Literaturhinweise zur Thematik »Modellbildung und Kognitive Logik« 

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HomeIntelligenz und Modellgebrauch bei höheren Tieren

 

Dramatisch wird die Betrachtung des Modellgebrauchs, wenn man die Herkunft des Menschen aus dem Tierreich zum besseren Verständnis beizieht.

Dann muss man etwa dreihundert Jahre Evolutionstheorie und vergleichende Verhaltensforschung, insbesondere Primatenforschung berücksichtigen
(vgl. G. Ledyard Stebbins 1982, D. S. Bendall 1983, Stephen Walker 1983, Tim Ingold 1986, Graham Richards 1987).

 

siehe auch / see also: Frühmensch - Literatur Mensch und Tier

 

 

Tiere verwenden Modelle zur Orientierung, zum Werkzeuggebrauch und zur sozialen Kompetenz

 

Wir staunen immer wieder über die Orientierungsleistungen von Tieren, z. B. der Zugvögel und Insekten, der Hunde und Ratten.

Wir entdecken immer mehr Formen von Werkzeuggebrauch im Tierreich (Peter-René Becker 1993), und die "soziale Kompetenz" der Primaten ist ein beliebtes Diskussionsthema (z. B. Richard W. Byrne, Andrew Whiten 1988, Frans B. M. de Waal 1989).

Dazu einige historische Bemerkungen.

 

Haben Tiere Bewusstsein?

 

Es gibt verschiedene Auffassungen von Bewusstsein:

·        Wir reservieren es ganz für den Menschen.
Das ist z. B. die Auffassung von Volker Schurig (1976) und vielen anderen. Er unterscheidet Psychisches und Bewusstsein. Das Psychische hat sich in 1 Milliarde Jahren entwickelt, das Bewusstsein in den letzten 10 oder 5 Millionen Jahren.
Nach der Evolutionstheorie müsste irgendwo bei der Abzweigung des Menschen von der äffischen Linie das Bewusstsein entstanden sein. Ebenfalls gemäss Evolutionsbetrachtung müssten dann bei den nächsten Affen Vorstufen des Bewusstseins vorhanden sein.
Konrad Lorenz nahm das an beim sog. einsichtigen Verhalten von Köhlers Schimpansen.

·        Genau so gut kann man das Bewusstsein aber auch bei den Tieren generell suchen.
Seit etwa 1960 versucht eine neue Strömung in der Evolutionsbiologie, die cognitive ethology, Bewusstseinsprozesse bei Tieren ausfindig zu machen. Dabei kommt es freilich auf die Definition von Bewusstsein an. Dabei tauchen auch immer andere Begriffe auf: Intelligenz, Denken, Überlegung.
Seither häufen sich die (englischen) Bücher über „Animal Intelligence“. Der Obertitel ist "animal mind".

 

Donald R. Griffin hat eine interessante Zusammenstellung gemacht. Er hat in aufsteigender Reihe angeordnet, was wir den Tieren ohne Bedenken zuordnen, und was nur sehr zögernd. Dabei sind in den letzten Jahren zunehmend auch "höhere" Tätigkeiten, wieder, den Tieren zugeordnet worden.

Griffin hat seine Ideen unter dem Titel "Wie Tiere denken" (1985, engl. 1984) zusammengefasst. In eine ähnliche Richtung geht Heini Hedinger: in seinem Buch: "Tiere verstehen" (1980).

 

Empirische Untersuchungen zum tierischen Bewusstsein

 

Dem tierischen Bewusstsein versuchte man sich in drei interessanten Untersuchungen zu nähern.

Die erster betrifft die Frage: Weiss ein Tier, was es tut?

1974 versuchten die experimentellen Psychologen Beninger, Kendall und Vanderwolf herauszufinden, ob Ratten ihr eigenes Verhalten unterscheiden können. Sie trainierten sie darauf, bei vier Verhaltensweisen einen von 4 verschiedenen Hebeln zu drücken, wenn ein Summer ertönte, also z. B. bei: sich putzen, herumlaufen, sich aufrichten, ruhen.

