotionale Systeme, die für die Koordination des Lernens in anderen Systemen so bedeutsam sind, nicht durchweg bewusst zugreifen können." [LeDoux, S. 424].
Bewusstes Denken ist durch "inneres Sprechen" (auch mit sich selbst) erlebbar, insbesondere beim mentalen 'Ersinnen' von kreativen Entwürfen (konstruktiven Konzepten) als Ideen für Problemlösungen oder von innovativen Antworten auf 'erkenntnisfördernde' Fragen, - möglicherweise angeregt durch Kritik, Zweifel oder Widerspruch (vgl. Dialektik).

Erlebbare Bewusstseinszustände beim Denken (z. B. Selbstreflexion für Urteile und sprachliche Statusreports über das "Ich") werden maßgeblich beeinflusst von unbewussten 'subjektiven' Bewertungen in subcorticalen Funktionskomplexen des so genannten limbischen Systems (blau markiert im Schnittbild). [Roth]



Schnittbild des Gehirns (senkrecht) - benannte Funktionskomplexe


Die limbischen Strukturen im Schläfenhirn, Zwischenhirn (Thalamus) und Gyrus cinguli stehen in vielfältiger Verbindung mit unterschiedlichen Bereichen des Cortex, wodurch sie cortikale Funktionen mit ihren "emotionalen" Bewertungssignalen beeinflussen können (vgl. 2.2., 2.3. und 'emotionales Gedächtnis' unter 2.5.).
"Das limbische System durchzieht das gesamte Gehirn und umfasst (1) Anteile der Großhirnrinde, nämlich den orbitofrontalen Cortex, den Gyrus cinguli, die um den Hippocampus liegende entorhinale, parahippocampale und perirhinale Rinde und die insuläre Rinde ("Insel"); (2) allocortikale (d.h. nicht sechsschichtige) Anteile des Cortex und subcortikale Zentren des Endhirns, nämlich Hippocampus-Formation, Amygdala, Septum/basales Vorderhirn, ventrales Striatum/Nucleus accumbens, (3) Zwischenhirnzentren, nämlich Hypothalamus, Mammillarkörper, anterior-laterale, mediale und intralaminare Thalamuskerne, (4) ventrales tegmentales Areal (VTA) und Kerne des tegmentalen Höhlengrau im Mittelhirn, und (5) im weiteren Sinne Kerne der Formatio reticularis in Mittelhirn, Brücke und verlängertem Mark, vor allem Locus coeruleus und Raphe-Kerne."...
"Der Gyrus cinguli stellt neben der "Insel" und dem orbitofrontalen Stirnhirn den cortikalen Teil des limbischen Systems dar. Er spielt neben dem somatosensorischen Cortex bei der Schmerzwahrnehmung eine wichtige Rolle; hierbei steht er in enger Beziehung mit anderen Schmerzzentren, vor allem mit dem insulären Cortex. Zusammen mit dem präfrontalen Cortex übt der vordere cinguläre Cortex eine Art Überwachungsfunktion (monitoring) und Fehlerkontrolle bei der Verhaltenssteuerung aus." [G. Roth, aus Essay: Die Macht des Unbewussten, 2006]

Der präfrontale Cortex (oberer Teil beider Stirn- oder Frontallappen) bestimmt maßgeblich die "verstandesmäßigen" Interpretationen von Problemsituationen, z. B. Denkprozesse für 'einsichtige' Deutungen und 'intelligente' Lösungen gemäß erinnerbaren Vorstellungen. Er wird modellmäßig erklärt als das explizite Arbeitsgedächtnis für 'superponierte' Exekutivfunktionen' (Top-down-Instruktionen, meist unbewusste Ausführung) zur zielgerichteten Verhaltenssteuerung und Lenkung der Aufmerksamkeit auf neue wichtige Ereignisse, - verbunden mit 'wissentlichen' Vorgaben für Problemlösen, Entscheiden, Handlungsplanung und Verhaltenskontrolle (vgl. 2.5.). -
Der orbitofrontale Cortex (darunter, über den Augenhöhlen) ist zuständig für "vernünftige" Voraussicht und Überprüfung von hypothetischen Erwartungen (Voraussagen) gemäß einer 'rationalen' Selbstkontrolle des Gehirns. Aufgrund von gedanklicher Ereignisvorwegnahme (begriffliche Antizipation als Vermutung) sind optimale Enscheidungen "erwägbar", besonders durch "einschätzendes" Abwägen von voraussichtlichen Handlungskonsequenzen, - auch unter Berücksichtigung von ethisch-moralischen Normen für soziale Interaktionen. - Funktionsstörungen des orbitofrontalen Cortex führen zu einem "unkontrollierten" impulsiven, individuell-egoistischen oder "unmoralischen" Verhalten, das von subcortikalen limbischen Zentren (vor allem Amygdala, mesolimbisches System und Hypothalamus) unbewusst gesteuert wird.

Für "rationale" Funktionen des Stirnhirns gilt prinzipiell: "Verstand" ist Erkenntnisvermögen für Deutungen und Urteile durch praktische Einsicht. - "Vernunft" lenkt den Verstand beim Problemlösen mit vermuteten Voraussagen durch theoretische Einsicht. [Liß, vgl. 1.2. u. 2.7.]
   "Verstandesmäßige" Interpretationsprozesse zur Erkennung und Deutung von aktuellen Situationen sind prinzipiell erklärbar durch 'kognitiv-logische' Informationsverarbeitung zwecks individueller Beurteilung von situationsspezifisch wahrgenommenen Objekten (Inputs) unter erfahrungsgemäßer Berücksichtigung von erinnerten Vorstellungen und assoziierten Voraussagen entsprechend erworbenen Kenntnissen (als begrifflichen Beziehungen) von bisher erfassten Zusammenhängen untersuchter Sachverhalte.
Starke Erregungen für Emotionen und Affekte behindern logisches Urteilsvermögen (auch analytische Reflexionen). - Bei impulsiven Affekthandlungen wird eine rationale Selbstkontrolle vermisst (fehlende Selbstbeherrschung, vgl. 2.2. und 2.7.).

Urteile und Schlüsse des logischen Denkens in Gehirnen sind neurowissenschaftlich nachweisbar als funktionelle Aktivitäten von hierarchisch verknüpften Neuronen, wobei funktionsspezifisch 'synchronisierte' Neuronen-Ensembles lokalisiert werden können. Repräsentierte (semantische) Informationen begrifflicher Urteile sind in Form von expliziten Aussagen mit Begriffssymbolen ausdrückbar, insbesondere als sprachliche (syntaktische) Darstellungen (vgl. Wörter, Sätze, Texte oder Bilder).
   Äußerbare Denkprodukte (deklarative Gedanken) basieren auf elementaren Begriffen und Vorstellungen, d. h. mentalen Deutungen oder Erinnerungen, - z. B. vorteilhaft nutzbar für hypothetische Voraussagen von abzuwägenden Konsequenzen (Erwartungen).

Kognitiv-logische (Denk-)Operationen werden beeinflusst von 'strukturell erlernten' bedingten Relationen, die aufgefasst werden als 'erworbene Kenntnisse' analog ausgebildeten begrifflichen Beziehungen (Begriffsrelationen) des Erfahrungswissens. Diese bestimmen symbolisch-abstrakte Modellvorstellungen (Erinnerungen) und assoziierte Voraussagen (Erwartungen), die funktionellen Einfluss haben auf empirische Urteile für situationsangepasste Schlüsse (vgl. induktiv erlernte Inferenzen) und optimale Entscheidungen für "intelligentes" (problemlösendes) Verhalten. [Liß]
   'Mentale Reflexion' als konstruktives Nach-Denken (angeregt durch Beobachtung, Fragen oder Kritik) entspricht dem gedanklichen Manipulieren und Kombinieren von selektierbaren Symbolen für abstrakte Begriffe und semantische Relationen (gemäß neuronal repräsentierten Vorstellungen).

Rationale Kontrollfunktionen im Stirnhirn (vgl. Selbstkontrolle) sind verbunden mit äußerbaren Darstellungsformen (vgl. Aussagen) des »sprachlichen Bewusstseins« für begriffliche Deutungen von 'selbstbezüglichen' Erfahrungen als 'eigene' (subjektive) Vorstellungen, Gefühle oder Überzeugungen (vgl. Selbstwahrnehmung). Diese entsprechen einem Selbstmodell (analog Selbstkonzept, vgl. 2.7.) das vorteilhaft genutzt werden kann für die 'selbstbestimmte' Orientierung der Handlungsplanung, Entscheidungsfindung und Aktionskontrolle hinsichtlich der 'selbstgewählten' Intention (Absicht, Ziel), - möglicherweise als ein Kompromiss (vgl. rationale Auflösung motivationaler Konflikte, siehe 2.3.).

Die Intelligenz eines kognitiven Systems entspricht seiner Befähigung zum Problemlösen ausgehend von der Erkennung einer Problemsituation, insbesondere ihrer für das Handeln wesentlichen Eigenschaften im jeweiligen Zusammenhang, wodurch gemäß dieser Einsicht eine zielgerichtete oder zweckorientierte Problemlösung zu finden ist, z. B. als optimale Entscheidung im Handlungsspielraum für 'intelligentes' Verhalten (vgl. 2.4.).
   Der spezifizierte Begriff "kreative" Intelligenz betont eine systemimmanente Kreativität zum Entwurf konstruktiver Konzepte, - insbesondere hinsichtlich innovativer Ansätze für erfinderische Problemlösungen.
   »Kreativ denken« bedeutet, mit neuer Einsicht in Wesentliches innovative Problemlösungen finden. - Kreatives Denken geschieht meist "intuitiv" (vgl. unmittelbare Erkenntnis) und kann "wissentlich" unterstützt werden mit heuristischen Hilfsmitteln wie systematischen Forschungsmethoden, kritisierbaren Arbeitshypothesen oder sog. Heuristiken zum Problemlösen (vgl. diskursive Erkenntnis).

Gewonnene Einsicht ermöglicht 'intelligentes' situationsangepasstes Verhalten durch 'kognitiv-logische' Nutzung des deklarativen Erfahrungswissens für konstruktive Konzepte analog innovativen Modellvorstellungen (als kreative Denkprodukte) und für möglichst effektive Problemlösungen (nach intentionalen Plänen). Damit assoziiert sind empirische Voraussagen (Erwartungen), die subjektiv bewertet einbezogen werden beim erfahrungsbedingten Erwägen von optimalen Entscheidungen.

Intelligentes Verhalten wird zielorientiert (meist zwecks Selbsterhaltung) und möglichst situationsangepasst gesteuert, kontrolliert und erforderlichenfalls korrigiert aufgrund von nutzbarem Erfahrungswissen und methodischem Metawissen zum Problemlösen (vgl. 'intentionale' Handlungsoptimierung und 'rationale' Selbstkontrolle, siehe 2.3. und 2.7.).
   Eine problemlösende Entscheidungsfindung ist möglich durch antizipatorische Erwägung gemäß der situationsbedingten Bewertung von vermuteten Konsequenzen, d. h. effektorientierten Erwartungen, für jede alternativ auswählbare Handlungsoption (def. als 'Efferenzentwurf'). Ermöglicht werden "Was wäre wenn ...?" - Überlegungen für selektiv einschätzbare Handlungsvorwegnahmen durch die subjektive Bewertung von erinnerten Vorstellungen und assoziierten Voraussagen "aus Erfahrung" (Erwartungen, vgl. 2.4.).



2.2.  Unbewusste subjektive Bewertungen  -  Affekte, Emotionen und Motivationen

Individuelle Erregungen für Gefühle oder Affekte entsprechen spontanen Reiz-Reaktionen (vgl. Angst, Schmerz, Lust, Freude, Ärger oder Wut) gemäß den subjektiven Bewertungen von Empfindungen oder Vorstellungen (vgl. Antrieb, Emotion und Motivation in limbischen Gehirnteilen), wodurch unbewusste Automatismen veranlasst werden als routinierte Fertigkeiten zwecks Bedürfnisbefriedigung, Gefahrabwehr oder Schadensbegrenzung, - auch als unbeabsichtigte, leidenschaftliche oder aggressive Handlungen zwecks Lustgewinn oder Eigennutz (vgl. Trieb, Sucht, Eigensinn, Leichtsinn, Wahnsinn oder Unvernunft).
   Unbewusste Affekthandlungen erfolgen unbeabsichtigt ohne bewusstes Urteilsvermögen und gelten als unverantwortlich wegen fehlender rationaler Selbstkontrolle.

