Gerhard Roth - Veröffentlichung im Internet als PDF-Version vom 07.02.03 - Kopie in HTML von E. Liß


Verstand und Gefühle - Wem sollen wir folgen?


1. Einleitung

Der Gegensatz von Verstand und Gefühlen ist ein wichtiger Bestandteil des traditionellen Menschenbildes ebenso wie unseres Alltagslebens. Unsere Gefühle treiben uns dazu, dies oder jenes zu tun, unser Verstand rät uns davon ab - oder umgekehrt. Am stärksten ist dieser Widerstreit, wenn es um starke Gefühle und Leidenschaften geht: Wir fliehen in kopfloser Panik in einer Situation, in der Umsicht angebracht wäre; wir tun etwas im Zustand blinder Wut, maßloser Enttäuschung oder heftiger Verliebtheit, was wir später bereuen. Aber nicht nur starke Gefühle wie Leidenschaften und Affekte machen uns zu schaffen, sondern auch Gefühle im engeren Sinne wie Furcht, Ärger, Eifersucht, Neid und Ehrgeiz. Sie engen unseren Verstand und unsere Einsicht ein, verstellen uns den Blick auf die Realität und verhindern damit oft ein individuell und gesellschaftlich zweckmäßiges Verhalten. In solchen Fällen erscheinen Gefühle als etwas Unvernünftiges, Kurzsichtiges, Übereiltes, kurzum Negatives.

Entsprechend lautet der Ratschlag seit dem Altertum: Lass deinen Verstand walten! Sei vernünftig! Gib nicht deinen unmittelbaren Impulsen nach!

Wie ich im folgenden zeigen werde, unterliegt dieser Anschauung ein tiefes Missverständnis der Funktion der Gefühle und der Beziehung zwischen Vernunft/Verstand und Gefühlen.
Meine beiden Kernaussagen lauten: (1) Vernunft und Verstand allein, ohne Gefühle, bewegen nichts; (2) Gefühle haben bei der Handlungssteuerung das erste und das letzte Wort.

2. Wo im Gehirn sitzen Verstand und Vernunft?

Unter Verstand verstehe ich die Fähigkeit zu aktuellem Problemlösen mithilfe erfahrungsgeleiteten (induktiven) und logischen (deduktiven) Denkens. Verstand ist somit weithin identisch mit dem, was viele Psychologen unter Intelligenz verstehen, d. h. die Fähigkeit, Probleme in einer vorgegebenen Zeit zu identifizieren und vorhandenes Expertenwissen adäquat anzuwenden.
Unter Vernunft verstehe ich hingegen mittel- und langfristige Handlungsplanung aufgrund übergeordneter ethischer und zweckrationaler Prinzipien. Hierbei spielt insbesondere die soziale Akzeptanz des eigenen Handelns eine große Rolle.

Verstand und Vernunft in diesem Sinne sind Funktionen der menschlichen Großhirnrinde. Verstandesfunktionen können dabei vornehmlich dem oberen und seitlichen Stirnhirn, dem dorsolateralen präfrontalen Cortex, zugeordnet werden. Dieser hat mit dem Erfassen der handlungsrelevanten Sachlage, mit zeitlich-räumlicher Strukturierung von Wahrnehmungsinhalten zu tun, mit planvollem und kontextgerechtem Handeln und Sprechen und mit der Entwicklung von Zielvorstellungen (Petrides & Pandya, 1999; Davidson & Irwin, 1999). Schädigungen dieses Bereichs führen zur Unfähigkeit, die Relevanz externer Ereignisse einzuschätzen. Ebenso zeigt sich der Hang zum hartnäckigen Verbleiben bei einer Sache, ein Verlust der Verhaltensspontaneität und Kreativität. Patienten mit solchen Läsionen benehmen sich typisch "unverständig".