Und siehe da, sie konnten das. In 70-90 % der Fälle reagierten die Ratten richtig. Es wäre also durchaus möglich, dass Ratten ein gewisses Bewusstsein davon haben, was sie gerade tun.

 

Bekannter ist das Beispiel von den Schimpansen, welche sich im Spiegel betrachten (Gordon G. Gallup jr. 1970). Zuerst betrachten sie das Bild als ein anderes Tier, aber nach etwa drei Tagen fangen sie an, eigene Körperteile zu berühren, während sie in den Spiegel schauen; bald benützen sie den Spiegel auch, um Körperteile zu sehen und berühren zu können, die sie ohne Hilfe des Spiegels nicht sehen können.

Nach 10 Tagen anästhetisierte Gallup seine Schimpansen und malte ihnen einen geruchlosen roten Fleck über eine Augenbraue und an die obere Hälfte des Ohres auf der entgegengesetzten Kopfseite. Als die Tiere erwacht waren, führte er sie vor den Spiegel, worauf sie sofort mit den Fingern die farbigen Stellen an ihrem Kopf berührten und daran herumrieben. Oft betrachteten und beschnupperten sie hernach die Finger, als ob sie erwarteten, dass etwas von der Farbe daran haften geblieben sei.

Von allen andern Tieren zeigten vorerst nur noch die Orang-Utans dieses Verhalten; Gorillas z. B. nicht. Allerdings konnte bei Tauben und Elephanten später ähnliches Verhalten erwirkt werden.

 

Betreffen diese beiden Experimente so etwas wie das Körperbewusstsein, so kann man auch noch weiter suchen, z. B. ob Tiere bei anderen Wesen emotionale oder kognitive Vorgänge identifizieren können.

David Premack und G. Woodruff (“Does the chimpanzee have a theory of mind?“ 1978) zeigten Schimpansen einen Videofilm, in welchem ein Mensch, vergeblich, eine unerreichbar hoch aufgehängte Banane zu ergreifen suchte. Nachher legten sie den Schimpansen zwei Photos vor. Auf dem einen waren zwei Kisten aufeinandergestellt, auf den andern nebeneinander. Die Affen wählten das Photo, auf dem die beiden Kisten aufeinander standen. Das könnte bedeuten: Die Affen erkannten, dass der Mensch im Videofilm die Absicht oder den Wunsch hatte, die Banane zu erreichen.

 

Was ist Psychologie?

 

Andere Untersuchungen betreffen Täuschungsmanöver bei Tieren. Sie kommen häufig vor.

1980 veröffentlichte Nicholas K. Humphrey einen Beitrag zu einem Sammelband unter dem Titel: "Nature's psychologists". Dahinter steckt die Frage: Gibt es in der Natur, d. h. ausserhalb des Menschen, bereits Psychologen Was heisst das?

 

Dass wir Menschen uns als Psychologen fühlen, ist wohl allgemein akzeptiert. Dass aber auch Tiere Psychologen sein sollen, kommt uns merkwürdig vor. Was verstehen die Verhaltensforscher denn unter Psychologie?

Psychologie ist ein verständiger Umgang mit andern Menschen oder Lebewesen.

Die eine Hälfte der Bewältigung von Problemen im Leben betrifft den Umgang mit andern Menschen, mit seinesgleichen. Dann gibt es aber noch eine andere Hälfte, den Umgang mit Sachen, z. B. Probleme der Fortbewegung, Orientierung und Suche eines Schlafplatzes, Nahrungsbeschaffung, Schutz gegen Naturerscheinungen, Vermeiden von Giften, usw. Dabei zeigen die Objekte des Umgangs einen bedeutsamen Unterschied: Andere Lebewesen reagieren auf das Verhalten des Subjekts, die „Sachen“, also die materielle Umgebung, kaum.