Unbewusst gesteuerte Handlungen (vgl. routiniertes, instinktives oder triebhaftes Verhalten) werden veranlasst oder maßgeblich beeinflusst von subjektiven Wertungen, die als mentale Gedächtnisinhalte entweder im Unbewussten 'mplizit' bleiben oder als besondere Inhalte des Vorbewussten (nach Sigmund Freud) unter bestimmten Umständen bewusst werden oder willentlich bewusst gemacht werden können (als 'explizite' Erinnerungen, vgl. 2.3. bis 2.5.).

Die vor- oder unbewusste Verhaltenssteuerung wird vom 'denkenden' Gedächtnissystem automatisch vollzogen, - nach subjektiver Bewertung und empirischer Beurteilung von sinnlichen Wahrnehmungen und/oder intuitiven Vorstellungen.
   Unbewusste Automatismen der 'Lebenssteuerung' im Gehirn sind zuständig für die existenzielle Gewährleistung der Homöostase (dynamische Stabilität) des Organismus, - durch eigennützige Erzielung der Bedürfnisbefriedigung und möglicherweise der Schadensbegrenzung (vgl. Selbsterhaltung zwecks Fortpflanzung). Das 'schnellfertige' Unbewusste wirkt dominierend gegenüber möglichen (Denk-)Prozessen der bewussten Reflexion (vgl. Nachdenken und Selbstkontrolle) zwecks beabsichtigter Selbstbestimmung (rationale Autonomie).

Individuelle Erfahrungen gemäß subjektiven Wertungen haben unbewusste Auswirkungen auf psychische Einstellungen oder Erkrankungen, - beispielsweise:
- Selbsttäuschung aufgrund von Unwissen oder Selbstüberschätzung für Wunschdenken (vgl. Geltungsdrang, Machtstreben, Gewinnsucht oder Aggression),
- Depression (Hilflosigkeit, Traurigkeit oder Mutlosigkeit) wegen Überforderung oder Angst vor existenzieller Bedrohung (vgl. Stress, Leid bzw. Gefahr),
- Verdrängung von unakzeptablen Belastungen durch äußere Ereignisse oder eigene Bedürfnisse (vgl. Desinteresse, Gleichgültigkeit oder Apathie).

Subjektive Bewertungen von erkannten und gedeuteten Situationen (Wahrnehmungen, Gegebenheiten) und auch von erfahrungsbedingten Erwartungen (Vermutungen, Konsequenzen) werden kenntnisgemäß bestimmt durch situationsabhängig erinnerte Vorstellungen bzw. assoziierte Voraussagen "aus Erfahrung" (vgl. theoretische Modelle).
Die 'primär unbewussten' Bewertungsergebnisse (Affekte, Emotionen oder Motivationen) beeinflussen individuelle Handlungsintentionen (Absichten, Ziele oder Wünsche) und werden funktionell einbezogen in empirische Urteile und Entschlüsse, insbesondere beim Problemlösen durch 'kognitiv-rationales' Erwägen von möglichst optimalen Entscheidungen für situationsangepasste Aktionen entsprechend 'intelligentem' Verhalten. - Vernünftiges Entscheiden wird erschwert durch unbewusste emotionale und soziale Einflüsse (vgl. 2.3. und 2.6.).

Das komplexe limbische System (definiert unter 2.1.) ist zuständig für 'subjektive' (meist unbewusste) Bewertungsfunktionen. Als Bewertungsinstanz bewirkt es unbewusste Affekte (intuitive Antriebe), Emotionen (erlebbar als Gefühle) und Motivationen, die als Handlungsabsichten auch bewusst bestimmbar sind (Intentionen).
Das so genannte 'Motivationssystem' mit emotionaler Gedächtnisstruktur für positive oder negative Erfahrungen basiert auf limbischen Zentren, die mit corticalen und subcorticalen Anteilen der 'dorsalen Schleife' (einschließlich Basalganglien und Thalamus) verbunden sind (vgl. ventrale Schleife). Amigdala, mesolimbisches System und Hippocampus bilden das 'zentrale Bewertungssystem' des Gehirns. Dieses bestimmt lange vor der Geburt die subjektiven Bewertungen von Reizen mit Hilfe emotionaler Erfahrungen zur unbewussten Einschätzung von aktuellen Situationen.
Die limbischen Strukturen des inneren Schläfenhirns mit Hippocampus und Amygdala beeinflussen den Hypothalamus (unter dem Thalamus im Zwischenhirn), dessen Funktionen für phylogenetisch alte Triebe und Emotionen neurobiologisch nachgewiesen sind, z. B. für Aggression, Flucht und Sexualität.
Der Hypothalamus seinerseits steuert über lange 'absteigende' (efferente) Nervenbahnen für motorische Efferenzen die peripher-vegetativen Reaktionen (z. B. Herztätigkeit und Atmung) und auch das Hormonsystem des Körpers.
Situationsbedingt ausgeschüttete Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol bewirken eine außergewöhnliche Reaktionsbereitschaft, insbesondere schnelle 'unüberlegte' Routine-Entscheidungen (vgl. Affekthandlungen oder Panikverhalten). Dabei wird der Körper alarmiert durch die Erhöhung des Blutdrucks und der Herzfrequenz, wobei auch das Erinnerungsvermögen gehemmt werden kann (mittels Cortisol).
Die Amygdala (Mandelkern) im limbischen System erzeugt (anfänglich unbewusste) emotionale Zustände und Erlebnisse (z. B. für Angst, Furcht, vermutlich auch Neugierde). Sie macht emotionale Erfahrungen in Zuordnung zu "erlebten" individuellen Situationen als "emotionale Erinnerungen" verfügbar (emotionales Gedächtnis, vgl. 2.5.). Damit bestimmt sie in besonderen Situationen (gemäß Sinneseindrücken oder Wahrnehmungen) die jeweilige emotionale Erregung oder Alarmmeldung durch Assoziieren "aus Erfahrung" sehr schnell, aber ungenau. [Goleman, S. 40]
LeDoux entdeckte ein Bündel neuronaler Verbindungen vom Thalamus direkt zur Amygdala, als Abkürzung für die vielen langen Bahnen zum Cortex. Damit sind (vor)schnelle emotionale Reaktionen (z. B. bei vermeintlicher Gefahr) erklärbar, die den cortikalen "Denkergebnissen" (des Verstandes) zuvorkommen. [Goleman, S. 36]
"Ohne irgendeine bewusste, kognitive Beteiligung können emotionale Reaktionen und emotionale Erinnerungen entstehen, weil das emotionale System anatomisch unabhängig vom Neokortex agieren kann", sagt LeDoux. "Es kommt zwar vor, dass emotionale Erinnerungen ins Bewusstsein gelangen, doch viele führen zu Handlungen, ohne dass wir uns ihrer bewusst erinnerten." [Goleman, S. 38]

Emotionale Einflüsse von der Amygdala, beispielsweise auf Hypothalamus und Isocortex, entsprechen subjektiven Bewertungen und haben funktionelle Auswirkungen, die von Cortex-Funktionen mitbestimmt werden können (vgl. empirische Urteile für situationsangepasste Entscheidungen oder bedingte Aktionen).
   In limbische Bewertungsfunktionen einbeziehbar sind erinnerte Vorstellungen im sog. 'Assoziationscortex', die besonderen Erkennungs- oder Deutungsergebnissen erfahrungsgemäß zugeordnet werden. [Roth, Singer] -
Die assoziative Kenntnisnutzung bei kognitiven Gedächtnisleistungen (vgl. Erinnerungen, Erwartungen) führt möglicherweise zu assoziierten Voraussagen "aus Erfahrung", die subjektiv bewertet werden und dadurch emotionale und auch motivierende Einflüsse auf das Verhalten haben können (vgl. 1.3 und 2.3.).

Die Motivationen für besondere Handlungen sind bestimmbar durch subjektive Antriebe oder Emotionen und auch motivierende Vorstellungen, wobei zumeist auf den Lustgewinn oder auf die Unlustvermeidung orientiert wird. - Unbewusste Motive für Verlangen (Wünsche, Triebe, Bedürfnisse) oder für Ablehnung von etwas, besonders auch zur Verhinderung von Gefahr, basieren auf emotionalen Erfahrungen des 'Vorbewussten' im "emotionalen Gedächtnis" (des limbischen Systems, insbesondere Amigdala, mesolimbisches System und Hyppocampus).
   Durch die 'aktivierende' Ausschüttung von Dopamin (über das mesolimbische System) kann entweder der als positiv registrierte Belohnungswert (vgl. Lustgewinn) eines Objekts oder Ereignisses angezeigt werden (vgl. Befriedigung, Freude) oder eine situationsabhängig erinnerte Belohnungserwartung (vgl. Erstreben, Vorfreude) motivierend wirken für versuchsweise Handlungen (vgl. Appetenzverhalten, siehe 2.4.).

Situationsbedingte Motivationen (Beweggründe), die problemspezifisch 'bewusst' werden, sind selbstreflexiv einschätzbar (im orbitofrontalen und ventromedialen Cortex), insbesondere durch das rationale und emotionale Abwägen von subjektiv bewerteten Erwartungen (assoziierten Voraussagen) betreffs voraussichtlicher Folgen von möglichen Handlungen (alternativen Optionen) unter individuellen und sozialen Aspekten (vgl. Gewissen, Moral und Ethik, siehe 1.5., 2.1. und 2.6.).

Die Fähigkeit des Menschen, sich beim Entscheiden und Handeln von Gründen leiten zu lassen, basiert auf neuronalen Strukturen für die Einbeziehung von emotionalen Erfahrungen (vgl. emotionale und motivationale Bewertungsfunktionen), die entweder durch direkten subcortikalen Einfluss 'spontane' Auswirkungen haben (vgl. Reiz-Reaktionen) oder 'rational' berücksichtigt werden beim Abwägen von erwarteten Konsequenzen von Handlungsoptionen. - Formen von "irrationalem" Verhalten, für die keine plausiblen Gründe bestimmt werden können, beruhen auf Störungen im Gehirn. Patienten mit Störungen im orbitofrontalen Cortex sind nicht in der Lage, sozial nachvollziehbare Gründe für ihr Handeln anzugeben.

"Zur Motivation tragen also implizite wie auch explizite Systeme bei. Das Arbeitsgedächtnis lenkt das Verhalten auf Ziele hin, die in ihm explizit repräsentiert sind und unter dem Einfluss von exekutiven Steuerungsfunktionen angesteuert werden können. Auf der anderen Seite haben wir Hirnsysteme, die Anreize implizit verarbeiten und das Verhalten implizit auf Ziele hinlenken. Manchmal laufen die implizite und die explizite Motivitation synchron zueinander, sodass Arbeitsgedächtnis und implizite Systeme das Verhalten auf einen gemeinsamen Zweck hin ausrichten." [LeDoux, S. 340]

Die subjektive Bewertung von eigenen Zuständen und Erfahrungen (vgl. Empfindungen und Erlebnisse) ermöglicht eine wissentliche Selbsteinschätzung des individuellen Befindens als 'subjektive Lage', - insbesondere gemäß Bedürfnissen oder Erregungen (vgl. Wohlsein, Leid, Depression, Verzweiflung, Ärger, Wut oder Affekt), - möglicherweise wegen bedrohter Sicherheit zwecks Abwehr einer erkannten oder erwarteten Gefahr (vgl. Furcht, Mut oder Kampfbereitschaft).
   Basierend auf individuellem 'Wissen vom Sein des Selbst' (d. h. Selbstbewusstsein) ist die subjektive Lage sprachlich beschreibbar mit deklarativen Statusreports, die als explizite Aussagen informativ mitgeteilt werden können im Sinne einer situationsbedingten Berichterstattung über selbstbezügliche Aspekte des Denkens, Fühlens und Handelns (vgl. Selbstreflexion, Selbstwertgefühl, Absichtserklärung oder Rechtfertigung).