Vernunft hingegen ist vornehmlich eine Funktion des unteren, über den Augen liegenden Stirnhirns, des orbitofrontalen Cortex Dieser Cortexteil überprüft - zusammen mit anderen Hirnteilen - die längerfristigen Folgen unseres Handelns und lenkt entsprechend dessen Einpassung in soziale Erwartungen. Eine wesentliche Funktion besteht in der Kontrolle impulsiven, individuell-egoistischen Verhaltens, das von subcorticalen, d. h. außerhalb der Großhirnrinde liegenden Zentren vermittelt wird. Schädigungen im orbitofrontalen Cortex führen zum Verlust der Fähigkeit, den sozial-kommunikativen Kontext, z. B. die Bedeutung von Szenendarstellungen oder die Mimik von Gesichtern, zu erfassen. Diese Patienten sind unfähig, längerfristige negative oder positive Konsequenzen ihrer Handlungen vorauszusehen, wenngleich unmittelbare Belohnung oder Bestrafung von Aktionen ihr weiteres Handeln beeinflussen können (Davidson und Irwin, 1999). Solche Patienten gehen trotz besseren Wissens große Risiken ein und wirken daher "unvernünftig" (Bechara et al., 1997).

Gehirn-Längsschnitt

Bild: Längsschnitt durch das menschliche Gehirn mit den wichtigsten limbischen Zentren. Diese Zentren sind Orte der Entstehung von positiven (Nucleus accumbens, ventrales tegmentales Areal), und negativen Gefühlen (Amygdala), der Gedächtnisorganisation (Hippocampus), der Aufmerksamkeits- und Bewusstseinssteuerung (basales Vorderhirn, Locus coeruleus, Thalamus) und der vegetativen Funktionen (Hypothalamus).

Die Großhirnrinde (der sechsschichtige Isocortex) ist also der Sitz von Verstand, Vernunft und allgemein von Bewusstsein, und dies hängt mit ihrem besonderen Aufbau zusammen. Die Großhirnrinde besteht aus 50 bis 100 Milliarden Nervenzellen, wobei jede Zelle mit rund zehntausend anderen corticalen Zellen verbunden ist. Es handelt sich dabei um ein Netzwerk für die schnelle, komplexe Verarbeitung großer und heterogener (z. B. multimodaler) Datenmengen mithilfe einer Kombination von parallel-distributiver und von sequentieller Informationsverarbeitung. Diese Fähigkeiten stehen im Dienst des Erfassens und Verarbeitens von Details der Wahrnehmungsinhalte und deren schnellem Vergleich mit Gedächtnisinhalten, in der Gliederung des Wahrgenommenen in relevante Bedeutungseinheiten und in der Vorbereitung von Handlungsentwürfen. Hierzu gehört das Entwickeln vielfacher interner Repräsentationsebenen, die wir beim Vorstellen, Erinnern, Denken und Planen erleben.

Wichtig ist dabei die Fähigkeit zur schnellen Umverknüpfung der Netzwerke, die in jeweils veränderten Zuständen der Informationsverarbeitung und internen Repräsentationen resultiert. Diese synaptischen Umverknüpfungen geschehen etwa im Sekundentakt, der damit auch der typische Rhythmus des Bewusstseins ist (Pöppel, 1985). Diese Vorgänge werden im wesentlichen bestimmt durch prä- und postsynaptische Einwirkungen der so genannten Neuromodulatoren Acetylcholin, Noradrenalin, Serotonin und Dopamin, die ihrerseits durch subcorticale Zentren des Thalamus, des basalen Vorderhirns, des mesolimbischen Systems und der retikulären Formation gesteuert werden. Davon weiter unten mehr.

3. Wo im Gehirn entstehen Gefühle?

Emotionen im weiteren Sinne umfassen (1) körperliche Bedürfnisse wie Müdigkeit, Durst, Hunger, Geschlechtstrieb; (2) Affekte wie Wut, Zorn, Aggressivität; (3) Gefühle wie Furcht, Freude, Glück, Verachtung, Ekel, Neugierde, Hoffnung, Enttäuschung und Erwartung; (4) Stimmungen wie Hochgefühl, Angst und Niedergeschlagenheit (Depression).

Aus biologischer Sicht haben Affekte und Emotionen eine zweifache Funktion: Zum einen sind sie im Bereich überlebenswichtiger Funktionen mit "vegetativen" körperlichen Zuständen verbunden, zum Beispiel bei Bedrohungszuständen mit erhöhter Reaktionsbereitschaft, Schwitzen, Herzklopfen, Kurzatmigkeit und erhöhtem Blutdruck, der Tendenz zur Flucht oder Abwehr, und sie haben hier eine verhaltenssteuernde Wirkung. Zum anderen greifen erlebte Emotionen in die bewusste Verhaltensplanung und -steuerung ein, indem sie bei der Handlungsauswahl mitwirken, bestimmte Verhaltensweisen befördern (Motive, Handlungsziele) und bei ihrer Ausführung "energetisieren" (empfunden als Wille oder Begeisterung) und andere unterdrücken (empfunden als Furcht oder Abneigung).