 

Aus weiter Distanz können wir also beim Menschen zwei Lebens-Aufgaben sehen:

1.      Umgang mit seinesgleichen, mit andern Lebewesen; dazu braucht er Psychologie oder soziale Intelligenz.

2.      Bewältigung praktischer, technischer Probleme; dafür braucht er, grob gesagt, biologische, physikalische und handwerkliche Kenntnisse. Wir können pauschal von technischer Intelligenz sprechen.

 

Analog können wir auch bei „Animal Intelligence“ soziale von technischer Intelligenz unterscheiden.

Dazu haben wir eine neue Definition: Psychologie = „Soziale Intelligenz“.

Merkwürdigerweise hat man sich sowohl bei der Erforschung des frühen Menschen als auch der Tiere vorwiegend mit der technischen Intelligenz abgegeben, also z. B. mit Werkzeugherstellung und -gebrauch beim Frühmenschen oder Orientierungsleistungen, Beutefang und Nestbau bei Tieren.

 

Gewiss, auch das soziale Verhalten wurde studiert. Beim frühen Menschen kann man darüber spekulieren; dasjenige von Tieren kann man beobachten. Das ist auch über Jahrhunderte geschehen. Aber: Es blieb meist nur bei Verhaltens-Beschreibungen. Man fragte sich selten, was dahinter steckt. Doch halt, das stimmt nicht ganz, Man fragte schon, was dahinter steckt. Aber meist projizierte man in die Tiere einfach menschliche Motive und Fähigkeiten. Das änderte sich in der Aufklärungszeit.

 

Was steckt hinter dem Verhalten von Tieren?

 

Was also steckt hinter dem praktischen und sozialen Verhalten der Tiere, speziell demjenigen der Primaten?

Bereits 1647 hat Marin Cureau de la Chambre in seinem „Traité de la connoissance des animaux“ (dt. 1751) den Tieren Überlegung zugeschrieben, aber nur partikuläre, nicht wie bei den Menschen „universelle“.

 

Die noch heute unterschiedlichen Auffassungen über die Hintergründe tierischen Verhaltens  gehen auf die Jahre um 1750 zurück. Die beiden Erklärungsversuche sind Instinkt und Intelligenz. Der Philosoph David Hume hat einerseits den Instinktbegriff eingeführt (1750), anderseits in seinem „Enquiry concerning human understanding“ (1748) ein Kapitel über die Vernunft (reason) der Tiere eingefügt.

 

Bekannter geworden ist die nachfolgende Auseinandersetzung. Einer der frühen Begründer der vergleichenden Psychologie, der Professor für orientalische Sprachen, Hermann Samuel Reimarus, führte 1760 das Verhalten der Tiere, inklusive Kunstfertigkeit, auf Instinkte zurück.

 

Schon 11 Jahre früher, 1749, hat ein anderer Tierpsychologe, der Philosoph Georg Friedrich Meier, den gegenteiligen Standpunkt vertreten. Er schrieb den Tieren, sogar Insekten, nicht nur Intelligenz, sondern auch Vernunft zu. Wir würden heute von „Problemlösungsfähigkeit“ sprechen.

Meier beobachtete z. B., wie eine Ameise eine tote Fliege fortzubewegen versuchte. Als es ihr nicht gelang, verschwand sie. Darauf kam eine zweite Ameise und versuchte, die Fliege wegzuschaffen. Nach Meier gab es keinen Zweifel darüber, dass die erste Ameise der zweiten ihre Schwierigkeiten berichtet hatte und auf diese Weise eine intelligente Zusammenarbeit zustande kam (nach A. A. Roback 1970, 321f). Wir könnten in unserer heutigen Ausdrucksweise sagen, die Ameise habe ein technisches Problem mit sozialer Intelligenz gelöst.

 

Für die damalige Zeit war das eine mutige Behauptung. Seither jedenfalls besteht der Streit zwischen Gelehrten, welchen Tieren wir Instinkt oder aber auch Intelligenz zusprechen. Besonders um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Diskussion stark im Gange. So schrieb etwa schon 1841 der Gehirnforscher Pierre-Jean-Marie Flourens „ De l’instinct et de l’intelligence des animaux''. 1864 erschien von ihm ein Buch über „Psychologie comparée“.