2.3.  Gedanken für Absichten und Entscheidungen  -  Unbewusstes und Bewusstsein

Gedanken, Vorstellungen und Erinnerungen lassen sich neurowissenschaftlich bestimmen als 'geistige' (mentale) Charakteristika für selektive Gehirnfunktionen bei Prozessen des Denkens, Fühlens und Handelns, die sich mit technischen Mitteln (z. B. sog. bildgebenden Verfahren) nachweisen lassen.
Im Gehirn sind funktionelle Aktivitäten von verknüpften Nervenzellen (vgl. neuronale Muster) lokalisierbar, die begrifflichen Vorstellungen oder Gedanken entsprechen. Diese können mit vereinbarten Begriffssymbolen ausgedrückt werden, um sie in übertragbarer Darstellungsform 'informativ' mitzuteilen (vgl. explizite Aussagen von objektivierten Erkennungs- und Deutungsergebnissen, Urteilen, Bewertungen oder Entscheidungen).
Sprachlich-bewusst (wissentlich) äußerbare Gedanken lassen sich hirnspezifisch zuordnen zu messtechnisch detektierbaren Aktivierungsmustern von Neuronengruppen, die in unterschiedlichen Cortex-Bereichen situationsabhängig lokalisierbar sind (aber nicht auf Dauer, vgl. strukturelles Lernen im Gedächtnissystem). - In Zuordnung zu 'motivierten' Gedanken (Absichten, Erwartungen) bei der Entscheidungsvorbereitung können markante Neuronenaktivitäten "live" beobachtet werden mit modernen bildgebenden Verfahren der Magnetresonanztomografie (MRT). Eine notwendige Voraussetzung dafür ist ein anfänglicher Dialog mit dem Probanden zum Kennenlernen seiner hirnspezifisch lokalisierbaren Gedanken-Muster (bestimmbare Begriffsformen) zur Feststellung von individuellen Vorgabe-Daten für die MRT-Auswertungssoftware im Computer, - als erforderliches 'Erkennungstraining' hinsichtlich mentaler Lokalisierungen im Gehirn.

Erprobte neue Verfahren zum versuchten "Gedankenlesen" ermöglichen eine hirnspezifische Vorhersage der beabsichtigten Entscheidungsfindung für 'gewollte' Handlungen, - schon bevor sich die Probanden darüber wissentlich äußern können. Neuerdings ist es möglich, 'noch unbewusste' Absichten für Entscheidungen eines Menschen mit MRT-Aufnahmen sichtbar zu machen. - So wird sogar einige Sekunden bevor sich ein Mensch entscheidet offenbar, was dieser vorhat. Und das, obwohl die Person glaubt, ihre Wahl noch nicht getroffen zu haben (vgl. Bild nach Haynes).
Eine gefällte Entscheidung (Entschluss) kann als "gewollt" oder "nicht gewollt" bewusst werden. - "Das Gehirn bereitet die Entscheidung schon vor, bevor diese ins Bewusstsein gelangt. Das können wir mit dem MRT erfassen", erklärte John-Dylan Haynes nach seinen neuesten Untersuchungen (am Bernstein Center for Computational Neuroscience in Berlin). - Es ist aber keine Vorhersage möglich, ob ein Gedanke nur gedacht oder in die Tat umgesetzt wird. (Quelle: "Das gläserne Gehirn - Gedanken werden lesbar ...", Die Welt vom 29.05.07).

unbewusste Cortexfunktionen

Für eine 'rational erwogene' Handlungsabsicht (optimale Intention) kann eine 'bewusste' Planung (im dorsolateralen präfrontalen Cortex) erfolgen, in dem festgelegt wird, was wann und wie zur Realisierung des Plans nötig ist. Der Handlungsbeginn durch Start eines (mittels Cortex) ausgewählten Verhaltensprogramms (vgl. Routine im 'prozeduralen Gedächtnis') geschieht erst nach der Zustimmung des impliziten 'limbischen Systems' (unbewusst, mittels Dopaminsignal der Substantia nigra als Teil der Basalganglien entsprechend einem "Handlungsgedächtnis" im Zwischenhirn). Der Handlungsbeginn wird erst dann als 'Willensakt' bewusst (im Cortex, signalisiert über den Thalamus), wenn die Auslösung der motorischen Aktion 'unbewusst' akzeptiert worden ist.
"Auf subcortikaler Ebene kontrolliert das limbische System im engeren Sinne (d.h. Hypothalamus, Amygdala, mesolimbisches System) den Hippocampus und damit praktisch alle Prozesse des deklarativen, bewusstseinsfähigen Gedächtnisses. Ebenso kontrolliert das limbische System die Basalganglien (Corpus striatum, dorsales Pallidum, Substantia nigra), die ihrerseits den präfrontalen, prämotorischen und supplementärmotorischen Cortex bei der Vorbereitung und Planung von willkürlichen Bewegungen kontrollieren. Auf diese Weise hat das limbische System bei der Verhaltenssteuerung das erste Wort, nämlich beim Entstehen der Wünsche und dem Reifen der Pläne und Ziele, und das letzte Wort, und zwar kurz bevor eine bestimmte Handlung ausgeführt werden soll." [G. Roth, aus Essay: Die Macht des Unbewussten, 2006, - Hervorhebungen von E. Liß]
Die 'Macht des Unbewussten' (dominierendes Unterbewusstsein) ist erlebbar durch das verzögerte Gewahrwerden (Bewusstwerden) von unbewussten Emotionen als Gefühle (verstärkte Formen: Affekte, Leidenschaft, Sucht oder Phobie) und/oder von 'unwissentlichen' Ausdrücken, beispielsweise "unüberlegten" Äußerungen oder "nicht gewollten" (Re-)Aktionen (vgl. Affekthandlungen).

Zuständig für Handlungsvorbereitungen sind vernetzte Funktionskomplexe des Gehirns. Ihre Wechselwirkungen ermöglichen (unbewusste bzw. bewusste) 'emotionale' oder 'rationale' Entscheidungen orientiert auf individuelle und soziale Ziele (vgl. 2.6. und 2.7.). Drei Typen von Entscheidungen können unterschieden werden:
- spontan-effektive Entscheidungen ("aus dem Bauch heraus") aufgrund von unbewussten Antrieben und Emotionen der 'untersten limbischen Ebene',
- individuell-egoistische Entscheidungen aufgrund von starken Handlungsmotiven (vgl. Lustgewinn oder Unlustvermeidung) der 'mittleren limbischen Ebene' für unbewusste oder bewusste Entscheidungen (vgl. kleinkindliches Verhalten) gemäß emotionaler Konditionierung,
- emotional-sozial-rationale Entscheidungen auf der 'obersten limbischen Ebene' in Wechselwirkung mit der 'kognitiv-rationalen Ebene', wofür erwartete Konsequenzen (Tatfolgen) von alternativ wählbaren Handlungsoptionen bewusst oder zumindest halbbewusst abgewogen werden. Mögliche selbstbestimmte Entscheidungen für Willkürhandlungen verlangen die 'verantwortliche' Berücksichtigung von (ethischen) Normativen und (tradierten) Konventionen gegenüber individuellen Motiven und Überzeugungen.

Durch 'rationale' Reflexion (Nachdenken) möglich sind wissentliche (bewusste) Überlegungen für logische Urteile oder erwägbare Entscheidungen, auch wenn sie keine unmittelbare Auswirkung auf die Planung und Steuerung von Handlungen haben. Zuständig für den phylogenetisch spät entwickelten 'Verstand' ist der dorsolaterale präfrontale Cortex. Dieser kann "für sich" gültige Urteile, Schlüsse und Entscheidungen mit Argumenten logisch begründen, ohne dass ihre Befolgung bzw. Umsetzung in Taten von ihm allein veranlasst und gesteuert wird. -
   Der evolutionäre Selektionsvorteil der 'kognitiv-rationalen Ebene' besteht darin, dass konstruktive Denkprodukte als Resultate rationaler Reflexionen für Problemlösungen handlungswirksam werden können, - aber nur in Verbindung mit der '(obersten) limbischen Ebene' gemäß der subjektiven (individuell-emotionalen oder sozial-emotionalen) Bewertung von effektorientierten Erwartungen, wodurch entweder 'positive' (erwünschte, vorteilhafte) Konsequenzen erzielt oder 'negative' (schädliche, nachteilige) Konsequenzen vermieden werden können. [vgl. M. Pauen, G. Roth, 'Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willenfreiheit', Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M., 2008]

Das implizite System des Unbewussten gewährleistet mit seinen emotionalen und motivationalen Funktionen (vgl. Limbisches System) die Veranlassung der routinierten Steuerung von 'reflexiven' Reizreaktionen oder 'instinktiven' Handlungen, die gar nicht oder zu spät (für eine Selbstkontrolle) bewusst werden, - unabhängig von bewussten Überlegungen zu wählbaren Entschlüssen (vgl. Entscheidungen mittels explizitem Arbeitsgedächtnis, vgl. 2.5).
   Unbewusste Reaktionen auf 'erregende' oder 'habituelle' Reizsituationen erfolgen meist impulsiv bzw. gewohnheitsmäßig "ad hoc", so dass sie nicht rechtzeitig durch eine 'bewusste Kontrolle' (Selbstkontrolle) verhindert oder korrigiert werden können (vgl. 1.5.).
   Besonders charakteristisch für ein 'schwer kontrollierbares' Unbewusstes (Unterbewusstsein) sind triebhafte Wünsche, krankhafte Zwangsvorstellungen und imaginäre Anschauungen, die dominierend sind für fiktive Behauptungen, falsche (Vor-)Urteile oder Fehleinschätzungen.

Das Phänomen des Unbewussten kann mit dem Modell eines 'Basis-Automaten' erklärt werden, der für lebensnotwendige (philogenetisch alte) Grundfunktionen des Gehirns zuständig ist, womit 'selbstorganisierte' Operationen auf fundamentalem Niveau ermöglicht werden (vgl. lernfähiges Reiz-Reaktions-System zur empirisch-emotionalen Handlungssteuerung oder Selbstheilung mittels 'Immunsystem'), - meist unabhängig von einer möglichen Beeinflussung durch das sprachliche Bewusstsein (als Meta-Automat modellierbar, vgl. 2.7.).

Das 'schwer kontrollierbare' Unbewusste im Gehirn bestimmt emotionale Motive orientiert auf die pragmatische Selbsterhaltung und Homöostase des Organismus aufgrund individueller Seinserfahrung (vgl. stabilisierende Dominanz des Basis-Automaten gegenüber seinem Meta-Automaten, [Liß]). -
   Trotzdem möglich ist die 'bewusste' rationale Selbstkontrolle (vgl. Meta-Automat) orientiert auf 'wissentliche' Zielvorstellungen für Absichten (Intentionen) gemäß einer 'nicht zufälligen' Willensfreiheit, die als Kriterium für Verantwortlichkeit im Rahmen der realen Handlungsfreiheit gilt.
   Hohes Ziel für Selbständigkeit ist die "vernünftige" Selbstbestimmung durch rationale Selbstkontrolle mit einer 'sozial-verträglichen' Eigennutz-Orientierung (vgl. Gewissen).

Durch bewusste Selbstreflexion ist der selbstbezüglich denkende Mensch befähigt zu vernünftiger Zielsetzung und Handlungsplanung im Rahmen seiner 'rationalen Autonomie'. Für jede ihm bewusste Absicht (gegenüber Motivationen, Wünschen und ethischen Normativen) kann er die erwarteten Konsequenzen seiner alternativ wählbaren Handlungsoptionen gemäß der erfahrungsgemäßen Bewertung von effektorientierten Erwartungen antizipatorisch abwägen, um dadurch eine optimale Entscheidung selbstbestimmt zu fällen (vgl. bedingtes Erwägen, siehe 2.6.).

Zielstrebiges Handeln wird nur dann gelingen, wenn alle dafür notwendigen Bedingungen erfüllt oder gewissenhaft berücksichtigt werden können.
   Die individuelle Freiheit des Menschen wird stark eingeschränkt durch gesellschaftliche und familiäre Zwänge (vgl. Fremdbestimmung), - auch durch ethische Verpflichtungen (vgl. traditionelle Moral) und ideologische Anschauungen (vgl. Glaube und Überzeugung), die unbewusst oder bewusst unser Denken und Handeln beeinflussen bzw. erzwingen.

Der postulierte 'freie Wille' als ethische Voraussetzung für Eigenverantwortung des Individuums ist neurowissenschaftlich umstritten. Erfahrungsgemäß bestimmt werden Urteile und Entscheidungen (im Rahmen der Handlungsfreiheit) aufgrund von jeweils aktuellen Situationsbedingungen und ihren subjektiven Bewertungen (primär unbewusst, vgl. Antrieb, Motivation und Emotion, siehe 2.2.). -
   Trotzdem möglich sind "vernünftige" Entscheidungen durch antizipatorisches Abwägen von empirisch voraussagbaren Konsequenzen möglicher Alternativen des Handelns, insbesondere für "intelligente" Problemlösungen, wobei das (dominierende) Unbewusste mitbestimmend wirkt.