Affekte und Emotionen als Erlebniszustände sind der bewusst gewordene Ausdruck der Tätigkeit des limbischen Systems, die weitgehend unbewusst verläuft. Das limbische System durchzieht das gesamte Gehirn (vgl. Bild und Nieuwenhuys et al., 1991; Panksepp, 1998) und umfasst (1) Anteile der Großhirnrinde, nämlich den orbitofrontalen Cortex, den Gyrus cinguli, die um den Hippocampus liegende entorhinale, parahippocampale und perirhinale Rinde und die insuläre Rinde ("Insel"); (2) allocorticale (d. h. nicht sechsschichtige) Anteile des Cortex und subcorticale Zentren des Endhirns, nämlich Hippocampus-Formation, Amygdala, Septum/basales Vorderhirn, ventrales Striatum/Nucleus accumbens, (3) Zwischenhirnzentren, nämlich Hypothalamus, Mammillarkörper, anterior-laterale, mediale und intralaminare Thalamuskerne, (4) ventrales tegmentales Areal (VTA) und Kerne des tegmentalen Höhlengrau im Mittelhirn, und (5) im weiteren Sinne Kerne der Formatio reticularis in Mittelhirn, Brücke und verlängertem Mark, vor allem Locus coeruleus und Raphe-Kerne.

Der Hypothalamus ist das Kontrollzentrum für biologische Grundfunktionen wie Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, Sexualverhalten, Schlaf- und Wachzustand, Temperatur- und Kreislaufregulation, Angriffs- und Verteidigungsverhalten und für die damit verbundenen Trieb- und Affektzustände. Entsprechend seinen Funktionen ist der Hypothalamus mit nahezu allen Teilen des restlichen Gehirns verbunden, besonders mit den vegetativen Zentren des Hirnstamms und mit den limbischen Anteilen des Endhirns (Telencephalon). An den Hypothalamus schließt sich die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) an. Bei Belastungssituationen ("Stress") wirkt der Hypothalamus - häufig aufgrund einer Aktivierung durch die Amygdala (s. unten) - über das Corticotropin-Ausschüttungshormon (CRH) auf die Hypophyse ein (genauer den Hypophysenvorderlappen). Diese löst über das adrenocorticotrope Hormon (ACTH) in den Nebennierenrinden die Produktion von Corticosteroiden (Cortisol) aus. Cortisol wirkt im Gehirn auf entsprechende Rezeptoren ein und versetzt das Nervensystem bzw. den Körper in einen erhöhten Aktivitäts- und Leistungszustand.

Die Amygdala nimmt anatomisch wie funktional eine zentrale Rolle beim Entstehen von Emotionen und beim emotionalen Lernen ein (Aggleton, 1992, 1993, 2000; LeDoux, 1998). Sie wird bei allen Säugetieren einschließlich des Menschen vor allem als Zentrum der furcht- und angstgeleiteten Verhaltensbewertung angesehen. Läsionen der Amygdala führen zum Fortfall der Furcht- oder Angstkomponente von Geschehnissen, d. h. Menschen ohne Amygdala vermeiden offensichtliche Gefahrensituationen nicht, auch wenn sie diese "kognitiv" genau erkennen.
Die Amygdala besteht aus einer corticomedialen Gruppe, die vor allem mit der Verarbeitung olfaktorischer Informationen einschließlich "sozial" wirkender Gerüche (Pheromone) zu tun hat, einer basolateralen Kerngruppe, die in emotionales Lernen involviert ist, und einem zentralen Kern, der den Ausgangsbereich zum vegetativen System bildet. Die Amygdala ist mit allen wichtigen Teilen des Gehirns verbunden. Sie unterhält intensive Verbindungen mit dem assoziativen Isocortex, und zwar vornehmlich mit dem orbitofrontalen Cortex, dem visuellen, und dem auditorischen temporalen Assoziationscortex sowie mit der "Insel", d. h. dem gustatorischen und schmerzrelevanten Cortex, und dem cingulären Cortex. Allgemein sind die Bahnen von der Amygdala zum Isocortex stärker als die umgekehrten Bahnen. Daneben unterhält die Amygdala enge Verbindungen zum Hippocampus (s. u.).