 

Gleichzeitig wurden die ersten Theorien über Lernen (Alexander Bain 1855), Gedächtnis (C. G. Carus 1850; E. Hering 1870), Denken (G. Broole 1854; F. C. Donders 1868) und den Erfindergeist resp. Kreativität aufgestellt.

 

„Animal Intelligence“ und „Comparative Psychology“

 

Der Zoologe George John Romanes schrieb 1876 über „Conscience in animals“ und veröffentlichte 1882 sein grundlegendes Werk über „Animal Intelligence“. Es inspirierte den Biologen Conwy Lloyd Morgan zu den Berichten seiner experimentellen Untersuchungen

·        „Animal Life and Intelligence” (1890-91)

·        “Introduction to Comparative Psychology” (1894)

·        “Habit and Instinct” (1896) und die Revision davon:

·        “Animal Behavoir” (1900).

 

Der amerikanische Psychologe Edward Lee Thorndike studierte als erster das Tierverhalten im Labor. Er begann in Harvard mit Hühner, wechselte dann aber zur Columbia University und doktorierte dort 1898 über Katzen, die er in „puzzle boxes“ beobachtete. Damit begründete er zugleich die moderne Lernpsychologie, die er bald (1901) auf den Menschen ausdehnte. Daraus entwickelte sich auch die „Theory of Mental and Social Measurements“ (1904).

 

1900 doktorierte an der Clark University der Psychologe Willard Stanton Small mit experimentellen Untersuchungen über „mental processes“ von Ratten, die sich in einem Labyrinth, analog demjenigen von Hampton Court in London, bewegten.

 

In Harvard forschte seit 1899 der Psychobiologe Robert Mearns Yerkes. Sein Interesse galt kleinen wie grossen Tieren. 1907 erschien sein Buch „The Dancing Mouse“,  1911 ein Bericht über „The intelligence of earthworms“ und 1916 „The mental life of monkeys and apes“. Zur Untersuchung der höheren Primaten richtete er später die „Yale Laboratories of Primate Biology“ ein.

 

Der deutsche Forscher Wolfgang Koehler betitelte seine Untersuchungen über die Menschenaffen, die er im ersten Weltkrieg auf Teneriffa durchführte, als "Intelligenzprüfungen an Anthropoiden" (1917). 1921 schrieb er einen Aufsatz über Vorstellungen, Sozialleben und Spiele der Schimpansen („ Zur Psychologie der Schimpansen“).

In den Jahren 1928 bis 1932 beobachtete der südafrikanische Anatom Solly Zuckerman das Verhalten der höheren Primaten am Affenfelsen im Londoner Zoo. Er berichtete darüber in zwei Büchern:

·        „The Social Life of Monkeys and Apes“ (1932) und

·        “Functional Affinities of Man, Monkeys and Apes” (1933)

 

Daneben stand aber stets der Instinktbegriff immer noch hoch Kurs; dazu kamen zahlreiche Untersuchungen über Lernen und Gedächtnis.

 

„Cognitive Factors“

 

Die Überleitung zur heutigen Diskussion „Animal Intelligence“ verdanken wir dem amerikanischen Psychologen Edward Chace Tolman.

Er untersuchte Ratten im Labyrinth, wobei ihn vor allem „cognitive factors“ interessierten. Einer der ersten Berichte darüber erschien 1917: „More concerning the temporal relations of meaning and imagery“. Weitere Berichte über „higher mental processes in animals“ und „’insight’ in rats“veröffentlichte er 1927 resp. 1930. Sein Wälzer „Purposive Behavior in Animals and Men“ (1932) erreichte mehrere Auflagen.

 

Nach Tolman lernt ein Tier nicht eine Folge von Bewegungen, sondern Beziehungen zwischen einzelnen Reizen (Zeichen) und dem Verhaltensziel (z. B. Futter), wobei die Erwartung eine wesentliche Rolle spielt.