Die subjektiven Bewertungsfunktionen des Unbewussten können im Konflikt stehen mit der wissentlichen "rationalen" Selbstkontrolle und erschweren dadurch optimale Handlungsentscheidungen mit sozialer Verantwortung gemäß einem ethischen Verhaltenskodex (vgl. 2.7.).
   Mit "sprachlichem Bewusstsein" (vgl. Frontalhirn) können vernünftige Urteile und Entscheidungen zwar erwogen bzw. gefällt werden, aber nur mit der Zustimmung des 'schwer kontrollierbaren' Unterbewusstseins (vgl. Limbisches System und Stammhirn), das dominierend und schnellfertig wirkt mit homöostatischen Automatismen für routinierte Handlungen (vgl. Affekthandlungen und Ohnmacht der Vernunft).

Vorausgesetzt wird Verantwortungsbewusstsein für eine 'vernünftige' Selbstbestimmung gemäß subjektiven Absichten und Zielen, insbesondere zur 'willentlichen' Steuerung von sozial angepasstem Verhalten gemäß Recht und Ordnung (vgl. Schuldfähigkeit für Disziplinlosigkeit, Ungerechtigkeit, Aggressivität und Kriminalität).
   Die zu rechtfertigenden 'willentlichen' Handlungsabsichten sind vor- oder unbewusst (intuitiv) orientiert auf eigene Interessen oder Wünsche, die unvereinbar sein können mit sozial-ethischen Normativen (vgl. Trieb, Gier, Sucht oder Leidenschaft).
   Die wissentliche Rechtfertigung von 'gewollten' Absichten, auch von Urteilen oder Entscheidungen, geschieht nachträglich "vor sich selbst" mit fiktiven Argumenten (oft irrealen Begründungen) oder Ansichten (auch Einbildungen oder Überzeugungen) entsprechend dem individuellen Selbstmodell (vgl. Selbsttäuschung, Selbstlob oder Selbstkritik).


2.4.  Aufmerksamkeit für Neues und Wichtiges  -  Problemlösen und Lernen

Ein aktiver Wahrnehmungsprozess unter 'kognitiver Kontrolle' (präfrontaler Cortex) beginnt mit der Selektion von Informationsdarstellungen im Vergleich mit kognitiven Schemata (Unterscheidung, Klassifizierung, Kategorisierung, Abstraktion, Informationsreduktion). Dabei vorausgesetzt wird eine unbewusste oder bewusste Fokussierung der Aufmerksamkeit auf bevorzugt selektierte Übertragungskanäle (sinnliche oder hirninterne Modalitäten) für besondere Signalereignisse von externen oder internen Quellen.
   Der stärkste Reiz zieht meist die Aufmerksamkeit auf sich. Aber auch ein schwächerer Reiz kann "willentlich" als wichtig eingeschätzt werden und dadurch Aufmerksamkeit erregen.
   Aufmerksamkeit und Kognition für Sinneswahrnehmungen werden maßgeblich beeinflusst von individuellen Bedürfnissen, Interessen, Einstellungen und Motiven.

Als "Tor zum Bewusstsein" werden die limbischen Zentren Thalamus und Hippocampus aufgefasst, weil ihre Filter-Funktionen zur Steuerung von Aufmerksamkeit entdeckt worden sind. Besonders das Hippocampus-System entspricht einem "unbewussten" Organisator des 'Aufmerkens' und 'Aufnehmens'. Er hat steuernde Einwirkung auf das 'Behalten' im deklarativen Gedächtnis für 'bewusst abrufbare' Erinnerungen, vermutlich in assoziativen Cortex-Regionen (vgl. 2.5.)
   Selektiv beeinflussbar durch seinen situationsabhängigen Ausstoß von Neuromodulatoren sind cortikale Gedächtnisstrukturen während der Einspeicherung und Konsolidierung besonderer Gedächtnisinhalte für als 'wichtig' bewertete Informationen (vgl. » 'synaptische Verbindungen'). [Roth, Fühlen, Denken, Handeln,- S. 161]
   Im basalen Vorderhirn, das mit dem Isocortex und dem Hippocampus verbunden ist, wird 'muscarinisches' Acetylcholin (Neuromodulator) produziert, das eine Erhöhung der Aufmerksamkeit für gesteigerte Lernbereitschaft bewirkt. Dagegen führt sein Mangel zu Gedächtnisstörungen bis hin zur Demenz.

Über den Gyrus cinguli (cingulären Cortex) 'aufsteigende' (afferente) neuronale Verbindungen zum Cortex dienen zur Beeinflussung von Aufmerksamkeit und zur emotionalen Einfärbung von Wahrnehmungen (z. B. Schmerz). Außerdem arbeitet der cinguläre Cortex beim Erkennen und Korrigieren von Fehlern eng mit dem Stirnhirn zusammen (vgl. Belohnungssystem, s. u.).

Zentrale Bedeutung für die Ausfilterung unwichtiger Informationen haben "bewertende" cortical-limbische Strukturen in Verbindung mit der Formatio retikularis des Hirnstamms ('netzartige' Formation, hat die Kerne: PPT, Locus coeruleus und dorsaler Raphe-Kern). Auch die Aufmerksamkeitssteuerung für Neues wird ihnen zugeschrieben (Kern: Locus coeruleus).
   Durch Zusammenarbeit von limbischen Strukturen mit dem vorgeschalteten Cortex werden Input-Signale (Afferenzen) für erkennbare Reize als 'wahrgenommene Umweltinformationen' gedeutete im Vergleich mit 'assoziativ' erinnerten Erfahrungen (Vorstellungen, Erwartungen) und auch situationsbedingt eingeschätzt hinsichtlich ihrer Relevanz (Wichtigkeit und Neuheit) gemäß der subjektiven Lage (Status, Einstellung, Interesse).
   Wenn Informationen als unwichtig bewertet wurden, z. B. als Redundanz (Überflüssiges), dann bleiben sie zunächst unberücksichtigt, so lange, bis möglicherweise ihre Wichtigkeit später doch erkannt wird.
   Von der 'limbischen' Bewertungsinstanz des Gehirns kann die Einstufung in "unwichtig" völlig unbewusst erfolgen.Als "wichtig, aber bekannt" eingestufte Informationen werden routinemäßig verarbeitet und erfordern kein Bewusstsein (vgl. antrainierte Fertigkeiten und Automatismen).

Wichtige Informationen sind bedeutsam, beeinflussen die Hirnaktivität und können auch als 'neu erfasste' Beziehungen (vgl. erworbene Kenntnisse) "im Gedächtnis" gespeichert werden.
   Besonders "bewusst" werden 'problematische' Funktionsanforderungen in assoziativen Cortex-Arealen für komplexe Situationen, die als "wichtig, aber neu" (interessant, fraglich) klassifiziert worden sind.

In Fällen neuartiger Problemsituationen, für die bewährte Entscheidungsregeln zur Handlungssteuerung fehlen, gelingt das Auffinden von praktikablen Lösungswegen mit Erfolgsaussichten für Aktionsversuche durch kreative Lösungsansätze (Entwürfe, Ideen, Hypothesen), die sich als konstruktive Konzepte oder als irrige Vermutungen erweisen können.
   Notwendige Voraussetzung für "intelligentes" Problemlösen ist mindestens ein "kognitiver" Lösungsansatz als überprüfbare Vermutung (z. B. einer möglichen Mittel-Zweck-Relation) entsprechend einem hypothetischen Schluss auf einen wahrscheinlichen Sachverhalt (vgl. Abduktion bei C. S. Peirce).
   Ausgehend von aktuellen Problemsituationen können 'konstruktive Konzepte' (Entwürfe) als hypothetische Lösungsansätze gefunden werden, insbesondere in Folge von systematischen Untersuchungen mit Hilfe von lerntypisch ausgebildeten Begriffsstrukturen des Erfahrungswissens und auch mit methodischem Metawissen, z. B. heuristischen Methoden und Such-Strategien (vgl. 1.5. und 2.7.).
   Unüberlegt (intuitiv, unbewusst) möglich ist das schnelle Auffinden von praktikablen Lösungsansätzen für "schnellfertige" Entscheidungen (ad hoc) durch unsystematische Vereinfachung der jeweiligen Problemsituation, beeinflusst von empirischen Urteilen und auch subjektiven Vorurteilen.

Die reflexive Problemanalyse durch theoretische Überlegungen (rationales Nachdenken) gelingt mit "kreativen" Vorstellungen (Imagination, Fantasie) für 'erfinderische' Lösungen und kann gefördert werden mit "Was wäre, wenn...?"-Fragen hinsichtlich neuer begrifflicher Verknüpfungen (Relationen, Kombinationen).
   Um das eigene Vorgehen in Problemsituationen zu bestimmen und möglichst optimale Entscheidungen für situationsangepasstes Verhalten treffen zu können, ist dafür geeignetes Erfahrungswissen erforderlich (vgl. Fach- oder Expertenwissen für prädiktive Modelle, vgl. 1.4.).
   Das Erwägen optimaler Entscheidungen durch symbolisch-abstraktes Denken beim Problemlösen erfolgt gemäß der antizipatorischen Bewertung von erwarteten Konsequenzen möglicher Lösungen entsprechend den effektorientierten Erwartungen, die als assoziierte Voraussagen "aus Erfahrung" des lernfähigen Gedächtnissystems ein 'vorausschauendes' Abwägen möglicher Tatfolgen ermöglichen (vgl. Handlungsvorwegnahme zwecks Risikoabschätzung).

Erfolgreiche Problemlöser sind intelligent und lernfähig; sie haben eine erfahrungsgemäße Selbstsicherheit und Zuversicht für riskante Projekte.

Die effektorientierte (Lern-)Methode "Versuch und Irrtum" (trial and error) ist mit einem Fehlerrisiko verbunden und mit der Frage, ob und wann Probieren zum Erfolg führt.
   Das versuchsweise Kennenlernen der untersuchten Zusammenhänge führt zu situationsbedingt erworbenen Kenntnissen von neu erfassten Beziehungen (def. bedingte Begriffsrelationen). Diese ermöglichen ein 'wissensverbesserndes' Dazulernen oder ein 'wissenskorrigierendes' Umlernen, das eine empirische Umorientierung der Gedächtnisstruktur (geänderte Systemorganisation) bedeutet und als lerntypische Verhaltensänderung zur Selbsterhaltung beitragen kann (vgl. 2.5 und 2.6). [Liß]

Beim empirischen Lernen (auch aus Fehlern) werden durch Erfahrung (induktiv, verallgemeinert) neue Kenntnisse erworben, die zunächst als hypothetische Erkenntnisse (Theorien) gelten. Diese müssen durch praktische Erprobung bestätigt werden (Test), um sie künftig als 'bisher bewährte' Erkenntnisse im Gedächtnis zu behalten (Konsolidierung für Langzeitspeicherung).
   Aus dem Lernen am Effekt von erfolgreichen Versuchen (Tests, Experimente) resultieren empirische Implikationen (Wenn-dann-Regeln) für logisch begründbare Urteile, die vorteilhaft nutzbar sind als (Verhaltens-)Regeln zur erfahrungsgemäßen Bestimmung von optimalen Entscheidungen für "intelligentes" Verhalten (problemlösende Handlungen).
   Eine jeweils als erwartet oder unerwartet erlebbare Tatfolge (Handlungskonsequenz als 'Reafferenz' pro 'Efferenzkopie') wird im Vergleich mit der (unbewussten oder bewussten) effektorientierten Erwartung (def. als 'assoziierte Voraussage 2. Art', vgl. Bild unter 2.6.) subjektiv bewertet (vgl. Erfolg, Enttäuschung oder Fehler), wobei eine 'Belohnungserwartung' mit der effektorientierten Motivation (Handlungsabsicht) fundamental assoziiert ist (vgl. erwarteter Lustgewinn, Vorteil, Eigennutz oder Effekt der Gefahr- oder Schadensvermeidung). [Liß]

Als bewertendes Belohnungssystem im Gehirn fungiert das 'mesolimbische System', dessen dopaminerge Neurone funktionell zuständig sind für positive Emotionen bei der Befriedigung von Bedürfnissen. Wenn Unerwartetes positiv bewertet wird, kann über die mesocorticolimbische Bahn (vgl. Schnittbild s. o.) stimulierend auf Stirnhirn-Areale eingewirkt werden, - zwecks Steuerung von Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft für Neues (Appetenzverhalten). Im Mittelhirn produziertes Dopamin (Botenstoff) vermittelt die Erwartung von Belohnung oder Lust. Dopamin aktiviert den Nucleus accumbens, der eine opiumartige Substanz (vgl. Endorphine und Enkephaline) freisetzt, was als Wohlbefinden (Glücksgefühl) empfunden wird. - Bei deutlicher Antriebs- und Interesselosigkeit ist ein Dopaminmangel festgestellt worden.