Eine wichtige Rolle spielt der Eingang vom olfaktorischen System, denn Geruchsinformationen haben bekanntlich eine intensive Wirkung auf Gefühle und auf das Gedächtnis. Direkt bzw. über den Hypothalamus wirkt die Amygdala auf das gesamte hormonale und vegetative System, z. B. durch Aktivierung des sympathischen und parasympathischen Systems (vegetative Reaktionen), Aktivierung des dopaminergen, noradrenergen und cholinergen Systems (Erhöhung des Wachheitszustandes und der Verhaltensbereitschaft), der Kreislauf- und Atemfunktionen, der Gesichtsmimik, der Verteidigungs- und Fluchtreaktionen und der Ausschüttung von Corticosteroiden (s. oben). Allerdings ist zumindest beim Menschen die Amygdala auch an nicht furchtbedingten und positiv besetzten Zuständen im Zusammenhang mit Lernen und Gedächtnisbildung beteiligt (Robbins & Everitt, 1995; Cahill & McGaugh, 1998). Hierbei kommt der Verbindung der Amygdala zum Hippocampus eine wichtige Rolle zu.

Der Hippocampus ist zusammen mit der umgebenden Rinde der Organisator des bewusstseinsfähigen, deklarativen Gedächtnisses. Die Speicherung semantischen und episodischen Wissens findet allerdings nicht im Hippocampus und der umgebenden Rinde selbst statt, sondern modalitäts- und funktionsspezifisch in den verschiedenen Rindenarealen. Das bedeutet, dass das visuelle Gedächtnis in den Orten der Hirnrinde lokalisiert ist, wo auch visuelle Informationen verarbeitet werden, das auditorische Gedächtnis im auditorischen Cortex usw. Umgeben wird der Hippocampus vom entorhinalen Cortex. Praktisch alle Eingänge aus dem assoziativen Cortex sowie gustatorische und olfaktorische Eingänge zum Hippocampus laufen über den entorhinalen Cortex, der das corticale "Eingangstor" zum Hippocampus bildet. Die Ausgänge des Hippocampus ziehen über den entorhinalen Cortex wieder zu Zielgebieten in der Großhirnrinde zurück sowie zur Amygdala, zum basalen Vorderhirn, zum Nucleus accumbens und zum Hypothalamus.

Neuere Untersuchungen (Tulving & Markowitsch, 1998; Markowitsch, 1999; Aggleton & Brown, 1999) unterscheiden innerhalb des deklarativen Gedächtnisses ein episodisches Gedächtnis, das sich immer auf inhaltlich, räumlich und zeitlich konkrete Erlebnisse mit Bezug auf die eigene Person bezieht ("was mir Montag voriger Woche in Hamburg passierte"), und ein Wissensgedächtnis, das sich auf personen-, ort- und zeitunabhängige Tatsachen bezieht ("zwei mal zwei ist vier"). Die Einspeicherung des episodischen Gedächtnisses wird dem Hippocampus im engeren Sinne zugeordnet, das Wissensgedächtnis im benachbarten entorhinalen, perirhinalen und parahippocampalen Cortex (EPPC).