Die von Tolman eingeführte Bezeichnung „cognitive map“ bezeichnet assoziative Beziehungen zwischen Mittel, Weg und Ziel, die beim Erreichen eines Verhaltensziels gebildet werden. Durch wiederholte Konfrontation mit der gleichen Situation wird diese „kognitive Landkarte“ gefestigt und verbessert so die Leistung, was als Lernen interpretiert wird. Wie eine Landkarte führt sie das Verhalten und ermöglicht auch die Anpassung an veränderte Bedingungen.

 

„Cognitive ethology“

 

Seit etwa 1960 gibt es so etwas wie eine internationale Forschungsrichtung "cognitive ethology" (einer der Wortführer ist Donald R. Griffin 1976, 1984) mit einer deutschen Abart, der "evolutionären Erkenntnistheorie" (Konrad Lorenz, Franz M. Wuketits 1983).

 

Sie versucht, Gehirnprozesse zu untersuchen, gefasst in Worten wie Geist, Denken, Überlegung, kognitive oder Kognitionsleistungen, Intelligenz, Modellbildung, Repräsentation, Bewusstsein, Motivation, vor-kulturelles oder moral-analoges Verhalten.

Die Universität Zürich ist mit namhaften Vertretern dabei. Erwähnt seien die Zoologen Heini Hediger (1980), Hans Kummer (1957, 1971, 1982) und Rüdiger Wehner (1982, 1990) sowie die Psychologen Doris Bischof (1980, 1985, 1993) und Norbert Bischof (1978, 1985, 1987).

 

Einige Verwandtschaft ergibt sich dabei zu zwei neueren Forschungsrichtungen, die sich seit etwa 1970 mit sogenannten "Überzeugungssystemen" (ideological systems) und Ritualen der Höhlenbewohner und Naturvölker befassen: "Cognitive Archaelogy" und "Cognitive Anthropology".

 

Ebenfalls erst in jüngster Zeit hat sich eine "cognitive biology" (z. B. B. C. Goodwin 1976-1994; Margaret A. Boden 1980) herausgebildet. Sie betrachtet die Evolution als werde sie kognitiv kontrolliert.

 

Eher als Kuriosität darf gewertet werden, dass der ostdeutsche Philosoph Georg Klaus in seinem "Wörterbuch der Kybernetik" (1967/69) erwähnt, verschiedene Tierarten verwendeten verletzte Beutetiere als Modell zur Demonstration und zur Übung für ihre Jungen, die lernen sollen, die Beute zu fangen.

 

Machiavellische Intelligenz bei Tieren

 

Die These der Vertreter einer „Machiavellischen Intelligenz“ (Richard W. Byrne, Andrew Whiten 1988) bei Primaten lautet: Nicht die zunehmend bessere Verwendung und Herstellung von Werkzeugen, noch die Probleme der Nahrungsbeschaffung, haben die Intelligenz gefördert, sondern die Probleme des Sozialen, des Zusammenlebens, insbesondere sexueller Wettstreit.

So hat Alison Jolly schon 1966 formuliert: "Der soziale Gebrauch der Intelligenz ist von grösster Bedeutung für alle sozial lebenden Primaten ...Soziale Integration und Intelligenz haben sich vermutlich zusammen entwickelt, wobei sie einander in einer aufsteigenden Spirale gegenseitig verstärkten."

 

Was ist dabei "machiavellisch“? Der Einsatz der Intelligenz als "soziales Werkzeug" (Hans Kummer 1971), d.h. um andere zu beeinflussen, manipulieren, ausbeuten und täuschen. Da aber andere Lebewesen auf solche Versuche reagieren, und zwar in schwer vorherzusehender Weise, ist das nicht leicht. Das bildet einen Ansporn für die soziale Intelligenz. Sie versucht, Strategien zu verbessern.

Dabei haben diese Strategien eine zweiseitige Funktion: Sie können dazu dienen, den eigenen Vorteil zu bewirken. Sie können aber auch dem Zusammenhalt der Gruppe, des Sozialgefüges dienen.