2.5.  Lernende Gedächtnisstrukturen für kenntnisspezifische Hirnfunktionen

Kognitive Gedächtnisleistungen basieren auf situationsbedingtem Kenntniserwerb für Erfahrungswissen, dessen Ausbildung erklärbar ist durch (biochemisch oder genetisch) funktionell veränderte synaptische Verbindungen in 'plastischen' Neuronenverknüpfungen. Der hierfür prinzipiell vorausgesetzte kognitive Grundprozess des 'strukturellen Lernens' in Hirnregionen ermöglicht eine dynamische Selbstorganisation zwecks Selbsterhaltung durch Lernen (vgl. Homöostase).
   Der evolutionär bestimmten Selbstreparatur von lernfähigen Gedächtnissystemen entsprechen auch epigenetische Vorgänge der Wiederherstellung von Hirnfunktionen nach reparierbarer Schädigung.
   Es können zusätzliche neue synaptische Verbindungen im Nervennetz epigenetisch ausgebildet werden, z. B. durch Dendriten-Wachstum für neue Synapsen.

Neurowissenschaftlich nachweisbar sind 'lernende Gedächtnisstrukturen' in unterschiedlichen Hirnregionen, die charakterisiert werden durch funktionelle Veränderungen an Synapsen (d. h. variablen Kontaktstellen) zwischen 'plastisch' verknüpfbaren Nervenzellen (Neuronen).
   Als notwendige Voraussetzungen für (temporäre oder bleibende) neuronale Funktionsveränderungen durch die lerntypische Bahnung oder Verstärkung von synaptischen Neuronenverbindungen erforderlich sind situationsbedingt detektierbare Koinzidenzereignisse (prä- und postsynaptisch) am jeweiligen synaptischen Spalt.
   Die jeweils zu erfüllende Koinzidenzbedingung (eines induktiven Lernmechanismus) wird bestimmt gemäß der neuronspezifischen Konnexanalyse des strukturellen Lernens (gemäß der Lerndisposition für situationsbedingten Kenntniserwerb, vgl. 1.3.). -

Die psychologisch bestimmten Gedächtnisformen: Arbeitsgedächtnis, Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis werden klassifiziert nach zeitlichen Merkmalen der Verfügbarkeit von erinnerbarem Wissen. -
   Außerdemdefiniert wurden die abruf- und wirkungsmäßig kategorisierten Gedächtnisarten: "explizites" deklaratives (semantisches oder episodisches) Gedächtnis und "implizites" prozedurales Gedächtnis sowie emotionales Gedächtnis (s. u.).

Begrifflich unterscheidbare 'kognitive' Gedächtnisleistungen für assoziierbare Erinnerungen basieren auf ausbildbarem Erfahrungswissen im Gehirn, wofür funktionsspezifische Hirnregionen zuständig sind, deren Schädigungen nachweisbare Auswirkungen auf mögliche Lernleistungen haben, wie Patientenstudien belegen.
   Der Verlust des Hippocampus führt zu massiven Störungen für ein 'Kurzzeitgedächtnis', so dass Erfahrungen neuer Erlebnisse später nicht mehr erinnerbar sind, wobei ein diesbezügliches 'episodisches Gedächtnis' fehlt (erklärbar durch verhinderte Aufnahme ins 'deklarative' Gedächtnis, vgl. 2.4.).

Der Mensch kann Erinnerungen aus dem 'deklarativen Gedächtnis' seiner Großhirnrinde (Iso- oder Neocortex) bewusst abrufen und sprachlich ausdrücken. Aus dem assoziativen Cortex sind individuelle Langzeiterinnerungen (des expliziten Wissens im 'Langzeitgedächtnis') "wissentlich" abrufbar, - beeinflusst vom limbischen System. Diese können in Form expliziter Aussagen kommunikativ mitgeteilt werden (vgl. Objektivierung für Beschreibungen und Erklärungen).
   Das kulturell bestimmte, explizite Wissen im deklarativen 'Langzeitgedächtnis' ist "bewusst" erinnerbar. Eine intentionale oder assoziative Erinnerung erfolgt situationsabhängig als symbolische Vorstellung bzw. wiedererkannte Erfahrung (z. B. Erwartung). Ihr schneller Abruf kann unterstützt werden von assoziativen Merkhilfen (vgl. 'Eselsbrücken' und 'assoziative Verortung').
   Es können mit abgerufenen Erinnerungen des expliziten Wissens jeweils assoziierte 'unbeabsichtigte' Erinnerungen (vgl. Einfälle) als 'momentan assoziierte' Vorstellungen "bewusst" werden (vgl. 2.4.).
   "Die Aktivierung einer deklarativen Erinnerung ruft deshalb auch mit ihr zusammenhängende Erinnerungen wach. Folglich können deklarative Erinnerungen unabhängig von dem Kontext, in dem sie sich gebildet haben, abgerufen werden, und durch Reize, die nicht an dem ursprünglichen Lernvorgang beteiligt waren." [LeDoux, S. 157]

Der dorsolaterale präfrontale Cortex (oberer Teil des Stirnlappens) steht in wechselseitiger Verbindung mit cortikalen Assoziationsfeldern (Assoziationscortex) und auch subcortikalen Hirnabschnitten (vgl. Limbisches System). Ihm zugeschrieben wird individuelles Erkenntnisvermögen (Verstand durch praktische Einsicht) für seine 'selbstbezügliche' Situationsbeurteilung (selbstreflexive Deutung) und möglicherweise seine 'rationale' Handlungsplanung (zielorientiert, gemäß explizitem Wissen). - Befähigt dazu sind 'steuerungsmäßig übergeordnete' (superponierte) Gedächtnisstrukturen, die modellmäßig bestimmt werden als "explizites" 'Arbeitsgedächtnis' für 'sprachlich-bewusste' Denkprozesse zur intentionalen Entscheidungsfindung und Handlungskontrolle (vgl. 'denkendes Gedächtnis' für Selbstkontrolle, siehe 1.5., 2.1. und 2.7.).
   "Das Arbeitsgedächtnis schließt das ein, was man das Kurzzeitgedächtnis nennt. ... Das Arbeitsgedächtnis ist ein Raum, in dem gearbeitet wird." [LeDoux, S. 237]
   "Das Arbeitsgedächtnis unterscheidet sich vom sensorischen Bewusstsein vor allem dadurch, dass es im Arbeitsgedächtnis möglich ist, vorübergehend gespeicherte Informationen über Funktionsbereiche hinweg simultan zueinander in Beziehung zu setzen und auf flexible Weise für die Entscheidungsfindung nutzbar zu machen. Diese Fähigkeiten scheinen in präfrontalen Schaltkreisen zu wurzeln." [LeDoux, S. 262]

"Man hat festgestellt, dass bei manchen Aufgaben, die verschiedene Aspekte von Exekutivfunktionen (wie Reiz- oder Reaktionsselektion, Konfliktbehebung, Entscheidungsfindung) ansprechen, Areale des präfrontalen Kortex in jeweils unterschiedlichem Maße aktiv sind." [LeDoux, S. 250]
"Weil präfrontale Regionen konvergente Inputs aus sensorischen, emotionalen, motivationalen und Erinnerungsschaltkreisen empfangen, geht man davon aus, dass sie die komplexe Integration von Informationen (Bindung) zu leisten vermögen, die im Gehirn im Zuge einer bewussten Erfahrung geschehen muss." [LeDoux, S. 258]

Dem präfrontalen Cortex (im hoch entwickelten Stirnhirn) werden superponierte Kontroll-Funktionen für Bewusstsein und auch Kreativität zugesprochen, vor allem bei kontextabhängigem Erinnern und Verstehen, bei zeitlicher und räumlicher Strukturierung von Sinneswahrnehmungen, bei planvollem und kontextgerechtem Handeln und Sprechen, sowie bei "intelligentem" Problemlösen durch rationale Einsicht (vgl. 2.1. und 2.7.).

Erkrankungen des präfrontalen Cortex führen zu Persönlichkeitsveränderungen, gekennzeichnet durch Abbau sozial angepasster bis hin zu kriminellen Verhaltensweisen, Enthemmung und Distanzlosigkeit (fehlende Selbstkontrolle), - auch Planungsunfähigkeit, Interessen- und Motivationsverlust (kein intentionales Lernen, vgl. 2.6.).
   "Tatsächlich ist das bewusste Abrufen von Langzeiterinnerungen, insbesondere episodischen Erinnerungen, einem Menschen nicht mehr möglich, wenn der präfrontale Kortex ausfällt. Beim Abrufen episodischer Erinnerungen ist der präfrontale Kortex aktiv und es gibt auch Hinweise darauf, dass der präfrontale Kortex an der Encodierung (Bildung) von episodischen Erinnerungen beteiligt ist." [LeDoux, S. 256]

Erwiesen ist, dass die Amygdala (Mandelkern, zweifach) an 'emotionalem Lernen' beteiligt ist, weil sie Motivationen (z. B. für implizit gelernte Gewohnheiten) und 'emotionales Gedächtnis' steuert bzw. organisiert (vgl. 2.2.).
   "Der Mandelkern kann in einem Delirium der Wut oder der Angst reagieren, bevor der Cortex weiß, was los ist, weil die grobe Emotion unabhängig vom Denken und zeitlich vor ihm ausgelöst wird." [Goleman, S. 44]
   "Die von einem einzigen Neuron hergestellte Verbindung zwischen Mandelkern und präfrontalem Kortex mündet in einen Bereich, den man als »orbitofrontalen Kortex« bezeichnet. Dies ist offenbar der entscheidende Bereich für die Bewertung von emotionalen Reaktionen, wenn wir uns mitten in ihnen befinden und Korrekturen vornehmen." [Goleman, S. 46]

"Implizite Erinnerungen treten nicht so sehr in den Dingen zutage, die wir wissen, sondern eher in den Dingen, die wir tun, und in der Art und Weise, wie wir sie tun." [LeDoux, S. 159]
   "Lernvorgänge wie das Aneignen motorischer und kognitiver Fertigkeiten, das Priming und die klassische Konditionierung sind auch ohne den Hippocampus möglich. Hier müssen also andere Hirnsysteme im Spiel sein als dasjenige, auf dem das explizite Gedächtnis beruht." [LeDoux, S. 160] (vgl. 2.6.)

Das Kleinhirn hat einen "unbewussten Lernanteil" an lebenserhaltenden kognitiven Leistungen und gelernten Sprachformen. Seine lernfähige Gedächtnisstruktur entspricht einem 'prozeduralen Gedächtnis' für konditionierte Fertigkeiten des angelerntes Verhaltens, das "unbewusst" gesteuert wird. Beispiele für die "unbewusste" Bewegungssteuerung durch motorisches Lernen im Kleinhirn sind 'bedingte Reaktionen' und antrainierte Handlungen als 'gelernte Automatismen' (z. B. im Beruf oder beim Sport), auf die erforderlichenfalls durch "bewusste" Kontrolle eingewirkt werden kann.
   Das 'relativ autonome' Kleinhirn (Cerebellum) des Menschen hat ca. 30 Milliarden Neurone für unterschiedliche Motorik-Funktionen und zur Steuerung von Bewegungsabläufen des Körpers. Es ist über die Brücke (Pons) mit dem Hirnstamm verbunden und steht unter dem Signaleinfluss von motorischen Cortex-Arealen. Für cortikal auslösbare Verhaltensprogramme bewirkt es eine Feinregulierung der Muskeln. Das Kleinhirn empfängt situationsspezifische Erregungssignale vom Gleichgewichtssystem, von Muskelspindeln, Hautsinnesrezeptoren, Augen und Ohren.

Der Hirnstamm (Mittelhirn + Brücke + Nachhirn) ist zuständig für viele "unbewusste" Regel- und Steuerprozesse im Körper, vor allem lebensnotwendige Funktionen zur Regulation von Herzschlag, Blutdruck, Atemrhytmus, Körpertemperatur und Verdauung. Außerdem kontrolliert und steuert er lebenswichtige Reflexe wie Niesen, Husten und Erbrechen.
   Nachgewiesen wurde auch seine Mitwirkung an der Erzeugung eines Gefühls der Wachheit oder Schläfrigkeit. - Auf Hirnstammregionen pharmakologisch einwirkende Substanzen beeinflussen den Wachheitszustand (z. B. Schlaf, Narkose oder Aktivierung). Hirnstammschädigungen durch Verletzung, Tumor oder Schlaganfall können zu Koma-Bewusstlosigkeit oder sogar Tod führen.