Hippocampus, EPPC und Amygdala arbeiten im Bereich des deklarativen und emotionalen Gedächtnisses und ganz allgemein bei Gefühlszuständen "arbeitsteilig". Im Rahmen einer klassischen Konditionierung, in dem in Normalpersonen ein Nebelhorn Schreckreaktionen auslöste, konnten Patienten mit einer bilateralen Schädigung der Amygdala genau angeben, welcher sensorische Stimulus mit einem Schreckreiz gepaart worden war, sie zeigten aber keine vegetative Angstreaktion, die über die Erhöhung des Hautwiderstands gemessen wurde (Bechara et al., 1995). Sie entwickelten also keine Angst- oder Schreckempfindungen und nahmen die Ereignisse "emotionslos" hin. Umgekehrt hatten Patienten mit bilateraler Schädigung des Hippocampus keine bewusste Information über die Paarung von sensorischem Reiz und Schreckreiz, zeigten aber eine deutliche vegetative Angstreaktion.
Während also ihr emotionales Gedächtnis funktionierte, versagte ihr deklaratives Gedächtnis, was nach der Hippocampus-Läsion auch zu erwarten war. Die Patienten mit Amygdala und ohne Hippocampus erlebten also Angst und Schrecken, ohne zu wissen, warum. Man nimmt entsprechend an, dass der Kontext, in dem ein negatives Ereignis stattfindet, im Hippocampus gespeichert wird. Beim Wiederauftreten dieses Ereignisses werden dann parallel sowohl die Fakten des Ereignisses als auch die emotionale Bewertung abgerufen. Negative Emotionen werden von der Amygdala entweder direkt oder über den Thalamus der Großhirnrinde, insbesondere dem präfrontalen Cortex, vermittelt und dadurch bewusst.

Ein "Gegenspieler" der Amygdala, zumindest was furchtbesetzte Reaktionen betrifft, ist das mesolimbische System, das aus dem ventralen tegmentalen Areal (VTA), dem lateralen Hypothalamus, dem Nucleus accumbens und angrenzenden ventralen Teilen des Striatum und Pallidum besteht. Das mesolimbische System dominiert bei der Registrierung und Verarbeitung natürlicher Belohnungsereignisse und stellt offenbar das zerebrale Belohnungssystem dar. Dieses System steht ähnlich wie die Amygdala in enger Beziehung zum präfrontalen, orbitofrontalen und cingulären Cortex. Das mesolimbische System stellt auch den Wirkort für Drogen einschließlich Alkohol und Psychopharmaka dar. Letztere erhöhen den Dopaminspiegel im VTA bzw. im Nucleus accumbens. Allerdings scheint nach neuesten Erkenntnissen eine Erhöhung des Dopaminspiegels nur für die Suchtentstehung, nicht aber für die Aufrechterhaltung der Sucht notwendig zu sein. Dopamin scheint im Lichte dieser Befunde eher als Signal für die Assoziation von Belohnung und bestimmten Ereignissen bzw. als "Voraussager" von Belohnung denn als "Belohnungsstoff" selbst zu fungieren. Diese Funktion kommt offenbar eher den hirneigenen Opiaten zu, deren Wirkort ebenfalls das mesolimbischeSystem ist (Panksepp, 1998; Schultz, 1998; Spanagel & Weiss, 1999).

Der Gyrus cinguli stellt neben der "Insel" und dem medialen und orbitofrontalen Stirnhirn den corticalen Teil des limbischen Systems dar. Er spielt neben dem somatosensorischen Cortex bei der Schmerzwahrnehmung eine wichtige Rolle; hierbei steht er in enger Beziehung mit anderen Schmerzzentren, vor allem dem insulären Cortex. Nach Zerstörung der cingulären Rinde vergessen Versuchstiere die zuvor gelernten schmerzbedingten Abwehr- und Vermeidungsreaktionen. Zusammen mit dem präfrontalen Cortex übt der vordere cinguläre Cortex eine Art Überwachungsfunktion (monitoring) bei der Verhaltenssteuerung aus (Carter et al., 1998; Gehring & Knight, 2000). Ebenfalls limbische Funktionen besitzt der insuläre Cortex (meist kurz "Insel" genannt), der im menschlichen Gehirn vom Stirn-, Scheitel- und Schläfenlappen des Cortex überdeckt wird. Er verarbeitet Geschmacksempfindungen sowie emotionale Zustände und ist auch an bewusster Schmerzempfindung beteiligt; hierbei sind Eingänge von der Amygdala und vom Hypothalamus wichtig.

4. Das limbische System als zentrales Bewertungssystem

Die genannten limbischen Zentren bilden das zentrale Bewertungssystem unseres Gehirns. Dieses System bewertet alles, was durch uns und mit uns geschieht, danach, ob es gut/vorteilhaft/lustvoll war und entsprechend wiederholt werden sollte, oder schlecht/nachteilig/schmerzhaft und entsprechend zu meiden ist (Roth, 2001). Es legt diese Bewertungen im emotionalen Erfahrungsgedächtnis nieder. Anhand dieses Gedächtnisses wird in jeder Situation, in die wir geraten, geprüft, ob diese Situation bereits bekannt ist bzw. einer früheren sehr ähnelt, und welche Erfahrungen wir damit gemacht haben. Dabei kommen die Details der Geschehnisse nicht aus den limbischen Zentren im engeren Sinne selbst, sondern werden über das deklarative Gedächtnis vom Hippocampus hinzu gefügt. Dies bildet die bereits erwähnte "Kooperation" zwischen Amygdala und Hippocampus. All das geschieht völlig unbewusst.