In Ergänzung zu Volker Schurig kann man sagen: Bewusstsein geht hervor aus der Fähigkeit, Aktionen anderer vorherzusehen und dementsprechend zu handeln. Diese spezielle Fähigkeit nenne wir soziale Intelligenz oder Psychologie. In einer Formel: „Das Bewusstsein geht hervor aus dem Psychischen und einer speziellen Fähigkeit, der Psychologie.“

 

Was es zu sozialen intelligenten Strategien braucht, ist folgendes:

·        Kenntnis der sozialen Beziehungen (z. B. Verwandtschaft, Gruppenzugehörigkeit) und Ränge

·        Vermutungen über Motive, Gefühle und Absichten bei andern

·        die Fähigkeit, Allianzen mit den richtigen Partnern einzugehen.

 

Zahlreiche Untersuchungen wurden in den letzten Jahren dazu unternommen, darunter auch in Zürich, von Verena Dasser in Zusammenarbeit mit Hans Kummer am Zoologischen Institut der Universität. Hans Kummer hat selber in mehreren Aufsätzen über Freilandbeobachtungen berichtet. Frans de Waal von der Universität Utrecht, hat ein ganzes Buch über seine Beobachtungen geschrieben: "Chimpanzee Politics" (1982).

 

Ein mittlerweile klassisches Beispiel für "Gedankenlesen" wurde bereits erwähnt. Premack und Woodruff führten ihrer Äffin Sarah Videoaufnahmen vor, in denen ein Mensch vergeblich versuchte, eine Banane zu erreichen. Nachher zeigten die Forscher Sarah Photos, unter denen eines war, in dem die Lösung des Problems angeboten wurde, z. B. auf einen Stuhl steigen oder mit einem Stock die Banane hinunterschlagen. In über 80 % der Fälle wählte Sarah das richtige Photo aus. Sarah hat also erkannt, dass der Mensch die Banane erreichen wollte.

 

Täuschungsmanöver bei Tieren

 

Das hat noch nichts mit Machiavelli zu tun. Ein paar andere Beobachtungen und Experimente geben aber Hinweise in diese Richtung.

Es geht um absichtliche Täuschungen (deceit). Anekdotische Berichte darüber sind häufig, z. B. über Warnrufe vor einem Feind, der gar nicht vorhanden ist.

 

Interessanter ist da ein weiteres Experiment von Premack und Woodruff. Sie arbeiteten mit insgesamt vier Affen und zwei Wärtern. Die Situation war folgende: In einem von zwei Behältern war Futter versteckt. Die Affen wussten in welchem, aber die Wärter nicht. Die Behälter waren überdies den Affen nicht zugänglich, aber den Wärtern. Also mussten die Affen auf irgendeine Art dem Wärter signalisieren, in welchem Behälter das Futter war, z. B. durch Blickrichtung, Körperorientierung oder Zeigen.

Nun waren es aber zwei verschiedene Wärter, ein guter und ein "böser". Der gute öffnete den Behälter und gab den Affen das Futter, der böse behielt es für sich und ging damit weg. Die Affen lernten rasch, dem "bösen" Wärter keine Hinweise mehr zu geben. Der älteste Affe ging noch weiter, er zeigte dem "bösen" Wärter den falschen Behälter!

 

Dieses Experiment wurde vielfach kritisiert. Es ist nämlich sehr schwierig, herauszufinden, was in dem Affen vorging, z. B. ob er wirklich täuschen wollte. Es könnte nämlich sein, dass die Affen einfach neugierig waren, was der "böse" Wärter angesichts der Verweigerung des Hinweises oder gar des falschen Zeigens machen würde. Diese Begründung ist gar nicht so abwegig, wie die Anekdote vom Dorftrottel zeigt.

 

Nun, insgesamt gesehen, gibt es eine ganze Reihe von Beobachtungen einfacher Täuschungsversuche von Primaten, insbesondere

·        Verstecken (sich selber oder Objekte)

·        Verheimlichen (z .B. dass man Futter gesehen hat)

·        Ablenken (z. B. durch andere Blickrichtung) oder

·        So tun als ob.