2.6.  Funktionshierarchie für definierte Lernformen  -  schematisches Gehirnmodell

Das komplexe Zentralnervensystem ist beschreibbar als ein 'kognitives System' mit lernfähiger Gedächtnisstruktur, das markante Eigenschaften und Beziehungen von wahrgenommenen Gegenständen und Erscheinungen begrifflich unterscheiden und interpretativ verstehen kann. Aufgrund seiner 'strukturellen Lerndisposition' für ausbildbares Erfahrungswissen kann es neue Kenntnisse situationsbedingt erwerben und zusammen mit veranlagten Kenntnissen seines Basiswissens nutzen, um sein Verhalten situationsangepasst zu steuern.
Das natürliche Lernen im Sinne von erfahrungsbedingten Verhaltensänderungen ist charakteristisch für kognitive Systeme, die durch Selbstlernen ihr Verhalten an veränderliche Umweltbedingungen erfahrungsgemäß anpassen können. Lernen kann beitragen zur Selbsterhaltung eines kognitiven Systems in funktioneller Verbindung mit dessen dynamischer Stabilität (Homöostase) und 'rationaler' Autonomie (Selbstbestimmung) im Rahmen der Handlungsfreiheit.
Psycho-physiologisch klassifizierbare Lernformen für "intelligentes" Verhalten basieren auf individuell motivierten Entscheidungen für erfahrungsgemäß 'effektive' Handlungen (bedingte Aktionen), 'optimierte' Erwägungen oder 'einsichtige' Problemlösungen. Erforderlich für induktives Lernen und Problemlösen sind kognitive Gedächtnisleistungen zur Begründung empirischer Urteile unter dem Einfluss von subjektiven Bewertungen der kenntnisgemäß erinnerten Vorstellungen oder Erwartungen, insbesondere der mit Situationsmerkmalen assoziierten Voraussagen "aus Erfahrung" (Prädiktionen).

Folgende Kategorien für 'hierarchisch gekapselt' klassifizierte Lernformen definierte ich in qualitativ aufsteigender Folge: 'bedingter Reflex', 'bedingte Reaktion', 'bedingte Aktion' (empirisches Urteil), 'bedingtes Erwägen optimaler Entscheidungen', 'Lernen durch Einsicht in prinzipielle Sinn-Zusammenhänge' und 'intentionales Lernen'. -
   Die definierten Lernformen (in hierarchischer Verschachtelung) sind prinzipiell vergleichbar mit zugeordneten Entwicklungsstufen des Gehirns analog philogentisch und epigenetisch entwickelten Funktionskomplexen in ausgebildeten Hirnabschnitten (vgl. mein Gehirnmodell).

Schematisches Gehirnmodell (seit 1978, publ. 1986)  -   hierarchisch definierte Lernformen

Hinweis und These: Das Bild meines schematischen Gehirnmodells veranschaulicht für multimodal organisierte Hirnabschnitte (links im Bild) die multihierarchisch wechselwirkenden Funktionskomplexe in Zuordnung zu kognitiven Entwicklungsniveaus für 'gekapselt klassifizierte' Lernformen, - vom 'bedingten Reflex' aufsteigend zu höheren Lernformen. - Das Gehirnmodell dient als ein Forschungsansatz zur prinzipiellen Erklärung und Beschreibung von lernfähigen Gedächtnissystemen mit kognitiven Leistungen für intelligentes Verhalten, - basierend auf den definierten kognitiv-logischen Hauptprozessen: Identifikation von Objektklassen, Erkennung der Situation, Deutung und Beurteilung, Bewertung (für Antrieb, Emotion und Motivation), Entscheidung und Aktionssteuerung.
   Für modellierbare Funktionskomplexe gilt meine These: Die von sinnlichen Afferenzen (Input-Signalen) stimulierten 'interpretativen' Hauptprozesse der Identifikation, Erkennung und Beurteilung fungieren in multihierarchischer Wechselwirkung mit den 'reaktiven' Hauptprozessen der Bewertung, Entscheidung und Aktionssteuerung mittels Efferenzen (Output-Signalen), - vgl. mein Systemkonzept "Intelligenter Automat".
   Technische Simulationen höherer Lernformen sind möglich durch Modellierung von lernfähigen 'kognitiv-logischen' Gedächtnisstrukturen analog meinen Simulationsmodellen 'Lernender Homöostat' (seit 1980, vgl. » Beiträge zu Definitionen und Konzepten einer Kognitiven Logik und » Hinweis 2).

Die 'nieder entwickelten' Lernformen basieren auf reflexiven oder emotionalen Konditionierungen im evolutionär alten 'Reiz-Reaktion-System' des Nach-, Hinter- und Mittelhirns (vgl. Unbewusstes). - Qualitativ 'höher entwickelte' Lernformen werden bestimmt durch kognitiv-rationale Entscheidungen für 'erwogene' Entschlüsse (empirische Optimierung) oder 'vernünftige' Problemlösungen (rationale Einsicht). Diese basieren auf kognitiven Gedächtnisleistungen im Vorderhirn (Zwischenhirn und Endhirn).
- Die Lernformen "bedingter Reflex", "bedingte Reaktion" oder "bedingte Aktion" werden 'primär unbewusst' vollzogen aufgrund von individuellen Erfahrungen für situationsbedingt erworbene Kenntnissse (def. bedingte Relationen in Form konditionierter Assoziationen) der lernfähigen Gedächtnisstruktur.
   Erfahrungsgemäß erinnerbar sind objektbezogene Erwartungen (assoziierte Voraussagen 1. Art), die als 'empirische Prädiktionen' berücksichtigt werden bei der 'synthetisierenden' Interpretation von erkennbaren Objekten oder Situationen (vgl. assoziative Afferenzsynthese). Die mit Situationsmerkmalen assoziierten Voraussagen werden subjektiv (emotional) bewertet und tragen dadurch funktionell bei zur Bestimmung von empirischen Urteilen (auch Vorurteilen) mit Auswirkungen auf 'erfahrungsbedingte' Entscheidungen und 'konditionierte' Handlungen (bedingte Aktionen bzw. angelernte Reiz-Reaktionen).
- Die Lernform bedingte Aktion basiert auf einer "vorteilsorientiert" motivierten (emotional-egoistischen) Entscheidung entsprechend einer erfahrungsgemäßen Beurteilung der 'interpretativ' gedeuteten Situation (vgl. empirisches Urteil), beeinflusst durch die subjektive Bewertung der "aus Erfahrung" assoziierten Voraussage 1. Art als 'objektbezogene Erwartung' unter Berücksichtigung der subjektiven Lage und individuellen Einstellung (vgl. Bild).
Das 'Lernen durch Erfahrung' oder 'Lernen am Effekt' (Erfolg durch Probieren) steht im Einklang mit der allgemeingültigen Lernmethode 'Versuch und Irrtum' (trial and error) für bedarfsabhängiges Problemlösen.
   Erfolgsorientierte Entscheidungen für 'effektive' Aktionen erfolgen unter dem Aspekt von situationsbedingten Handlungsabsichten (Motivationen) und werden erfahrungsgemäß mitbestimmt von subcorticalen Bewertungsinstanzen ('limbischen Strukturen' für Antrieb, Emotion, Motivation) in 'unbewusster' Wechselwirkung mit cortikalen Funktionskomplexen (assoziativer Cortex und Stirnhirnbereiche) für 'bewusste' kognitiv-rationale Leistungen (vgl. Arbeitsgedächtnis). - Durch 'rationale' Reflexion (Nachdenken) möglich sind wissentliche (bewusste) Überlegungen für logische Urteile oder erwägbare Entscheidungen, auch wenn sie keine unmittelbare Auswirkung auf die Planung und Steuerung von Handlungen haben (vgl. Macht des Unbewussten). - Mit Gedächtnisleistungen für "intelligentes" Verhalten gelingt die Entscheidungsfindung auf 'kognitiv-rationaler Ebene' in Wechselwirkung mit der 'obersten limbischen Ebene', wobei erwartete Konsequenzen von alternativ möglichen Handlungsoptionen bewusst oder zumindest halbbewusst abgewogen werden, um einen optimalen Entschluss mit vermutetem Effekt zu realisieren (vgl. empirische Optimierung).
- Die Lernform bedingtes Erwägen optimaler Entscheidungen basiert auf Erfahrungen für erinnerbare effektorientierte Erwartungen (assoziierte Reafferenzen), die den mit abwägbaren Entscheidungsalternativen (Efferenzentwürfe/Efferenzkopien) assoziierten Voraussagen 2. Art entsprechen und zu bewerten sind als vermutete Konsequenzen von alternativ wählbaren Handlungsoptionen.
   Die 'subjektiv' bewerteten Erwartungen von Handlungskonsequenzen (Voraussagen vermutlicher Effekte) werden bestimmt mit (induktiv) erworbenen Kenntnissen des Erfahrungswissens, insbesondere mit Erkenntnissen für angenommene Regeln, deren Übereinstimmung mit natürlichen Gesetzmäßigkeiten sich praktisch bewähren muss (vgl. Ungewissheit von Theorien).

Für eine analysierte Problemsituation können alternative Lösungsansätze erfahrungsgemäß eingeschätzt werden durch "vorausschauendes" (antizipatorisches) Abwägen der zu bewertenden Erwartungen von möglichen Tatfolgen, wozu zweckdienliches Erfahrungswissen in ausreichendem Maße verfügbar sein muss (vgl. Implikationen für Regeln). -
   Notwendige Voraussetzung für "intelligentes" Problemlösen ist mindestens ein "kognitiver" Lösungsansatz als überprüfbare Vermutung (z. B. einer möglichen Mittel-Zweck-Relation) entsprechend einem hypothetischen Schluss auf einen wahrscheinlichen Sachverhalt (vgl. Abduktion bei C. S. Peirce).
   Zum Auffinden optimaler Problemlösungen erforderlich sind (Er-)Kenntnisse durch "einsichtiges" Verstehen und kognitiv-logische Modellbildung gemäß Erfahrungswissen für möglichst adäquate Referenz-Modelle, die als 'prädiktive Modelle' für Voraussagen nutzbar sind.
- Das Lernen durch Einsicht in prinzipielle Sinn-Zusammenhänge wird bestimmt als 'hoch entwickelte' Lernform analog der rationalen Denkleistung für ein neues »konstruktives Konzept« zum Problemlösen (vgl. Einfall, Entwurf) unter Voraussetzuing der erfolgreichen Nutzung mindestens einer zweckdienlichen (zunächst) theoretischen Erkenntnis, - entsprechend einer kognitiv erfassten Beziehung des 'einsichtig verstandenen' Zusammenhangs von analytisch abstrahierten Fakten (Sinnesdaten, Begriffen), die erfinderisch in Beziehung gesetzt worden sind (vgl. neue Mittel-Zweck-Relation). -
   Entwürfe für konstruktive Konzepte basieren auf neu erfassten Begriffsrelationen, die für symbolisch-abstrakte Modellvorstellungen oder Ansätze für Problemlösungen nützlich sind (vgl. Ideen für Denkmodelle oder Lösungsansätze). [Liß]
   Die theoretische Modellbildung entspricht der 'einsichtigen' Ausbildung von (kognitiv-logischen) Begriffsstrukturen, die objektiviert dargestellt werden können mit deklarativen Aussagen für sprachliche Beschreibungen oder Erklärungen, - auch in übertragbaren Darstellungsformen für informative Mitteilungen zwecks interaktiver Kommunikation.
- Beim intentionalen Lernen durch (zweckdienliche) systematische Erforschung von erfassbaren Zusammenhängen realer Sachverhalte helfen heuristische Methoden, konstruktive Kritik und Fragen hinsichtlich der Bestimmung (Erkennung, Deutung), Bewertung (Beurteilung) und Erklärung (Begründung) von untersuchten Objekten oder Relationen.
   Fördernden Einfluss auf 'kreative' Denk- und Kognitionsleistungen für hypothetische Vorstellungen (Entwürfe für Konzepte oder Theorien) haben motivierende Intentionen (Absichten für Pläne), insbesondere Handlungsziele zum Kennenlernen des Neuen (Erforschung, Erfindung), und auch heuristische Methoden zum "Lernen lernen" (methodisches Metawissen, vgl. 2.7.).
   Die Befähigung zu "eigenwilligen" Zielvorstellungen im Rahmen der Handlungsfreiheit ermöglicht dem lernenden System seine Aufmerksamkeit zu lenken (Interesse, Vorsicht, Rücksicht), - auch auf Neues zu orientieren (vgl. experimentelles Versuchen und Untersuchen von Neuem). Eigene Zielvorgaben und Wertvorstellungen für höhere Bewusstseinsformen sind begründbar mit 'selbstreflexivem Metawissen' (vgl. 2.7.).