Stellt das Gehirn fest, dass wir eine Situation genauso oder ähnlich bereits erlebt haben, so werden mit den Erinnerungen an das frühere Geschehen die Inhalte des emotionalen Erfahrungsgedächtnis wieder aufgerufen und von uns als Gefühle erlebt, die uns dann als Neugierde, Belohnungserwartung oder Freude antreiben oder als Furcht und Abneigung warnen. Wenn allerdings Situationen völlig neu sind, dann heißt der Befehl: Tu etwas, das aufgrund früherer Erfahrungen sinnvoll erscheint, und prüfe, welche Folgen dies hat! Gleichzeitig rät das emotionale Gedächtnis zu Vor- und Umsicht, was wir als Aufregung und leichte Furcht, gepaart mit Neugier erleben.

Ohne dieses Bewertungssystem wären wir völlig hilflos, denn es sorgt dafür, dass unser Gehirn alle bewussten und unbewussten Handlungsentscheidungen immer im Lichte vergangener Erfahrung trifft. Dieses System beginnt seine Arbeit bereits im Mutterleib und setzt sie verstärkt in den ersten Wochen, Monaten und Jahren unseres Lebens fort - in einer Zeit also, in der die für uns wichtigsten Dinge passieren. In dieser Weise formt sich das, was man Charakter oder Persönlichkeit nennt, sehr früh und weitestgehend vorbewusst aus und wird zunehmend resistent gegen spätere Erfahrungen. Das Ich, welches sich in seinen typisch menschlichen Erscheinungsformen erst ab dem dritten oder gar vierten Lebensjahr zu entwickeln beginnt, wird in diese "limbische" Persönlichkeit hineingestellt und von ihr getragen.
Das bedeutet nicht, dass unser Charakter bereits mit drei Jahren festgelegt ist, aber der "Aufwand", ihn zu ändern, wird mit zunehmendem Alter größer. Im Erwachsenenalter erfordert es"emotionale Revolutionen" (z. B. die berühmten Lebenskrisen), damit sich an unserer Persönlichkeit noch etwas ändert. Das schließt ein "lebenslanges" Lernen keineswegs aus, nur betrifft dieses Lernen nicht unsere Persönlichkeitsstruktur, sondern in aller Regel Wissen und Fertigkeiten.

5. Die Interaktion von Verstand und Gefühlen bei der Verhaltenssteuerung

Wozu - so könnte man nun fragen - haben wir überhaupt eine bewusstseinsfähige Großhirnrinde, wenn doch alles emotional-unbewusst entschieden wird? Die Antwort hierauf lautet: Die unbewussten limbischen Zentren sind zur emotionalen Bewertung da, aber sie sind nicht zur schnellen, detaillierten Wahrnehmung komplexer Situationen befähigt. Der bewusstseinsfähige Cortex wird entsprechend immer dann eingeschaltet, wenn es darum geht, (1) große, insbesondere multimodale Datenmengen zu verarbeiten, (2) Geschehnisse in größeren Details zu beurteilen, insbesondere was ihre komplexe Zeitstruktur betrifft, (3) verschiedenartige Gedächtnisinhalte zusammenzufügen, (4) komplexe Handlungsplanung in neuartigen Situationen einschließlich schneller Voraussagen zu leisten.

Man kann die Großhirnrinde in diesem speziellen Sinne als einen besonders großen, leistungsstarken "Rechner" ansehen, der vom Gehirn dann eingesetzt wird, wenn es mit komplexen Dingen und Problemen konfrontiert ist, für die es keine fertigen Rezepte ("Subroutinen") parat hat. In unserer sozialen Umgebung ist das häufig der Fall, und dies scheint der Grund dafür zu sein, weshalb das Gehirn über viele Stunden unseres Tages unser Bewusstsein "eingeschaltet" lässt. Bei einigen Tieren nimmt man an, dass Bewusstseinsformen wie Aufmerksamkeit und Erleben zwar vorhanden, aber nicht immer aktiv sind.