 

Aber:

1. Solche Täuschungen sind selten, sie sind nicht habituell. Sie sind meist harmlos.

2. Man hat nie feststellen können, dass ein Tier einem andern gegenüber vorgibt, es habe etwas getan, was es nicht getan hat, oder es wisse etwas, was es tatsächlich nicht weiss. Solches tut offenbar nur der Mensch, und er verwendet dafür die Sprache; er lügt.

 

Ein Soziobiologe formulierte ganz extrem: "Die menschliche Gesellschaft ist ein Netz von Lügen und Täuschungen, das sich nur hält, weil ganze Systeme von Konventionen darüber entstanden sind, welche Lügen erlaubt sind“ (Richard D. Alexander 1977).

 

 

Literatur zum Vorspann

 

G. Ledyard Stebbins: Darwin to DNA, Molecules to Humanity. San Francisco: Freeman 1982.

D. S. Bendall: Evolution from molecules to men. Cambridge University Press 1983 (Konferenz zum 100. Todestag Darwins , 1982).

Stephen Walker: Animal Thought. London: Routledge & Kegan Paul. 1983.

Tim Ingold: Evolution and social life. Cambridge University Press 1986.

Graham Richards: Human Evolution. An introduction for the behavioural sciences. London: Routledge & Kegan Paul 1987.

 

 

Literatur

 

1647-1900

 

Marin Cureau de la Chambre: Traité de la connoissance des animaux. 1647; dt. Betrachtungen über die Erkenntniss der Thiere. 1751.

Georg Friedrich Meier: Versuch eines neuen Lehrgebäudes von den Seelen der Thiere. Halle: Hemmerde 1749, 2. ed. 1750.

Hermann Samuel Reimarus: Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich über ihre Kunst-Triebe. Hamburg: Bohn 1760.

Pierre Jean Marie Flourens: Résumé analytique des observations de Frédéric Cuvier sur l'instinct et l'intelligence des animaux. Paris 1841; 2. ed. u. d. T.: De l'instinct et de l'intelligence des animaux. 1845, 4. ed. 1861.

Edward Lee Thorndike: Animal intelligence. An experimental study of the associative processes in animals. Diss. Columbia Univ., New York, 1898; The Psychological Review. Series of Monograph Supplements, vol. 2, no. 4 (whole no. 8), June, 1898.

Willard Stanton Small: Experimental studies of the mental processes of the rat. Thesis, Clark University 1900; American journal of psychology 11, 1900, 133-165; Worcester, Orpha 1900.

 

1950-1993

 

Hans Kummer: Soziales Verhalten einer Mantelpaviangruppe. Beiheft 33 zur Schweizerischen Zeitschrift für Psychologie 1957 (schliesst von Pavianen auf den Frühmenschen).

Alison Jolly: Lemur social behavior and primate intelligence. Science 153, 1966, 501-506. Reprint in Richard W. Byrne, Andrew Whiten (Ed.): Machiavellian Intelligence. 1988, 27–33.

Georg Klaus (Ed.): Wörterbuch der Kybernetik. Frankfurt a. M.; Hamburg: Fischer Bücherei, 2 Bde, 1969 (1. ed. Berlin-Ost: Dietz 1967).

Hans Kummer: Primate Societies. Chicago: Aldine 1971; dt.: Sozialverhalten der Primaten. Springer: Heidelberger Taschenbuch 162, 1975.

Volker Schurig: Die Entstehung des Bewusstseins. Frankfurt: Campus 1976.

Donald R. Griffin: The question of animal awareness. Evolutionary continuity of mental experience. New York 1976.

Brian Carey Goodwin: Analytical physiology of cells and developing organisms. London: Academic Press 1976.

David Premack, Guy Woodruff: Does the Chimpanzee have an theory of mind? 1978.

Norbert Bischof: On the Phylogeny of Human Morality. In G. S. Stent (Ed.): Morality as a Biological Phenomenon. Berlin Dahlem Konferenzen 1978, 53–74; Reprint 1980, 48-66.

Doris Bischof: On the Phylogeny of Human Motivation. Manuskript, Zürich 1980 (78 Seiten).