2.7.  Stirnhirnfunktionen für rationale Selbstkontrolle - Selbstmodell und Bewusstsein

Aufbauend auf Erfahrungswissen und Metawissen zum Problemlösen können "intentionale" (absichtliche, willentliche) Entscheidungen für intelligentes Verhalten durch selbstreflexive Deutungen (Selbstreflexion, Nachdenken) 'kognitiv-rational' vorbereitet, geplant und erforderlichenfalls korrigiert werden (vgl. Entscheidungsoptimierung, siehe 2.3.).
Deklarative (bewusst gewordene) empirische Urteile und logische Schlüsse sind formal darstellbar (vgl. explizite Aussagen) in funktioneller Abhängigkeit von 'subjektiven' Bewertungen der mit Situationsmerkmalen assoziierten Voraussagen "aus Erfahrung" (objektbezogen) oder der effektorientierten Erwartungen (vermuteten Konsequenzen) von selektiv einzuschätzenden Handlungsoptionen (alternativ wählbar gemäß Handlungsfreiheit). [Liß]

Hoch entwickelte kognitive Leistungen für "einsichtiges" Lernen und "intelligentes" Problemlösen werden den 'rationalen' Stirnhirn-Funktionen zugeschrieben, - verbunden mit 'bewussten' Kontroll- und Planungsfunktionen im präfrontalen Cortex (vgl. 1.5. und 2.1.).
Die ontogenetische Hirnentwicklung beim Menschen führt erst viele Jahre nach der Geburt zur Ausreifung des Neocortex, besonders des präfrontalen und orbitofrontalen Cortex (Entwicklung bis ca. 11. Lebensjahr bzw. Pubertät). [Roth]
Der orbitofrontale Cortex (seitlicher 'assoziativer' Stirnlappen über den Augenhöhlen) gilt als zuständig für die kritische Überprüfung von hypothetischen Voraussagen und Erwartungen (z. B. von vermuteten Handlungskonsequenzen beim 'bedingten Erwägen' einer optimalen Entscheidung am Refenzmodell), - erfahrungsabhängig und zielorientiert, auch gemäß einer Moral und Ethik (Gewissen). Außerdem werden ihm "bewusste" Zielvorstellungen, Motivationen und Gefühle zugeschrieben (vgl. 2.1. und 2.2.). [Roth][Singer]

Der Stirn- und Schläfenlappen (meistens linker Cortex) sind beteiligt an dem Verstehen und der Erzeugung von Äußerungen (mindestens) einer Sprache, die erlernt werden muss. Ein sog. Sprachzentrum zur Erkennung und Konstruktion von Satzformen sprachlicher Ausdrücke (Syntax, Grammatik) und zur Interpretation der Satzbedeutungen (Semantik) ist lokalisierbar im Broca-Arial des linken Frontallappens (zugeordnet zum präfrontalen Cortex).
   Für verstehbare Sprachäußerungen werden der Satzbau und die Wortwahl im Gehirn mit vielen syntaktischen Regeln automatisiert bestimmt (meist unbewusst). [Roth]

Das individuelle Sprachvermögen ist eine systemimmanente Voraussetzung für explizite Aussagen als informative Darstellungsformen zur Beschreibung und Erklärung eigener Vorstellungen, Urteile, Konzepte oder Intentionen hinsichtlich der Vergangenheit bzw. Zukunft (vgl. 1.5. und 2.1.).
   Sprachliche Aussagen werden bestimmt von dem aktuell nutzbaren, 'deklarativen' Erfahrungswissen einschließlich symbolisch-abstrakten Denkmodellen und methodischem oder selbstreflexivem Metawissen (vgl. kognitiv-logische Modellbildung, vgl. Hinweis 2).).

Methodisches Metawissen ist zweckdienliches (Vernunft-)Wissen, das systematisch übergeordnet ist dem dispositionalen (Verstand-)Wissen. Es basiert auf praktikablen Kenntnissen von Regelmäßigkeiten oder Prinzipien der Seinserfahrung. Beispiele für bewährtes methodisches Metawissen sind systematische Regeln für heuristische Methoden oder Suchstrategien, die nutzbar sind bei analytischen Untersuchungen zur kritischen Einschätzung von Problemsituationen zwecks Lösungsfindung.

Selbstreflexives Metawissen ist individuelles 'selbstbezügliches' Erfahrungswissen über den eigenen Status, d. h. 'Wissen vom Sein' (aufgefasst als 'Bewusstsein'), das besonders durch Kommunikation bei der Individualentwicklung (ontogenetisch) ausgebildet werden kann. Darauf gründen sich "selbstbestimmte" Richtwerte und Absichten (Intentionen) für eigene Handlungen, d. h. auch eigene Ziele, Pläne oder Aufgaben (vgl. 2.3.).
   Das selbstreflexive 'deklarative' Wissen ist eine "bewusstseinsmäßige" Voraussetzung für äußerbare Statusreports des Subjektes (selbsterkannte Ich-Zustände, Gefühle, Motive oder Einstellungen).

Das "sprachliche Bewusstsein" basiert auf deklarativem Erfahrungswissen in "selbstreflexiver" Verbindung mit einem 'symbolisch-abstrakten' Selbstmodell, das aufgefasst wird als eigenes 'Wissen vom Sein des Selbst' (analog 'Selbstbewusstsein', siehe 1.5.).
   Explizite Aussagen über Zustände eines Selbstmodells sind 'wissentlich' formulierbar (z. B. Ausdrücke oder Sätze als Statusreports), wozu besonderes sprachliches Regelwissen (Grammatik, Vokabular) dient, das durch Lernen ausgebildet und verbessert werden kann.

Das 'selbstbezüglich denkende' Gehirn ist beschreibbar als ein Gedächtnissystem mit Selbstmodell, das befähigt ist zu "vernünftiger" Selbstkontrolle durch eine 'kritische' Beurteilung und 'subjektive' Bewertung von individuell erkannten (bewusst gewordenen) System-Zuständen, die neuen Situationen unangemessen sein können (vgl. Probleme, auch Statusreports über Konflikte).
   Die bewusste Selbstkontrolle erzielt ein 'selbst bestimmtes' Verhalten durch intentionale und geplante Steuerung, insbesondere sozial-verträglich unter 'gewissenhafter' Berücksichtigung von moralischen Standards (vgl. Kriterien eines ethischen Verhaltenskodex).
   Eine 'ethische' Verhinderung oder Einschränkung von unwissentlich gesteuerten 'instinktiven' (Re-)Aktionen oder 'emotional konditionierten' Affekthandlungen kann nur durch 'rationale' Selbstkontrolle gelingen (vgl. Selbstbeherrschung).

Das individuelle Selbstmodell fungiert als Metawissen für die rationale Selbstreflexion, d. h. (selbst-)bewusstes Nachdenken über sich selbst, insbesondere unter Aspekten der möglichen Selbstkontrolle gemäß dem Selbstverständnis (vgl. Gewissensprüfung nach einem Verhaltenskodex) zur Begründung und Rechtfertigung eigener Aktionen (gegenüber Normativen von Ethik und Moral).
   Selbstbezügliche Vorstellungen bestimmen 'subjektive' Urteile, die objektivierbar sind als deklarative Aussagen hinsichtlich 'personeller' Eigenschaften, Fähigkeiten und Einstellungen, auch Bedürfnissen (vgl. Triebe, Leidenschaften, Interessen und Motive).
   Dem Selbstmodell wird ein abstrakter »Ich-Begriff« als Selbstkonzept verallgemeinert zugeordnet. Das kognitiv ausgebildete Selbstmodell (Ich) entspricht den 'individuellen Seinserfahrungen' für wissentliche (bewusste) Erinnerungen von deklarativen Vorstellungen als äußerbare 'eigene Ansichten', die erklärbar sind mit empirischen Urteilen gemäß den 'subjektiven' Einstellungen oder Überzeugungen (vgl. Meinungen, Wünsche, Bewertungen oder Selbstwertgefühl). Damit ermöglicht werden explizite Aussagen zu Aspekten der Selbsteinschätzung gemäß der 'subjektiven Lage', insbesondere zu handlungsorientierten Motiven und Begründungen für Entscheidungen (vgl. Statusreports).

Ein 'persönliches Selbstmodell' im menschlichen Gehirn (vorrangig Frontalhirn) entsteht während der Individualentwicklung bedingt durch Umwelteinflüsse und ist beschreibbar als 'selbstreflexives Metawissen' (s. o.).  -  Die situationsbedingte Strukturierung (relationale Modifizierung) des Selbstmodells geschieht 'selbstbestimmt' (autonom) gemäß der selbstbezüglichen Einschätzung von eigenen Erlebniszuständen (Selbsteinschätzung) aufgrund der Selbsterkenntnis beim 'Selbsterleben durch Selbstbeobachtung'. Außerdem maßgeblich ist die durch umweltbedingte Seinserfahrungen gewonnene 'selbstkritische' Einsicht in den sozialen Kontext von eigenen Aktionen und Interaktionen (vgl. Fremderleben durch Fremdbeobachtung oder 'theory of mind').

Ein entwickelbares Selbstmodell wird konzeptionell definiert als systemeigenes 'Wissen vom Sein des Selbst' analog dem Selbstbewusstsein, das als konstruktive Entscheidungsgrundlage fungiert für die 'selbstbestimmte' Steuerung, Kontrolle, Begründung und Erklärung von zielorientierten Operationen eines lernfähigen Gedächtnissystems mit rationaler Autonomie (d. h. vernünftiger Selbstbestimmung).
   Das Selbstbewusstsein ist eine 'hoch entwickelte' Bewusstseinsform des Menschen und ermöglicht ihm "vernünftige" Entscheidungen durch rationale Selbstreflexion und Selbstkontrolle (vgl. kritisches Erwägen mit Voraussicht), außerdem individuell äußerbare Statusreports.

Für das Phänomen "Bewusstsein" gibt es seitens der Hirnforschung erste neurobiologische Erklärungsansätze auf materieller Basis. Qualitative Bewusstseinsniveaus und komplexe Bewusstseinszustände werden zurückgeführt auf die vielschichtige dynamische Funktionalität im Gehirn, dessen qualitative Funktionsverschachtelung gekennzeichnet ist durch philogenetisch entwickelte Hierarchiestufen (mit evolutionären Vorteilen).
   Nur beim Menschen epigenetisch ausbildbar ist das oberste Bewusstseinsniveau des 'sprachlichen Denkens' (vgl. Introspektion, Selbstreflexion oder Metakognition) im 'höchentwickelten' Gehirn mit vergrößertem Assoziationscortex und selbstbezüglichen Kontrollfunktionen im Stirnhirn (vgl. präfrontaler Cortex für explizites' Arbeitsgedächtnis, siehe 1.5. und 2.5.).