Wir können uns die Interaktion von Verstand und Gefühlen an einem einfachen Beispiel klarmachen. Es geht um die Entscheidung darüber, wo, wie und mit wem wir unseren diesjährigen Sommerurlaub verbringen werden. Niemand wird daran zweifeln, dass eine solche Entscheidung von hoher emotionaler Relevanz ist. Stehen die Grundentscheidungen über das Ferienland mehr oder weniger fest, so sind angesichts der heutigen hochkomplexen Tourismussituation Verstand und Vernunft aufs Höchste gefordert: Wann ist für wie lange und für wie viel Geld und mit welchem Aufwand unser "Traumurlaub" überhaupt zu realisieren? Reist man mit Kindern, so gerät die Beantwortung der Frage zu einem alle Verstandesfunktionen beanspruchenden logistischen Problem. Haben wir nun mühsam ein halbwegs akzeptables Urlaubsszenario entwickelt, so wird dieser Vorschlag dem emotionalen Schiedsrichter in uns und unseren Angehörigen zur Letztprüfung vorgelegt. Hierbei erleben wir oft, dass ein noch so ausgeklügelter Plan nicht akzeptiert wird, weil er Konsequenzen enthält, die für uns selbst oder andere Beteiligte emotional nicht akzeptabel sind.

Wir sehen an diesem Beispiel, dass es ohne Verstand und Vernunft nicht geht, denn nur diese Instanzen verfügen über die Fähigkeit, komplexe Situationen adäquat zu behandeln und insbesondere längerfristige Konsequenzen von Entscheidungen herauszuarbeiten. Die Letztentscheidung wird jedoch emotional getroffen; Vernunft und Verstand allein entscheiden nichts. Dies muss natürlich eine Beleidigung unseres bewussten Ichs darstellen. Dieses Ich erlebt sich bekanntlich sowohl als Quelle unserer Wünsche, Gedanken, Vorstellungen und Handlungspläne als auch als Verursacher des Handelns, soweit es um Handlungen geht, bei denen wir entsprechend das Gefühl haben, wir seien es, die dies gewollt und schließlich auch veranlasst haben.

Grundlage der Beeinflussung des Bewusstseins durch das Unbewusste im Bereich der Gefühle, Wünsche und Vorstellungen ist ein System von Faserbahnen im Gehirn, "ventrale Schleife" genannt, die vom orbitofrontalen und cingulären Cortex zu subcorticalen limbischen Zentren laufen, vor allem zum ventralen Striatum/Nucleus accumbens, von dort aus zum ventralen Pallidum und zur Substantia nigra, und von dort direkt oder über thalamische Umschaltkerne auf den orbitofrontalen und cingulären Cortex zurückkehren. Über diese ventrale Schleife wirken die unbewusst arbeitenden limbischen Zentren auf unser Bewusstsein ein, und zwar in Form des Auftauchens positiver und negativer Gefühle, Gedanken, Assoziationen und Ziele und der Stärke des Wunsches, diese zu verwirklichen.

Die genannten subcorticalen limbischen Zentren werden ihrerseits beeinflusst von der Amygala und dem mesolimbischen System als den Hauptzentren des emotionalen Erfahrungsgedächtnisses, vom Hippocampus, der zu den genannten Zuständen die kognitiven Details und den Kontext "hinzuliefert", und vom basalen Vorderhirn als dem subcorticalen Zentrum für Aufmerksamkeitssteuerung. Unsere Wünsche werden selbstverständlich auch durch Umweltreize beeinflusst, indem wir bestimmte Dinge oder Vorgänge sehen, hören, riechen usw., aber diese müssen, um echte Handlungsantriebe zu werden, auf eine günstige interne Motivationslage treffen. Viele Umweltgeschehnisse lassen den einen "völlig kalt", während sie auf den anderen höchst stimulierend wirken, und dieser Sachverhalt wird durch das individuelle emotionale Erfahrungsgedächtnis bestimmt.