Nicholas K. Humphrey: Nature's Psychologists. In B. D. Josephson, V. S. Ramachandran (Ed.): Consciousness and the physical world. Pergamon Press 1980, 57-75 (Symposium 1978; Vortrag basiert auf Lecture 1977).

Heini Hediger: Tiere verstehen. Erkenntnisse eines Tierpsychologen. München: Kindler 1980.

Margaret A. Boden: The case for a cognitive biology. Proceedings of the AristotelianSociety, Supplementary Vol. 54, 1980, 25-40.

Hans Kummer: Social knowledge in free-ranging primates. In Donald R. Griffin (Ed.): Animal Mind - Human Mind. 1982, 113-130.

Rüdiger Wehner: Himmelsnavigation bei Insekten. Neurophysiologie und Verhalten. Neujahrsblätter der Naturforschenden Gesellschaft Zürich, 1982, Nr. 182, 1-132.

Frans de Waal: Chimpanzee Politics. Power and sex among the apes. London 1982; dt.: Unsere haarigen Vettern. Neueste Erfahrungen mit Schimpansen. München: Harnack 1983.

Gordon G. Gallup jr.: Self-awareness and the emergence of mind in primates. Am. J. Primatol. 2, 1982, 237-248.

Brian Carey Goodwin, Nigel Holder (Ed.): Development and evolution. Cambridge : Cambridge University Press 1983.

Gordon G. Gallup, Jr.: Toward a Comparative Psychology of Mind. In Roger L. Mellgren (Ed.): Animal Cognition and Behavior. North-Holland 1983, 473–510.

Konrad Lorenz, Franz M. Wuketits (Ed.): Die Evolution des Denkens. München: Piper 1983 (12 Beiträge zur "evolutionären Erkenntnistheorie"; betreffs Hauptthema unbefriedigend, in der 2 .Hälfte einige interessante Aufsätze).

Donald R. Griffin: Animal Thinking. 1984; dt.: Wie Tiere denken. Ein Vorstoss ins Bewusstsein der Tiere. München: BLV 1985, als dtv-Taschenbuch 1990.

Doris Bischof-Köhler: Zur Phylogenese menschlicher Motivation. In Lutz H. Eckensberger, Ernst-D. Lantermann (Ed.): Emotion und Reflexivität. München: Urban & Schwarzenberg 1985, 3–47.

Norbert Bischof: Das Rätsel Ödipus. Die biologischen Wurzeln des Urkonfliktes von Intimität und Autonomie. München: Piper 1985, als Taschenbuch in der Serie Piper 1989. 6. Teil: Natur und Kultur, 501–594.

Norbert Bischof: Zur Stammesgeschichte der menschlichen Kognition. Schweiz. Zs. für Psychologie 46, 1987, 77–90.

Richard W. Byrne, Andrew Whiten (Ed.): Machivellian Intelligence. Social Expertise and the Evolution of Intellect in Monkeys, Apes, and Humans. Oxford: Clarendon 1988.

Frans B. M. de Waal: Peacemaking among Primates. Cambridge, Mass.: Harvard University Press 1989; dt.: Wilde Diplomaten. Versöhnung und Entspannungspolitik bei Affen und Menschen. München: Hanser 1991.

Rüdiger Wehner, Randolf Menzel: Do Insects Have Cognitive Maps? Annu. Rev. Neurosci. 1990, Heft 13, 403-414.

Brian Carey Goodwin, Peter Saunders: Theoretical biology. Epigenetic and evolutionary order from complex systems. Baltimore, London: Johns Hopkins University Press 1992.

Peter-René Becker: Werkzeuggebrauch im Tierreich. Wie Tiere hämmern, bohren, streichen. Stuttgart: Hirzel 1993.

Doris Bischof-Köhler: Spiegelbild und Empathie. Die Anfänge der sozialen Kognition. Hogrefe 1993.

Brian Carey Goodwin: How the leopard changed its spots. The evolution of complexity. London: Weidenfeld & Nicolson 1994.


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