Meine Thesen zur Erklärung und Modellierung von Bewusstsein:

Höhere (rationale) Bewusstseinsformen, die als 'funktionelle Erscheinungen' des Gehirns aufgefasst werden, sind 'symbolisch-konstruktiv' (modellmäßig) erklärbar mit "wissentlichen" Kontroll-Funktionen eines 'superponierten' Meta-Automaten, dessen Inputs und Outputs wechselwirkend verbunden sind mit mindestens einem relativ autonom fungierenden "Basis-Automaten" als Grundsystem (analog 'Grund-Bewusstsein' und 'Unterbewusstsein', - vgl. mein schematisches Gehirnmodell, siehe 2.6.).
 - Ein sprachbegabt-lernfähiger Meta-Automat fungiert als eine "übergeordnete" Kontroll- oder Führungskomponente des hochentwickelten Gesamtsystems und steuert "wissentlich" dessen Selbstkontrolle gemäß seinem ausbildbaren 'selbstreflexiven' Metawissen, - auch für 'intentionales' Lernen (vgl. mein Systemkonzept 'Intelligenter Automat' als multihierarchisches offenes System, - ohne einen imaginären "Homunkulus"). [Liß]
 - Der Meta-Automat kann ausgewählte Erkennungs-, Beurteilungs-, Bewertungs- und Entschei-dungsergebnisse des Basis-Automaten (seines "Unterbewusstseins") 'selbstbeobachtet' erkennen, beurteilen, bewerten und zu internen "Selbsterfahrungen" integrieren.
 - Der lernfähige Basis-Automat ist befähigt zur Bildung eigener prädiktiver Modelle entsprechend seinem Erfahrungswissen gemäß bedingten Relationen für kognitiv erfasste Zusammenhänge von sinnlichen Situationsmerkmalen (vgl. Afferenzen für Wahrnehmungen externer Bedingungen) oder von effektiv erfahrenen Aktionsfolgen (vgl. Reafferenzen als Konsequenzen von Handlungen) bei der Interaktion mit der Umwelt (vgl. praktische Versuche oder soziale Kommunikation).
 - Der dem Basis-Automaten superponierte (übergeordnete) Meta-Automat kann eigene Modelle 'wissentlich' nutzen, 'einsichtig' verbessern oder 'kreativ' konstruieren (vgl. konstruktive Konzepte für Problemlösungen), - möglichst auch ein Selbstmodell für symbolisch-abstrakte (begriffliche) Vorstellungen vom "Ich" durch Selbsterkenntnis (vgl. Selbstkonzept). Modellspezifisch bestimmt werden situationsbedingte Urteile für Schlüsse und subjektive Bewertungen, die äußerbar sind als aspektorientierte Aussagen oder formal-sprachliche Wissensdarstellungen, insbesondere für individuelle Zustandsbeschreibungen (Statusreports) aufgrund von selbstbezüglichen Erfahrungen und systemrelevanten Einstellungen (vgl. Selbsteinschätzung, auch Selbstkritik).
 - Das mit erworbenen "Selbsterkenntnissen" ausbildbare Selbstmodell (vgl. Wissen vom Sein des Selbst analog Selbstbewusstsein) verhilft dem Meta-Automat zur "rationalen" Kontrolle des Basis-Automaten hinsichtlich der bestimmten Zielstellung für das Gesamtsystem, insbesondere zur Einschätzung der subjektiven Lage für mögliche Statusreports (vgl. Aussagen bewusster Bewertungen, Emotionen oder Motivationen) und auch für 'intentionale' Verhaltenssteuerung.
 - Der Meta-Automat ermöglicht die Selbstkontrolle des Gesamtsystems und kann gemäß seiner 'kritischen' Lagebewertung mit eigenen Richtwerten auf den Basis-Automaten "zielsetzend" einwirken und dessen Motivation aufgrund von Bewertungsergebnissen beeinflussen. Seine Befähigung zu "eigenwilligen" Zielvorstellungen im Rahmen der Handlungsfreiheit ermöglicht ihm die Aufmerksamkeit für das Gesamtsystem zu lenken (Interesse, Vorsicht, Rücksicht), - auch auf Neues zu orientieren (vgl. experimentelles Versuchen und Untersuchen von Neuem).
 - Ein "zielsetzender" Meta-Automat beeinflusst die 'rationale Autonomie' des Gesamtsystems und steuert dessen Homöostase zielorientiert. Er kann besondere Aufmerksamkeit (Vorsicht, Rücksicht) oder individuelle Absichten (Intention, Plan) bestimmen, die für "intentionales" Problemlösen und Lernen wichtig sind (vgl. Gefahrvermeidung oder -abwehr, Interesse an Neuem oder Suchen, experimentelles Untersuchen und Versuchen von Unbekanntem).

Das Konzept eines Meta-Automaten modelliert mindestens einen "rational kontrollierenden" Funktionskomplex im Stirnhirn (vgl. präfrontaler und orbitofrontaler Cortex für Verstand bzw. Vernunft), der sprachliche Reflexion ermöglicht. Dieser verfügt über individuell ausgebildetes 'deklaratives' Erfahrungswissen, 'erlerntes' Sprachwissen und auch 'selbstreflexives' Metawissen (vgl. Selbstmodell, siehe 1.3.). Seine modellhaften Vorstellungen und Erinnerungen sind objektivierbar mit sprachlichen Aussagen zwecks Kommunikation, insbesondere für informative Hinweise, Beschreibungen und möglicherweise Erklärungen von erkannten Sachverhalten.
   Der sprachbegabte Meta-Automat (simuliertes sprachliches Bewusstsein) kann explizite Aussagen formulieren als situationsbedingte Urteile oder Antworten, z. B. als erfragte Begründungen von Handlungen (vgl. logische Argumente) oder als aktuelle Statusreports (vgl. selbstreflexive Erklärungskomponente eines autonomen Gedächtnissystems).
   Der "aufmerksame" Meta-Automat (als superponierte Controller-Komponente eines Intelligenten Automaten) interpretiert und bewertet ausgewählte, detektierte Signale des 'relativ autonomen' Basis-Automaten im Gesamtsystem (vgl. Unterbewusstsein). - Seine "wissentliche" Beurteilung der aktuellen Situation wird maßgeblich bestimmt von seiner "subjektiven Lage" (Bedürfnis, Einstellung gemäß Metawissen). Demzufolge kann er "führend" und notfalls "korrigierend" eingreifen in Entscheidungsroutinen und Handlungssteuerungen zwecks "intelligenter" Beeinflussung von prozeduralen Verhaltensprogrammen des "unbewussten" Basis-Automaten (analog "gewissenhafter" Selbstkontrolle trotz der 'Macht des Unbewussten', vgl. 1.5. und 2.3.).

Im Meta-Automaten verfügbar sind prädiktive Modelle über die Umwelt (Weltmodell), über den Basis-Automaten (Selbstmodell) und über dynamische Interaktionen mit der Umwelt (Verhaltensmodell).
   Die interne Modellbildung geschieht mit "heuristischen" Lernmechanismen für ausbildbare Relationen zwischen Systemvariablen für strukturelle Begriffsformen, d. h. für symbolisch ausdrückbare Beziehungen zwischen begrifflichen Invarianten (Variablenwerten).
   Beim strukturellen Lernen im Gedächtnissytem können "heuristisch" erfasste innovative Beziehungen als theoretische Kenntnisse in modifizierbare kognitv-logische Verknüpfungen einbezogen werden. Diese sind darstellbar als 'hypothetische' bedingte Relationen des strukturell erweiterten Metawissens. Solche "unsicheren" Wissenselemente für 'ungewisse' Modelle im Meta-Automaten ermöglichen theoretische Annahmen (Thesen) oder 'vermutete' Vorstellungen (Imagination), die mit Metabeschreibungen sprachlich formalisierbar sind.
   Ein selbstkritisches Erkennen von eigenen Fehlern ermöglicht das 'Lernen aus Fehlern' durch zukünftige Korrekturmaßnahmen, erforderlichenfalls mit geänderter "selbstbestimmter" Zielsetzung des Meta-Automaten (vgl. Umlernen).

Fazit: Die Konzeption und Entwicklung eines selbstlernenden Gedächtnissystems (möglichst mit 'rationaler' Selbstkontrolle) werden erschwert durch die große Komplexität des zu kontrollierenden Logikentwurfs, wozu eine analytische Erklärung von kognitiv-logischen Funktions-komplexen notwendig ist. Dabei kann die Frage nach der Konsistenz von induktiven Inferenzen (vgl. Gewissheit nach dem Bewährungsprinzip) "unentscheidbar" werden. Die relative Wahrheit von empirischen Urteilen muss kritisch überprüft werden hinsichtlich ihrer Konsolidierung, Falsifizierung oder dem möglichem Umlernen. [Liß]
   Die Entwicklung von lernenden Robotern und KI-Artefakten wird erschwert durch notwendige Maßnahmen zur Beherrschung einschätzbarer Risiken zwecks Abwehr von tech-nisch ermöglichten Gefahren.



Literatur

Roth, G.: Wie das Gehirn die Seele macht, Hauptvortrag von Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth, Direktor am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen, auf dem Kongress "51. Lindauer Psychotherapiewochen 2001". - Die Seiten verweisen auf weitere Literatur, auf ein Interview mit G. Roth und auf zwei seiner Bücher.

Roth, G.: Fühlen, Denken, Handeln, Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2001, ISBN 3-518-58313-1

Roth, G.: Verstand und Gefühle - Wem sollen wir folgen?, Beitrag vom 07.02.03, veröffentlicht im Internet

Roth, G.: Gleichtakt im Neuronennetz, Gehirn & Geist - Dossier Nr. 1/2003: Angriff auf das Menschenbild, S. 24 - 32, Verlag Spektrum der Wissenschaft

Roth, G.: Die Zukunft des Gehirns, BBAW-Publikation in Heft 10 (Herbst 2002) der 'Hefte für den Disput über Wissen' - www.gegenworte.org

Singer, W.: Entscheidungsgrundlagen, Ein Auszug aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton 8. Januar 2004, Nr. 6, S. 33

Singer, W.: Der Beobachter im Gehirn, Essays zur Hirnforschung, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2002, ISBN 3-518-29171-8, - daraus Exzerpt »Kognitiv-logische Modellbildung«, 1.  Erkenntnisse der Hirnforschung

Goleman, D.: Emotionale Intelligenz, Deutscher Taschenbuchverlag GmbH & Co. KG, München, 1999, ISBN 3-423-36020-8

Edelman, G. M. und Tononi, G.: Gehirn und Geist, Wie aus Materie Bewusstsein enststeht, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München, 2004, ISBN 3-423-34074-6

Damasio, Antonio R.: Der Spinoza-Effekt, Wie Gefühle unser Leben bestimmen, List-Taschenbuch, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 2005, ISBN 3-548-60494-3

LeDoux, Joseph: Das Netz der Persönlichkeit, Wie unser Selbst entsteht, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG., München, 2006, ISBN 3-423-34279-X

Kandel, Eric: Auf der Suche nach dem Gedächtnis, Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes, Wilhelm Goldmann Verlag, München, Taschenbuchausgabe 2014 (Original 2006)

Jung, C. G.: Der Mensch und seine Symbole, Walter-Verlag AG, Olten, 8. Auflage 1979, ISBN 3-530-56501-6

Mainzer, K.: Perspektive Künstliche Intelligenz, - Historisches zum Entwicklungstrend 'Intelligente Automaten'


Liß, E.: Information - subjektive Nachricht für kognitive Systeme - Erläuterte Aussagen von Heinz Zemanek aus einem Interview mit Josef Karner am 08.08.1999 (Exzerpt im LISS-KOMPENDIUM, hrsg. 09/2002)

Liß, E.: Synaptische Verbindungen im plastischen Neuronennetz - Neurobiologische Erkenntnisse - strukturelle Lerndisposition für bedingte Relationen (Exzerpt im LISS-KOMPENDIUM, hrsg. 10/ 2003)

Liß, E.: Systemkonzept 'Intelligenter Automat' für kognitive Logik - Definitionen und Thesen zu lernfähigen Gedächtnissystemen, Gehirnmodell für Lernformen, System- und Organisationskonzept (PDF-Datei im LISS-KOMPENDIUM, hrsg. 11/2004)

Liß, E.: Puplikationen zu Konzepten für Denkmodelle der Kognitiven Logik (seit 1978, Dissertation 1987) - hrsg. seit 2001

Liß, E.: Beiträge zu Definitionen und Konzepten einer Kognitiven Logik - Exzerpt mit Gehirnmodell und Links (hrsg. seit 2002)

Liß, E.: Grundbegriffe zur Kognitiven Logik Logik - seit 1978 publizierte Definitionen und Thesen (hrsg. seit 2002)

Liß, E.: Kognitiv-logische Grunderkenntnisse - Gedächtnisprinzipien und Logos-Relationen für Denkmodelle (hrsg. seit 2009)

Liß, E.: Paradigma Kognitive Logik für intelligente Automaten - Exzerpt aus Publikationen (PDF-Datei, hrsg. seit 2015)

Liß, E.: Kognitiv-logische Gedächtnissysteme als intelligente Automaten - Introduktion zu Publikationen (hrsg. seit 2016)


Hinweis 1: Die Auffassung "Gedächtnis denkt an das Gedachte" äußerte der Philosoph Martin Heidegger in seiner Vorlesung zur Frage "Was heißt Denken" (Wintersemester 1951/52, Zitat gefunden in Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8805, 1992, S. 12).

Hinweis 2: Wissenschaftliche Aussagen und Thesen zu Konzepten für Denkmodelle beschreibt mein Exzerpt:  Kognitiv-logische Modellbildung (Zitate namhafter Autoren), - auch mein ausführliches Essay:  Kognitiv-logische Grunderkenntnisse (Gedächtnisprinzipien und Logos-Relationen für Denkmodelle). -
   Weiterführende Aussagen aus meinen Publikationen (seit 1978) zu kognitiv-logischen Gedächtnissystemen enthält die Kurzbeschreibung meiner 3. Computersimulation (seit 2001 als KI-Model im Internet):  'Lernender Homöostat' - eine interaktive Existenz-Simulation


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