Charakteristisch ist, dass die corticale Bewusstseinsebene die starke Beeinflussung durch die subcorticalen limbischen Ebenen nicht wahrnimmt oder sie gar leugnet. Entsprechend scheinen unsere Gedanken, Absichten, Wünsche und Handlungspläne von nirgendwo her aufzutauchen", sie kommen uns "plötzlich", oder wir schreiben sie uns selbst zu, d. h. dem Ich. Die Erklärung für diesen Vorgang besteht darin, dass das bewusste Ich die Herkunft dieser intentionalen Empfindungen nicht zu den subcorticalen limbischen Zentren zurückverfolgen kann. Ganz offenbar ist es dem bewussten Ich auch unerträglich, die sich selbst zugeschriebenen Handlungsweisen als "unerklärt" stehen zu lassen. Das Ich konfabuliert, d. h. es liefert - aus Sicht des Beobachters - Pseudo-Erklärungen, und zwar in der Regel solche, die dem Selbstwertgefühl und den Erwartungen der sozialen Umgebung am besten entsprechen. Die dabei unvermeidlich auftretenden Diskrepanzen zwischen Tun und verbaler Erklärung werden durch ständige Abänderungen der verbalen Erklärungen zumindest vorübergehend behoben.

6. Abschlussbetrachtung: Verstand und/oder Gefühle

In dem immer noch lesenswerten Buch von W. Strombach "Die Gesetze des Denkens" (Strombach, 1970) heißt es zu Beginn "Jeder Mensch denkt, plant und handelt und wendet dabei logische Gesetze an. Seine logischen Fähigkeiten kompensieren den Mangel an Instinktgesichertheit, über die das Tier verfügt". Es besteht keine Frage, dass dies auch heute noch eine sehr verbreitete Anschauung darüber ist, in welcher Weise wir Menschen unser Handeln steuern, nämlich durch Denken, Verstand und Vernunft. Die hier skizzierten neueren Erkenntnisse über die neuronalen Grundlagen der Verhaltenssteuerung ergeben ein ganz anderes Bild, das freilich jedem Menschenkenner seit jeher geläufig ist: Vernunft, Verstand und Logik können Argumente für das eine oder das andere Handeln hin und her bewegen, entscheiden tun sie letztendlich nichts. Je wichtiger eine Entscheidung für einen Menschen ist, desto mehr wird er von bewussten und insbesondere unbewussten Gefühlen geleitet, denn diese sind "Kurzmitteilungen" des emotionalen Erfahrungsgedächtnisses. Dieses emotionale Erfahrungsgedächtnis ist eine Vernunft höherer Ordnung als das vernünftige Denken, denn es enthält in komprimierter Form das, was sich aus individueller Sicht im bisherigen Leben bewährt hat. Daraus folgt allerdings auch: In dem Maße, in dem Individuen unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben, erscheint ihnen ihr eigenes Verhalten und das ihrer Mitmenschen unterschiedlich vernünftig bzw. unvernünftig!

Allerdings sollte dies nicht als eine Abwertung vernünftigen, insbesondere auch logischen Denkens verstanden werden. Verstand und Vernunft sind außerordentlich wichtig, wenn es darum geht, nicht spontan und voreilig zu reagieren, sondern komplexe Situationen genau zu analysieren und entsprechend komplexe Handlungsplanung zu betreiben. Insofern ist der Ratschlag "Folge Deinem Verstand!" meist ein guter Rat. Jedoch ist mit dem Einsatz vernünftigen Denkens keineswegs garantiert, dass das limbische System den Resultaten dieses Einsatzes auch folgt. Dies hängt ausschließlich davon ab, welche Vor- und Nachteile sich das limbische System im Lichte der bisherigen Erfahrungen davon verspricht, und diese in dem Maße wirksam, in dem sie mit starken positiven oder negativen Gefühlen verbunden sind. Insofern regieren immer Emotionen als Ausdruck der gesamten bisherigen Erfahrungen unser Handeln, so sehr wir uns auch um Vernunft bemühen.


Literatur

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Anschrift des Verfassers:

Prof. Dr. rer. nat. Dr. phil. Gerhard Roth Institut für Hirnforschung, Universität Bremen, 28334 Bremen


Obige Textkopie ist eine Seite der Literaturempfehlung »Natur und Mensch« im LISS-KOMPENDIUM.


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